Re-Commerce – nachhaltiger Shoppen 2022

Die beiden letzten Jahre werden uns allen sicher noch lange im Gedächtnis bleiben. Auch für den Handel hatten die pandemiebedingten Maßnahmen spürbare Konsequenzen. Wir sprachen mit Retourenmanagement-Spezialist Oliver Lauterwein von BuyBay, über seine Marktbeobachtungen und warum er “Re-Commerce” als Megatrend für das Jahr 2022 in Puncto Nachhaltigkeit sieht.

Im Onlinehandel gab es offensichtlich einen Boost in den letzten zwei Jahren. Welche Veränderungen hat das angestoßen?

Oliver Lauterwein: Ja das stimmt, laut dem Statistischen Bundesamt wuchsen die Umsätze im deutschen Internet- und Versandhandel bereits im Jahr 2020 um 23,8 Prozent. Zwischen Mai und September 2021 gab es nochmals einen Anstieg um fast neun Prozent[i]. Das hatte auch Auswirkungen auf die Marktlandschaft. Nach einer längeren Konsolidierungsphase wuchs der Wettbewerb wieder, und es haben sich neue Anbieter am Markt etabliert. Die Studie „Die Marktplatzwelt 2020“ listet allein in der DACH-Region mehr als 170 verschiedene Marktplätze auf[ii]. Hinzu kommen zahlreiche spezialisierte Onlineshops.

Gleichzeitig lässt sich auch eine Veränderung des Einkaufverhaltes vieler Konsumenten erkennen, sie werden nicht nur anspruchsvoller, sondern achten stärker auf Kriterien, wie Nachhaltigkeit. Das hat auch das Interesse am sogenannten „Re-Commerce“ befeuert. Bereits in diesem Jahr gab es immer mehr spezialisierte Re-Commerce Plattformen sowie Marken und Online-Händler, die diesen Trend aufgegriffen haben. Für 2022 erwarte ich, dass sich diese Bewegung noch stärker im Mainstream etablieren wird.

Bevor wir näher darauf eingehen: was genau ist Re-Commerce?

Oliver Lauterwein: Der Begriff „Re-Commerce“ leitet sich vom Begriff E-Commerce für den „elektronischen Handel“ und dem Wort Re- für „wieder“ oder „erneut“ ab. Damit steht Re-Commerce für den Wiederverkauf von gebrauchten, neuwertigen oder auch defekten Produkten und Geräten. Vor dem erneuten Verkauf werden diese in der Regel geprüft und gegebenenfalls repariert oder aufbereitet. Danach gelangen sie zurück in den Konsum- und Wiederverwendungs-Zyklus.

Nach aktuellen Schätzungen gibt es bereits rund 40 Re-Commerce Anbieter im deutschsprachigen Raum – von Spezialisten für Segmente wie Mobilfunk oder Sportgeräte, bis zu Plattformen mit einem breit aufgestellten Portfolio. Ich bin sehr gespannt, welche Neuerungen uns in diesem spannenden Markt 2022 erwarten.

Warum wird Re-Commerce gerade jetzt so populär?

Oliver Lauterwein: Da gibt es mehrere Gründe – sowohl von Seiten der Unternehmen als auch von Seiten der Konsumenten. Schauen wir und zunächst die Sicht der Unternehmen an. Spätestens seit der UN-Klimakonferenz in Glasgow ist klar, dass nachhaltiges Handeln kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit ist. Corporate Social Responsibility (CSR) ist daher auf der Agenda vieler Firmen sehr weit nach oben gewandert. Das Thema Elektroschrott ist beispielsweise ein wunder Punkt auf der europäischen und deutschen Nachhaltigkeits-Agenda. Laut Bundesumweltministerium fallen pro Jahr und Kopf 20 Kilo Elektroschrott in Deutschland an – das wären über 1,5 Millionen Tonnen insgesamt. Deutschland verfehlt auch das EU-Ziel von 65 Prozent für die Rücklaufquote an Elektronik – bisher werden hier nur 44,3 Prozent der Elektrogeräte und Komponenten recycelt. [iii]

Auf der einen Seite sehen sich viele Unternehmen in der Verantwortung und möchten gezielt einen Beitrag zu einer nachhaltigeren Wirtschaft und Gesellschaft leisten. Auf der anderen Seite werden sie auch durch Gesetze oder Regularien in die Pflicht genommen, beispielsweise in Bezug auf den Umgang mit Produkten, die elektrische Bauteile enthalten – von Smartphones und Computern über Kaffeemaschinen bis hin zu Kühlschränken.

Welche Verpflichtungen werden hierzu auf Unternehmen zukommen?

Oliver Lauterwein: Das aktualisierte Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG) sieht ab 2022 neue Pflichten zur Rücknahme von Elektro-Altgeräten sowie zur besseren Information der Verbraucherinnen und Verbraucher vor.

Noch besser als recyceln ist es natürlich, wenn Geräte länger im Gebrauch bleiben. Auch die sogenannte „Obhutspflicht für Händler“ soll als Bestandteil des Kreislaufwirtschaftsgesetzes (KrWG) daher stärker gesetzlich verankert werden. Dazu zählt unter anderem das Verbot, Elektro- und Elektronikgeräte vor oder nach der Rücksendung an den Händler durch eine Entsorgung dem Markt zu entziehen, wenn diese nach einer Instandsetzung oder Wiederaufbereitung noch nutzbar wären.[iv] Daher werden sich 2022 viele Hersteller und Händler mit dem Thema Aufbereitung und Wiederverkauf von Elektro-Produkten beschäftigen müssen.

Sie sprachen auch die Konsumenten das eine treibende Kraft an. Welche Rolle spielt ihr Einfluss?

Oliver Lauterwein: Das wachsende Bewusstsein für globale Umweltprobleme beeinflusst auch das Einkaufsverhalten: 66 Prozent der Verbraucher in einer CapGemini-Studie wählen Produkte oder Dienstleistungen auch aufgrund ihrer „Umweltfreundlichkeit“[v]. Vor allem die jüngeren Käufer-Generationen bevorzugen Marken, die einen tieferen Sinn und Zweck authentisch und nachvollziehbar vertreten und verlangen auch von den Händlern ethisches Handeln. Diese Haltung hat massive Auswirkungen auf ihr Verbraucherverhalten.[vi]

Studien belegen, dass immer mehr Verbraucher aktiv nach gebrauchten Produkten, B-Ware, wiederaufbereiteten und wiederverkauften Artikeln suchen: Sieben von zehn Befragten gaben an, dass sie den Kauf von gebrauchten, reparierten oder erneuerten Produkten ausprobiert haben oder dies versuchen möchten. 84 Prozent derjenigen, die dies ausprobiert haben, planen auch zukünftig auf diesem Weg einzukaufen. Das Interesse, eine „Kreislaufwirtschaft“ aktiv zu unterstützen, ist bei der Generation Z und den Millennials sogar noch deutlicher: Fast acht von zehn Befragten gaben an, gebrauchte Produkte gekauft zu haben oder kaufen zu wollen.iii Für den Online-Handel ist dies besonders wichtig, den 78 Prozent der Konsumenten kaufen gebrauchte Ware lieber online als im stationären Handel.[vii]

Sprich, wer diese Käufergruppen nicht verlieren möchte, dem raten Sie zu welchen Maßnahmen?

Oliver Lauterwein: Für Anbieter wird es immer wichtiger das eigene Markenimage mit sichtbar nachhaltigem Handeln auszubauen. Im Wettbewerb des hart umkämpften Online-Markts bietet der bewusste Umgang mit Ressourcen, wie zurückgesendeten Produkten, eine gute Möglichkeit, sich von der Konkurrenz abzuheben.

Gleichzeitig eröffnet das Re-Commerce Geschäft die Option, neue Käufergruppen für die eigene Plattform oder Marke zu gewinnen. Denn während 42 Prozent der Konsumenten gebrauchte oder Re-Commerce Produkte kaufen, weil es ressourcenschonender ist, spielt auch der attraktive Preis eine entscheidende Rolle. 56 Prozent der Konsumenten möchten beim Kauf sparen und 36 Prozent kaufen sich Produkte gebraucht, die sie sich sonst nicht leisten könnten.[viii]

Re-Commerce Produkte bieten meist ein besonders attraktives Preis-Leistungsverhältnis. So können die Käufer beispielsweise ein Produkt mit einem kleinen Kratzer oder sonstigen marginalen Mängeln mit einem deutlichen Nachlass gegenüber dem fabrikneuen Pendant erwerben.

Lohnt sich das denn finanziell für die Anbieter oder muss man sich hier zwischen Profit oder nachhaltigem Handeln entscheiden?

Oliver Lauterwein: Das ist das spannende an diesem Thema: hier ist tatsächlich die profitabelste Lösung auch die nachhaltigste. Der Verkauf von Rücksendungen, Warenüberhängen oder leicht beschädigten Produkten über moderne Re-Commerce Optionen rentiert sich sehr viel mehr als der traditionelle Abverkauf solcher Waren an Großabnehmer. Denn dabei erzielen die Produkte oft weniger als 10 Prozent ihres ursprünglichen Wertes. Als Re-Commerce Produkte können die Waren nach einer Qualitätsprüfung, Bewertung und ggf. Aufbereitung – entweder In-House oder mithilfe eines spezialisierten Partners – sehr viel profitabler über Marktplätze, Auktionsplattformen oder eigene Webshops an neue Besitzer verkauft werden.

Bei BuyBay arbeiten wir an der Vision von Zero-Waste im eCommerce. Wir sehen den intelligenteren Umgang mit Waren und die Optimierung von Retourenmanagement und verwandten Prozessen als wichtigen Schritt zum Erreichen dieses Ziels und unterstützen unsere Partner dabei, die für sie beste Lösung zu finden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Quellen:

Bildmaterial: ©BuyBay
[i] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/11/PD21_N067_45.html
[ii] https://www.ecom-consulting.de/marketplace-landscapes/
[iii] https://www.bmu.de/pressemitteilung/abschied-nehmen-richtig-entsorgen-rohstoffe-sichern-mehr-verbraucher-sollen-elektroaltgeraete-abgeben
[iv] https://www.tagesschau.de/investigativ/kontraste/kreislaufwirtschaftsgesetz-101.html  https://www.elektrogesetz.de/themen/das-neue-elektrogesetz-elektrog3-2022/
[v] How sustainability is fundamentally changing consumer preferences
[vi] https://www.accenture.com/de-de/insights/strategy/generation-purpose
[vii] https://de.statista.com/themen/7954/re-commerce-in-deutschland/#dossierKeyfigures
[viii] https://wupperinst.org/fa/redaktion/downloads/projects/ReUse-Secondhand-Studie.pdf

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