Weniger Kohle und trotzdem mehr Jobs?

Der deutsche Arbeitsmarkt profitiert von der Energiewende - ein Trend, der auch künftig anhalten wird, trotz weniger Kohle.

Im Zuge der Energiewende plant die Bundesregierung, nach und nach immer mehr Kohlekraftwerke stillzulegen. Viele Beschäftigte der Kohleindustrie fürchten deshalb um ihre Jobs. Tausende Kumpel und Bergleute demonstrierten vergangenen Monat in Berlin gegen den Kohleausstieg und Gabriels Klimaabgabe, Gewerkschaften warnten vor dem Verlust von bis zu 100.000 Arbeitsstellen. Doch aktuellen Studien zufolge wirkt sich die Energiewende insgesamt nicht, wie von vielen befürchtet, negativ auf den deutschen Arbeitsmarkt aus, sondern wird in Zukunft viele tausend Arbeitsplätze neu schaffen – und das trotz einer Verringerung der Kohleverstromung.

Die Energiewende und das Erreichen der deutschen Klimaschutzziele wird zur Zeit heiß diskutiert. Vor allem der deutsche Kohleausstieg und die von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel geplante Einführung einer Strafabgabe auf alte Kohlekraftwerke spaltet dabei sowohl die Meinungen innerhalb der Bevölkerung als auch die politischen Lager (CEP berichtete). Während viele Umwelt- und Klimaschützer der Meinung sind, die Klimaabgabe sei der einzige Weg, das Emissionsminderungsziel der Regierung bis 2020 doch noch zu erreichen, fürchten viele Beschäftigte in der Kohleindustrie um ihre Jobs und somit um ihre Zukunft.

Auch viele Gewerkschaften zeigten sich entsetzt über die Pläne des Vizekanzlers. Es sei zu befürchten, dass durch die Einführung der Abgabe tausende Arbeitsplätze verloren gingen, verkündete Michael Vassiliadis, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Industrie und betonte in einem Interview: „Durch einen Kohleausstieg kommt die Energiewende nicht voran“. Ver.di-Chef Frank Bsirske sprach sogar von einem Verlust von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen – eine Nachricht die deutschlandweit durch die Medien ging und ein düsteres Bild der Zukunft für die Beschäftigten der Kohleindustrie zeichnete. Die demonstrierten im April in Berlin gegen die Pläne der Regierung und skandierten: „Wir wehren uns gegen den sozialen Blackout ganzer Regionen“.

Das Umweltbundesamt (UBA) errechnete allerdings nur einige Wochen später einen weit geringeren Verlust und schrieb in einer Studie, in der Öffentlichkeit kursierende Angaben zu Beschäftigungsverlusten von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen in der Kohlewirtschaft seien falsch: „Sie entbehren jeder Grundlage“, hieß es dort. Es sei lediglich mit einem Abbau von ungefähr 4700 Stellen zu rechnen. Gleichzeitig unterstrich das UBA , dass durch den Ausbau der Erneuerbaren Energien in den vergangenen Jahren Arbeitsplätze „in erheblichem Umfang“ neu geschaffen worden seien und auch künftig geschaffen werden.

So sind laut des Fortschrittsbericht zur Energiewende des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) im Bereich der erneuerbaren Energien in 2013 rund 371.000 Personen beschäftigt gewesen, während es im Jahr 2004 nur etwas mehr als 160.000 Personen waren. Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich die Zahl hier also mehr als verdoppelt. Zum Vergleich: In der konventionellen Energiewirtschaft sind zur Zeit lediglich 215.000 Menschen beschäftigt. Insgesamt seien durch die Energiewende bislang 50.000 neue Jobs entstanden, teilte das BMWi mit. Jedes Jahr kommen etwa 18.000 weitere hinzu, trotz der hohen Jobverluste in der geschwächten deutschen Solarindustrie der vergangenen Jahre, so die Agentur für Erneuerbare Energien. Das ist ein vergleichbares Beschäftigungswachstum wie in der Chemieindustrie, einem sehr wichtigen und starken deutschen Industriezweig.

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Das zeigt deutlich, welch große Rolle die Erneuerbaren Energien mittlerweile wirtschaftlich spielen und wohl auch künftig spielen werden. Forscher gehen davon aus, dass bis 2020 rund 73.000 weitere Arbeitsplätze infolge der Energiewende neu entstehen werden – vorsichtig geschätzt. Bei einem hohen Exportanteil von erneuerbaren Technologien könnten sogar 150.000 zusätzliche Arbeitsstellen hinzukommen. Bis 2050 rechnen die Forscher mit 180.000 bis 270.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen. Das BMWi kommt in seinem Fortschrittsbericht deshalb zu dem Schluss, dass die Energiewende die Beschäftigungsentwicklung und den Wachstumspfad der deutschen Volkswirtschaft deutlich positiv beeinflusst.

Auch der Kohleausstieg könne so gestaltet werden, dass keine oder nur wenige Arbeitsplätze verloren gehen. Zu diesem Urteil kommt Greenpeace anhand einer aktuellen Studie am Beispiel des Braunkohlereviers in der Lausitz. Dort gibt der schwedische Energiekonzern Vattenfall sein Geschäft auf und sucht einen Käufer – bislang jedoch vergeblich. Nicht verwunderlich, nachdem sich aktuell ein eher pessimistisches Zukunftsbild für die deutsche Kohlebranche abzeichnet.

Für die Greeenpeace-Studie hat das Berliner Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) ein Szenario errechnet, demzufolge Vattenfall, anstatt das Geschäft zu verkaufen, den Tagebau innerhalb von 15 Jahren langsam herunterfährt und gleichzeitig das Geschäft mit Erneuerbaren Energien in Brandenburg und Sachsen konsequent ausbaut. Das Ergebnis: Im Bereich der Erneuerbaren würden ausreichend Arbeitsplätze geschaffen, um die wegfallenden Jobs in der Braunkohle zu ersetzen. „Die vorhandenen Potenziale für Erneuerbare Energien in Sachsen und Brandenburg sind groß genug, um die wegfallenden Arbeitsplätze aus der Braunkohle bis 2030 aufzufangen“, so Studienautorin Julika Weiß vom IÖW.

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Insgesamt hat die Energiewende also einen durchweg positiven Effekt auf den deutschen Arbeitsmarkt und kann  wegfallende Stellen im Bereich konventionelle Energieerzeugung zumindest teilsweise kompensieren. Für viele betroffene aus der Kohlewirtschaft wird dies allerdings nur ein schwacher Trost sein. Denn die fürchten zu Recht um ihre Jobs und um ihre Zukunft. Vattenfall Chef Magnus Hall sagte dazu im Spiegel, es müsse für die Betroffenen eine „schmerzhafte Erkenntnis“ sein, dass die Zeit des Kohlebergbaus allmählich zu Ende gehe. „Es dauert sicher eine Weile, bis man das akzeptieren kann.“ 

Nach Ansicht vieler Experten ist ein Kohleausstieg auf lange Sicht jedoch unverzichtbar, wenn es weitergehen soll mit dem Klimaschutz in Deutschland. Auch Umweltministerin Barbara Hendricks hält den schrittweisen Verzicht auf die schmutzige Kohleverstromung für den richtigen Weg und deckt Gabriel und seiner Zwangsabgabe den Rücken. Gegner der Abgabe forderte sie auf, sich dem Wandel nicht entgegenzustellen, sondern zusammenzuarbeiten, um „ihn sozialverträglich zu gestalten.“ Wie dieser „sozialverträgliche“ Wandel genau aussehen soll, muss die Bundesregierung nun erarbeiten. Sicher ist allerdings, dass Menschen darunter leiden werden, egal wie „sanft“ der Kohleausstieg auch angepackt werden wird – für die Zukunft,  den Klimaschutz und die Energiewende ist es aber mit Sicherheit der richtige Weg.

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