Energiewende: große Erfolgsstories – und kleine Geheimnisse

Deutschland ist zu einer Art Labor für die Energieversorgung der Zukunft geworden: Das Modell Energiewende wird hierzulande heiß diskutiert, vielfach zerredet, oft für vollkommen unrealistisch erklärt – und von der Bundesregierung immer wieder einmal mit großen Stoppschildern versehen, zuletzt in Form der EEG-Novelle. Und dies alles während es an den Quellen für traditionelle Energieressourcen ordentlich brodelt.

Und dennoch lässt sich die Entwicklung letztlich nicht aufhalten, denn dass die Ressourcen der Welt endlich sind dürfte den meisten klar sein. Auch im Ausland schaut man sich die Entwicklung der Energiewende daher genau an: Ob die Transformation hin zur nachhaltigen Energieversorgung in einer der bedeutendsten Industrienationen der Welt gelingt, welche Hindernisse sich auftun, welche Ansätze und Technologien erfolgreich sind – das sind wertvolle Erfahrungen für Experten, Unternehmen und Politiker weltweit.

Erneuerbare in den ersten neun Monaten 2014 wichtigste Energiequelle
Und so berichtet unter anderem auch die New York Times über das große deutsche Experiment, über seine Erfolge, aber auch bestehende Konflikte und Hindernisse. Zunächst zu den Erfolgen: Laut Datenanalysen des Think tanks Agora Energiewende waren die erneuerbaren Energien in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres die wichtigste Stromquelle in Deutschland. Sie lieferten einen Anteil von 27,7 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms; der Anteil der Braunkohle lag mit 26,3 Prozent erstmals darunter. Deutschland hatte außerdem zu einem sehr frühen Zeitpunkt Fördersysteme initiiert, die einen unerwartet hohen Bedarf an Solarmodulen auslösten, der wiederum zu bedeutenden Kostensenkungen geführt hat. „Ich bin überzeugt, dass Wind und Sonne die zentralen Energiequellen nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit werden, erklärt Patrick Graichen, Direktor bei Agora Energiewende. „Nun geht es darum, die Energiewende zu einer Erfolgsstory zu machen.“ 

Energiekonzerne fürchten um ihr Geschäftsmodell
Denn das ist sie noch längst nicht – insbesondere nicht für die Energiekonzerne, die um ihre traditionellen Geschäftsmodelle fürchten. Durchaus nicht ohne Berechtigung, denn – so der Autor – zu lange haben sie die dahinter stehenden Technologien als irrelevant abgetan. Inzwischen sind die Großhandelspreise für Energie massiv eingebrochen, insbesondere durch die Rekord-Strompreisproduktion aus Photovoltaik und Windkraft. „Wir sind spät in die erneuerbaren Energien eingestiegen – vielleicht zu spat”, hatte Peter Terium, Vorstandschef bei RWE, im Frühjahr 2014 konstatiert. RWE schrieb für 2013 einen Verlust von knapp 2,8 Mrd. Euro – und damit erstmals seit der Nachkriegszeit rote Zahlen.  

Schwere Zeiten also für die Energiekonzerne – und der Reflex darauf fällt in unterschiedlichen Ländern durchaus ähnlich aus: Es wird nach staatlicher Hilfe gerufen, und das Vordringen der erneuerbaren Energien wird bekämpft. Das Ergebnis ist in Deutschland unter anderem an der EEG-Novelle zu sehen, die große Unternehmen begünstigt und die Entwicklung der Photovoltaik stark abgebremst hat. In den USA trägt die Solarenergie derzeit noch weniger als ein Prozent zur Energiegewinnung bei – und dennoch wehren sich einige Energieunternehmen bereits massiv gegen Fördermechanismen für die Solarbranche.

China investiert massiv in Erneuerbare
Die Energiewende wird in zahlreichen Sektoren der deutschen Wirtschaft und auch von vielen Politikern nach wie vor kritisch gesehen. Ungeachtet dessen haben ihre Grundzüge – Förderung der erneuerbaren Energien, neue Mobilitätskonzepte, anspruchsvolle Umweltziele – doch Nachahmer in aller Welt gefunden. China, ein Land das bislang vor allem durch seine massive Industrialisierung und gravierenden Umweltschäden in die Schlagzeilen kam, hat 2013 erstmals mehr in erneuerbare Energien investiert als in Kohle. Und einige US-amerikanische Bundesstaaten haben sich inzwischen eigene ambitionierte Ziele gesetzt und streben einen Anteil erneuerbarer Energien von 20 oder 30 Prozent für 2020 an.

Unbestreitbar ist jedoch, dass auf dem Weg zu einer nachhaltigen und umweltschonenden Energieversorgung noch viele Hindernisse zu beseitigen sind. Dazu zählen neue Geschäftsmodelle, um die Bereitstellung benötigter Kraftwerkskapazitäten zu gewährleisten – denn schließlich wird Strom auch dann gebraucht wenn die Sonne gerade nicht scheint oder der Wind nicht weht. Diese Geschäftsmodelle müssen für die Anbieter profitabel sein. Innovationen sind jedoch vor allem gefordert, um Nachfrage und Angebot an Energie in Echtzeit miteinander in Einklang zu bringen. Speichertechnologien und Smart Grids sind nur zwei Stichworte in diesem Kontext.

Strompreisbremse? EnBW rechnet mit weiterhin niedrigen Strompreisen
Innovationen und der politische Wille sind wohl die Grundvoraussetzungen, wenn die Energiewende gelingen soll. Immer wieder aber auch wird in Abrede gestellt, dass die Energiewende finanzierbar. Die Diskussionen um die Strompreise waren offensichtlich vor allem dahingehend erfolgreich, dass viele die Erneuerbaren für die steigenden Stromkosten verantwortlich machen. Vom Gegenteil überzeugt wurde inzwischen ausgerechnet die EnBW: Wie der ECOReporter Ende Juni 2014 berichtete, hatte der Konzern gemeldet, dass er im Rahmen der Vorbereitungen zur Erstellung des Halbjahresabschlusses 2014 im Konzernabschluss einen Wertberichtigungsbedarf auf den Kraftwerkspark von circa 1,2 Milliarden Euro identifiziert habe. Zusätzlich müssten die „Drohverlustrückstellungen“ für nicht mehr kostendeckende Strombezugsverträge erhöht werden. Es ging um Sonderbelastungen in Höhe von 1,5 Milliarden Euro für EnBW.
Als Grund für diese Sonderbelastungen gab die EnBW deutlich verschlechterte Erwartungen bezüglich der langfristigen Strompreisentwicklungen an – Zitat: „Die Terminmarktpreise haben sich seit dem 2. Halbjahr 2012 von rund 50 Euro pro Megawattstunde auf unter 40 Euro im Laufe des Jahres 2013 und im Laufe des Jahres 2014 auf inzwischen unter 35 Euro kontinuierlich nach unten entwickelt.“ Eine Verbesserung der Marktsituation – für EnBW also höhere Preise – sei mittelfristig nicht in Sicht. Das Unternehmen rechnet daher auch für die kommenden Jahre mit niedrigen Strompreisen. Das wäre eigentlich mal eine Schlagzeile wert – gern auch in der New York Times!

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