Ein Smart Grid benötigt eine smarte Gesellschaft

„Stromverbrauch effizient steuern“: Unter diesem Titel veröffentlichte das CleanEnergy Project heute die Ergebnisse seiner aktuellen Umfrage zum Thema Energiemanagement. Nach dem Auswerten der Umfrageergebnisse sprach das CleanEnergy Project mit Sam Sciacca. Sciacca ist Experte für die internationale Entwicklung in den Bereichen intelligente Energieversorgung, Smart Grid und die damit zusammenhängende Standardentwicklung sowie Senior Member der IEEE Standards Organisation und IEC.

Herr Sciacca, Sie sind in viele Projekte rund um die Welt involviert, bei denen es um die Entwicklung von Smart Grids und Energiemanagement-Systeme geht. Was war Ihr erster Eindruck von den Umfrageergebnissen und den Einschätzungen der Teilnehmer – hat Sie etwas überrascht?

Ich stelle fest, dass einige der Einschätzungen der Studienteilnehmer in anderen Märkten wie den USA, Japan oder Korea ebenso gesehen werden, in denen Konzepte wie Demand Response zurzeit diskutiert werden. Die allgemeine Wahrnehmung scheint zu sein, dass die Regierung involviert sein sollte und es Förderungsprogramme sowie letztendlich finanzielle Anreize geben muss, um Energiemanagement-Systeme schnell und umfassend umsetzen zu können.

Daneben gibt es natürlich auch regionale Unterschiede. In Märkten mit einem traditionell sehr stabilen Energienetz wie in Deutschland oder der Schweiz, sehen viele Verbraucher dies als selbstverständlich an. Die Studie zeigt ja, dass nur eine geringe Prozentzahl der Teilnehmer die Stabilität des Stromnetzes als einen der wichtigsten Gründe für die Notwendigkeit von Energiemanagement-Systemen ansieht. In Regionen mit weniger stabilen Netzen, die immer wieder mit Stromausfällen zu kämpfen haben, sieht dies sicher anders aus.

In Korea mussten die Energieversorger im letzten Sommer in vielen Gegenden für 20 bis 30 Minuten gezielte Stromabschaltungen vornehmen, um ungesteuerte Stromausfälle zu verhindern. Wenn dort beispielsweise die Klimaanlagen über intelligente Infrastruktur vernetzt gewesen wären, hätte man nur diese für bestimmte Zeiträume herunterfahren können. Das wäre für alle Betroffenen sicher eine angenehmere Lösung gewesen.

Sehen Sie auch regionale Unterschiede bei der Umsetzung von Energiemanagement-Systemen? Wir haben die Studienteilnehmer ja beispielsweise gefragt, wie sie die Bereitschaft von Industrie und Verbrauchern einschätzen, an Demand Response-Programmen teilzunehmen. Ist beides Ihrer Meinung nach gleich wichtig?

Das hängt in der Tat stark vom jeweiligen Markt ab. In vielen Ländern sorgen Klimaanlagen und andere Systeme wie Swimmingpool-Heizungen dafür, dass der Energieverbrauch von Privathäusern sehr viel höher ist, als beispielsweise in Nord- und Zentraleuropa. Ein durchschnittlicher Privathaushalt in Deutschland verbraucht nur rund 40 Prozent der Energie eines durchschnittlichen US-amerikanischen Haushalts. In den USA macht es daher also wesentlich mehr Sinn, auch private Haushalte in Energieumverteilungsprogramme einzubeziehen, während in Deutschland die Industrie der logische erste Partner für solche Programme wäre. Zudem ist die Zusammenarbeit mit der Industrie einfacher zu handhaben als mit Millionen Systemen von Privatverbrauchern, für die sehr viel mehr neue Infrastruktur notwendig wäre. In der Industrie gibt es bereits etliche Standards, auf denen man aufbauen kann.

Auf welche Standards beziehen Sie sich dabei?

Es gibt bereits mehrere Standards, die den Weg für Energiemanagement-Systeme ebnen, wie beispielsweise der „IEEE 1366 Guide for Electric Distribution Reliability Indices“. Er stellt ein standardisiertes Maßsystem für Ausfälle in Energieverteilnetzen zur Verfügung. Der Standard liefert nicht nur die Grundlage dazu, Energieanbieter auf einer einheitlichen Basis zu evaluieren. Gleichzeitig kann man so auch Leistungsverbesserungen von Verteilersystemen evaluieren, beispielsweise nach der Einführung von neuen Systemen wie etwa Demand Site Management.

Andere Standards müssen noch entwickelt werden. Beispielsweise ein gemeinsamer Standard für eine große Auswahl an Smart Meter- und Haushaltsenergiemanagement-Systemen und deren mögliche Anbindung.

Energieversorger haben ein großes Interesse an offenen Standards, die sie nicht an proprietäre Systeme binden, sondern Ihnen die Auswahl zwischen verschiedenen Anbietern lassen. Mit einem gemeinsamen Standard wäre das möglich.

Wie viel Zeit benötigt man normalerweise für die Entwicklung solcher Standards? Kann die Standardentwicklung mit den sich schnell wandelnden Bedingungen des Energiesektors Schritt halten?

Ein Standardprojekt wie etwa die Entwicklung eines Kommunikationsstandards für Smart Meter oder Energiemanagement nimmt im Normalfall von den Anfängen bis zur Implementierung zwei bis drei Jahre in Anspruch. Dies wird jedoch von verschiedenen Faktoren beeinflusst, etwa ob der Standard auf einer bereits existierenden oder einer völlig neuen Technologie basiert.

In vielen Bereichen wächst heute der Bedarf für eine noch offenere und schnellere Entwicklung von Standards. Gemeinsam mit anderen führenden Standardorganisationen wie W3C, IAB und IETF, hat IEEE eine Reihe von Richtlinien entwickelt, die ein modernes Paradigma für globale, offene Standards begründen. Die OpenStand-Richtlinien basieren auf effektiven und effizienten Standardisierungsprozessen, welche die IEEE-Standards für die physische Konnektivität des Internet ebenso ermöglichten wie die IETF-Standards für die globale Kompatibilität des Internet und die W3C-Standards für das World Wide Web. Ohne eine schnelle weltweite Standardisierung einer großen Anzahl zugrundeliegender Technologien wäre der Erfolg des Internets, und der damit verbundene globale wirtschaftliche und soziale Wandel, nicht möglich gewesen.

Die OpenStand-Richtlinien fördern die Kooperation von Standardorganisationen und anderen Institutionen, wie Industrie und Verbände, für die Standards von Bedeutung sind. Sie fördern damit auch die Zusammenarbeit an Standards, die technische Weiterentwicklungen und eine internationale Interoperabilität von Technologie begünstigen. Gleichzeitig sollen die OpenStand-Prinzipien verhindern, dass Standardorganisation parallel an redundanten Standards arbeiten oder Standards einer anderen Organisation unter eigenem Namen mit wenigen Ergänzungen veröffentlichen. Auf diese Weise beschleunigt OpenStand technische Innovation und Marktwachstum und kann so auch in Bereichen wie dem Energiemanagement zu einer rascheren Implementierung von Lösungen beitragen.

Welche Faktoren machen Ihrer Meinung nach ein intelligenteres Energie- oder Lastmanagement notwendig?

Auf der einen Seite ist die schnell wachsende weltweite Energienachfrage ein Treiber. Zusätzliche Energieressourcen können in vielen Märkten gar nicht schnell genug bereitgestellt werden, um diesem Nachfragewachstum zu begegnen. Daher ist ein besseres Management der bereits produzierten Energie ein logischer Schritt. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Integration von erneuerbaren Energieressourcen, insbesondere in Märkten wie Deutschland, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Atomkraftwerke abzuschalten und die erneuerbaren Energien zu fördern. Die meisten erneuerbaren Energien, so etwa Sonne und Wind, gehören zu den sogenannten variablen Energiequellen  sie produzieren nicht kontinuierlich die gleiche Menge Energie, sondern schwanken je nach den Wetterbedingungen. Dadurch wird die Notwendigkeit, Energienachfrage und -angebot auszubalancieren größer.

Denke Sie, dass Energiemanagementsysteme das Energienachfrageproblem lösen können?

Die Energiebedarfssituation ist ein sehr komplexes Thema und ich denke, die Lösungen werden ähnlich vielschichtig sein. Nicht eine einzige Technologie wird das Ei des Kolumbus sein, das alle Probleme löst, sondern eine ganze Reihe von Elementen wird uns dem Ziel näher bringen. Das A und O wird es sein, den richtigen Technologie-Mix für die spezifischen Anforderungen jedes einzelnen Marktes zu finden.

Auch die Einstellung der Konsumenten zu diesem Thema ist ein essenzieller Teil der Gleichung. Ein Smart Grid benötigt eine smarte Gesellschaft. Auch wenn man wie in Deutschland vermutlich bei der Industrie ansetzt, spielen die Annahme und Akzeptanz eines solchen Energiemanagements durch die Verbraucher eine entscheidende Rolle für den Gesamterfolg entsprechender Programme.

Vielen Dank, Herr Sciacca.

Wibke Sonderkamp

Add comment