Desertec-Projekt bald in Europa statt Afrika?

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Mit einer Verlegung des Desertec-Projekts in südlich gelegene EU-Länder könnten gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: den Euroländern aus der Schuldenkrise helfen und Deutschland planbaren Strom aus Erneuerbaren liefern.

Zwar verfügen der Nahe Osten und Nordafrika (MENA-Region) mit ihren großen Wüstenflächen und der hohen Sonneneinstrahlung über ideale Voraussetzungen für den Bau solarthermischer Kraftwerke und auch die Stromerzeugung durch Windkraft ist am Roten Meer und in Marokko durchaus attraktiv, doch auch in Ländern wie Griechenland, Italien, Spanien und Portugal sind die Bedingungen für erneuerbare Energien gut.

Vor allem die kürzeren Transportwege sind es, die als überaus positiv bewertet werden. Der Meinung sind auch Träger der Industrieinitiative, maßgeblich getragen von deutschen Konzernen, und auch die Politik befasste sich jüngst mit dieser „neuen“ Idee. Durch den forcierten Ausbau erneuerbarer Energien in Südeuropa sehen Politiker einen wesentlichen Schlüssel in der wirtschaftlichen Wiederbelebung und eine gute Möglichkeit, die lokale Wertschöpfung zu erhöhen und den Mittelstand voranzutreiben.

Die Initiatoren des Desertec-Projekts sind von der Idee, den geplanten Wüstenstrom jetzt auf den europäischen Kontinent zu verlegen, jedoch nicht sonderlich begeistert. Sie fürchten einen Imageverlust und deutlich weniger Aufmerksamkeit für ihr Projekt. Ihrer Vision nach sollte zunächst die Stromerzeugung durch solarthermische Kraftwerke, Photovoltaik und Windkraft, später auch die Wasserentsalzung, vorangetrieben werden und dabei den Eigenbedarf der MENA-Länder decken. Ab dem Jahr 2020 sollte der saubere Strom dann mittels HDVC-Leitungen (High Voltage Direkt Current) nach Europa übertragen werden, um rund 15 Prozent des Strombedarfs bis 2050 zu decken. Genau in diesem Konzept sehen Kritiker des Desertec-Plan aber zahlreiche negative Aspekte.

Braucht Europa diesen Strom, der weder sicher noch schnell realisierbar ist, wirklich? Langwierige Untersuchungen und Verträge mit Regierungen, die zweifelsohne oftmals unberechenbar sind, und der teure Bau von Stromtrassen scheinen deutlich unattraktiver zu sein, als eine dezentral strukturierte Energieversorgung. Das politische Risiko, Abhängigkeit und Erpressbarkeit, ist nicht nur bei fossilen Brennstoffen aus der MENA-Region gegeben, sondern dürfte auch beim Import der erneuerbaren Energie eine große Rolle spielen. Die „Verlegung“ des Desertec-Projekts auf den europäischen Raum könnte diesen negativen Beigeschmäckern entgegentreten und stößt bei Unternehmen und Politikern auf offene Ohren.

Judith Schomaker

4 Bemerkungen

  • M Reuter spricht mir aus der Seele,

    Der Aufbau auf Sonnenenergie basierender Systeme ist für alle Länder sinnvoll und tauglich. Die Frage kann doch kaum ernsthaft als Entweder hier Oder dort gestellt werden. Die Systeme hier und dort zu errichten und zu vernetzen steigert dagegen die Sicherheit für alle Beteiligten. Eventuell wird Südeuropa nicht genug Kapazitäten bereit stellen können, aber sicher einen großen Teil. Und umgekehrt mag es sinnvoll sein, den MENA-Staaten im Austausch für Strom Wasser zu liefern. Vorteile davon hätten wir am Ende alle. Und zudem eine verbesserte Infrastruktur, wenn wir Stromnetze, Wasserleitungen,Gasleitugnen und Transportwege wie Schienen auf gemeinsamen Trassen laufen lassen.

    Auf geht’s. Nähen wir unsere Länder sinnvoll zusammen, tauschen gegenseitig aus, was wir brauchen und bringen Europa und Nordafrika ernbeut zu gemeinsamer Blüte.

    Thomas Blechschmidt

  • Guten Tag,

    immer wieder (anscheinend vollkommen?) übersehen wird die Tatsache, dass auch die MENA-Region selbst doch Strom verbraucht!

    Warum nicht Desertec in Nordafrika für MENA-”Eigenbedarf” und Desertec in Südeuropa für Bedarf in Europa bauen?

    Unsere viel beschworene Aufbauhilfe Nordafrika würde doch nur einen Bruchteil der durch “systemrelevante” (Bad-)Banks verusachte Kosten kosten.

    Gruß,
    M. Reuter

  • Afrika ist sicherlich nicht unsicherer als der Nahe Osten. Da und dort war und ist die politische Elite bisher nicht bereit, die Einkünfte aus den Bodenschätzen der Länder nachhaltig für die ökonomische Entwicklung der eigenen Bevölkerung zu investieren, und die Entwicklung eines stabilen Mittelstandes zu unterstützen. Daher sollte bei allen Investitionen auf den demokratischen Aufbau von Volksvermögen geachtet werden. Denn diese Projekte bilden eine besondere Möglichkeit, Infrastruktur aufzubauen und den Netzausbau voranzutreiben, der für die Zukunft der erneuerbaren Energien in Europa essentiell notwendig wird. Die beste entwicklungspolitische Unterstützung für die finanzielle und strukturelle Erneuordnung in Europa und Afrika. Es entstehen in jedem Fall zukunftsorientierte Arbeitsplätze.

  • Nutzen wir den gesunden Menschenverstand: für einen hochindustrialisierten Bereich wie Mitteleuropa ist vor allem ist die Berechenbarkeit/Sicherheit der Energieversorgung ein entscheidender Faktor. Sich von wenigen Lieferanten oder politisch (noch) instabilen Regierungen abhängig zu machen, käme russischem Roulette gleich. Schlussfolgerung: erforderlich sind eine dezentrale Versorgung von möglichst vielen Lieferanten in verschiedensten Regionen und aus verschiedensten regenerativen Quellen mit flächendeckendem und flexiblen Leitungsnetz und intelligenter Steuerung. Letztere muss unabhängig von wirtschaftlichen Interessen Einzelner und unabhängiger Kontrolle unterworfen sein. Letztlich ist das angewendetes Risikomanagement: Streuung, Diversifizierung, Transparenz und Steuerung. Neben der Sicherheit sorgt das auch für konkurrenzfähige Preise.