Bürgernetze: Stromleitungen als Anwohner-Eigentum

Stromleitung

Im Rahmen der Energiewende muss Deutschland nicht nur massiv in neue Energiequellen investieren, sondern auch in den Ausbau des Stromnetzes. Allein in Schleswig-Holstein fehlen rund 500 Kilometer Höchstspannungsnetz für den Abtransport der Energie aus Windparks in süddeutsche Verbrauchszentren. Doch mit Stromleitungen ist es ähnlich wie mit Kraftwerken oder Flughäfen: Obwohl niemand ihren Komfort missen möchte, sollen sie bloß nicht in der eigenen Nachbarschaft errichtet werden. Die Arge Netz, ein Zusammenschluss aus über 180 Erzeugern erneuerbarer Energie, hat zur Lösung des Problems eine Idee namens „Bürgernetze“ entwickelt: Die Anwohner sollen selbst in das Stromnetz investieren und so auch finanziell von dem Ausbau profitieren.

Im Zentrum dieser Idee steht die „Grünes Bürgernetz Westküste GmbH & Co. KG“, die durch die zahlkräftige Unterstützung interessierter Bürger der Eigentümer neuer Stromnetze werden soll. Übertragungsnetzbetreiber wie Tennet sollen die Netze dann von der Gesellschaft pachten und betreiben. Die Bürger werden so an den Erlösen beteiligt und erhalten die Möglichkeit sich eine zusätzliche Altersvorsorge zu sichern.

Martin Grundmann, der Geschäftsführer von Arge Netz, ist derzeit in Verhandlungen mit den zuständigen Behörden und Tennet. Er bringt den Hauptvorteil für diese folgendermaßen auf den Punkt: „Die breite finanzielle Beteiligung der Menschen vor Ort erhöht die Akzeptanz des Stromnetzausbaus“. Werden die Anwohner hingegen kategorisch aus der Planung und Umsetzung neuer Stromnetze ausgeschlossen, drohen erfahrungsgemäß heftige Proteste und eine Flut an Klagen.

Dass Regierung und Netzbetreiber derartige Probleme vermeiden möchten, zeigt die Tatsache, dass in Schleswig-Holstein bereits vor Beginn offizieller Planungen diverse Informationsveranstaltungen für Bürger stattfinden. Dort können sich Anwohner über die Ausbaupläne informieren und ihre Einwände und Wünsche geltend machen. Kein Wunder also, dass die zuständige Regulierungsbehörde der Idee der Bürgernetze offen und positiv gegenüber steht. Ein Sprecher bezeichnet sie als „eine sinnvolle Idee, die Akzeptanz neuer Strommasten zu erhöhen“.

Deutlich schwieriger dürften allerdings die Übertragungsnetzbetreiber zu überzeugen sein, denn für diese geht es um bares Geld. Sie müssten ihre Erlöse mit den Bürger-Investoren teilen und ihnen höchstwahrscheinlich sogar ein Mitspracherecht einräumen. Ein Tennet-Sprecher bezeichnet die Idee Bürgernetz zwar als „interessant“, sieht aber in dem eng gesteckten Zeitplan des Netzausbaus ein schwer überwindbares Hindernis für die Realisierung des Stromnetzes an der Westküste. Die Bauarbeiten für die sogenannte Westtrasse sollen bereits in vier Jahren beginnen, während für das Bürgernetz hingegen noch nicht einmal das Genehmigungsverfahren läuft.

Matthias Schaffer

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