Studie: Der Golfstrom wird immer schwächer

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Der Golfstrom könnte zum Erliegen kommen

Forscher wollen anhand einer Studie besorgniserregendes herausgefunden haben: Demnach habe sich der Golfstrom, eine der wichtigsten Meeresströmungen der Erde, im Laufe des 20. Jahrhunderts deutlich verlangsamt und sei heute so schwach wie seit mehr als 1000 Jahren nicht mehr.

Besonders dramatisch sei dieser Trend während der letzten Jahrzehnte zu beobachten gewesen. Die Forscher gehen davon aus, dass die globale Erwärmung der Grund dafür sein könnte. Sollte die riesige Meeresströmung ganz zum Erliegen kommen, würde es in vielen Regionen der Erde wahrscheinlich wesentlich kälter werden. Droht also trotz des Klimawandels möglicherweise eine neue Eiszeit?

Der Golfstrom ist eine gigantische Meeresströmung im Atlantik, die mehr Wasser transportiert als alle Flüsse der Erde zusammen. Die dabei entstehende Leistung übertrifft die Kapazitäten aller europäischen Kraftwerke um ein Tausendfaches. Als Teil des globalen Förderbandes leitet er warmes Wasser aus dem Golf von Mexiko in den Norden. Davon profitieren vor allem Nordamerika und West – und Mitteleuropa. Gerade in Europa wäre das Klima ohne den Golfstrom sehr viel kälter als es heute der Fall ist.

Umso wichtiger ist es, dass der Golfstrom weiter warmes Wasser und damit warme Luft in diese Regionen transportiert. Forscher beobachten die Meeresströmung deshalb seit Jahrzehnten und verzeichnen jede Unregelmäßigkeit. Vor etwa zehn Jahren stand der Golfstrom schon einmal im Mittelpunkt der Klimaforschung. Man befürchtete, er könnte aufgrund der globalen Erwärmung mittelfristig deutlich schwächer werden. Denn der Golfstrom gilt als sensibel.

Das Szenario der Klimaforscher: Sollte die Wassertemperatur im Atlantik aufgrund der globalen Erwärmung weiter steigen, würde das wärmere Wasser nicht wie sonst im Nordatlantik bzw. im Nordmeer wieder in die Tiefe sinken. Das Kreislaufsystem des Golfstroms würde somit langsam schwächer werden und irgendwann vielleicht sogar ganz zum Erliegen kommen. Doch bislang ist es glücklicherweise nicht dazu gekommen. Einige Wissenschaftler gehen daher davon aus, dass der Golfstrom stabiler ist als angenommen.

Eine aktuelle Studie stellt das allerdings erneut in Frage. Die Autoren, ein internationales Forscherteam um Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), gaben bekannt, anhand von Messungen festgestellt zu haben, dass sich der Golfstrom während der letzten 100 Jahre tatsächlich deutlich verlangsamt hat und heute so schwach ist wie zuletzt vor 1.100 Jahren. Ihre Untersuchungen veröffentlichten sie jetzt im Fachmagazin „Nature Climate Change“.

Für die Studie untersuchten sie die Wassertemperaturen im Nordatlantik, die maßgeblich vom Golfstrom und dessen Stärke beeinflusst werden. Temperaturen der vergangenen Jahrhunderte konnten sie anhand von Ablagerungen auf dem Meeresboden ermitteln. Stefan Rahmstorf sagte zu den Ergebnissen, es sei auffällig, dass sich trotz der globalen Erwärmung ein Teil des Atlantiks über die letzten 100 Jahre deutlich abgekühlt habe, sogar deutlicher als von Simulationen errechnet. Das sei ein Indiz dafür, dass sich der Golfstrom während der letzten 100 Jahre stark verlangsamt habe, besonders in den 1970er Jahren.

Die Klimatologen sind der Ansicht, dass der Klimawandel dafür der Auslöser sein könnte. Neben dem immer wärmeren Meerwasser, dass das Kreislaufsystem des Golfstroms schwächt, könnte auch der schmelzende Eisschild in Grönland für den langsamer werdenden Golfstrom verantwortlich sein. Co-Autor der Studie Jason Box vom Geologischen Forschungsinstitut für Dänemark und Grönland erklärte, es sei wahrscheinlich, dass durch das Schmelzwasser eine Störung der Meeresströmung verursacht werde, denn Süßwasser habe eine andere Dichte als Salzwasser. Das verdünnte Meerwasser sinke nicht mehr völlig in die Tiefe und das schwäche den Golfstrom. Dieser Effekt wird sich mit weiter steigenden Temperaturen künftig verstärken, befürchtet Box.

Doch welche Auswirkungen hat der schwächer werdende Golfstrom?

Haben wir möglicherweise eine neue Eiszeit zu befürchten, ähnlich wie in dem Katastrophenfilm von Roland Emmerich „The Day after Tomorrow“? In dem Hollywood-Szenario kommt der Golfstrom gänzlich zum Erliegen. Die Folge ist ein New York City unter tausenden Tonnen Eis und Schnee.

Steht Europa ähnliches bevor, sollte sich der Golfstrom drastisch abschwächen oder gar zum Erliegen kommen?

Ganz so schlimm wird es definitiv nicht werden, beruhigen die Wissenschaftler. Der Film sei weit entfernt von der Realität. Fest stehe allerdings, dass eine Änderung der atlantischen Meeresströmungen eine Reihe negativer Folgen hätte. Rahmstorf sagte dazu: „Wenn sich die atlantischen Meeresströmungen weiter verlangsamen, könnten die Auswirkungen erheblich sein. Wahrscheinlich sind negative Effekte auf das Ökosystem des Atlantiks, ein Anstieg des Meeresspiegels und Temperaturveränderungen sowohl in Europa als auch in Nordamerika“.

Sollte sich das Kreislaufsystem des Golfstroms drastisch verschlechtern, könnte es sogar ganz zusammenbrechen und der Golfstrom völlig zum Erliegen kommen. Das würde dazu führen, dass sich die Umweltbedingungen in Europa und Nordamerika relativ schnell und drastisch ändern, ein Effekt der wahrscheinlich unumkehrbar wäre. Zu einer neuen Eiszeit würde es wahrscheinlich trotzdem nicht kommen, auch weil die globale Erwärmung der Landmassen dem Effekt entgegenwirken würde.

Es sind nicht alle Wissenschaftler der Meinung, dass der Golfstrom schwächer werde. Manche Experten ziehen die Studie um Stefan Rahmstorf in Zweifel. So sagte beispielsweise der Klimaforscher Martin Visbeck vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, dass die Arbeit keine starken Hinweise auf die Entwicklung der AMOC (der atlantischen, meridionalen Umwälzbewegung / Atlantic Meridional Overturning Circulation) während der vergangenen 50 Jahre liefere. Die meisten Studien gingen gar von einem Erstarken der Strömung aus.

 

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