Wie umweltbewusst ist Deutschland wirklich?

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Plastic Pick up
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Untersuchungen zu Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit in Deutschland gibt es viele. Erst vor einigen Tagen berichtete das CleanEnergy-Project über das „Nachhaltigkeitsbarometer 2015“ von Greenpeace, demnach „60 Prozent der jungen Generation zwischen 15 und 24 nachhaltige Werte wie den Schutz der Umwelt, zukunftsorientiertes Wirtschaften und soziale Gerechtigkeit befürworten.“ Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und das Umweltbundesamt (UBA) haben ebenfalls eine Studie veröffentlicht, in der über das Umweltbewusstsein und Umweltverhalten junger Menschen berichten. 

Insgesamt scheinen sich die Ergebnisse der beiden Studien erheblich zu unterscheiden. So liefern die Analysen von BMUB und UBA zum Umweltbewusstsein und Umweltverhalten junger Menschen Hinweise dafür, dass in ihrem Bewusstsein und Alltag Umwelt und Nachhaltigkeit einen anderen Stellenwert haben und unter anderen Perspektiven betrachtet werden, als es bei Älteren der Fall ist.

Der Bericht fasst die zentralen Befunde in folgenden kurzen Thesen zusammen:

  • Umwelt und Natur spielen in der Alltagswelt junger Menschen eine geringe Rolle. Der erhöhte Leistungs- und Bildungsdruck und unsichere berufliche Perspektiven sind drängendere Herausforderungen. Die Familie und soziale Beziehungen, der Wunsch nach Selbstentfaltung und das Streben nach einem guten beziehungsweise hohen Lebensstandard nehmen in den Vorstellungen von einem guten Leben einen überdurchschnittlich hohen Stellwert ein.
  • Das Umweltbewusstsein junger Menschen ist global, langfristig und problemorientiert. Wenngleich nicht im eigenen Alltag erfahrbar, stufen sie Klimawandel, Ressourcenausbeutung oder Artensterben als wichtige Probleme ein – aufgrund ihrer biografischen Situation und Sozialisation in krisenhaften Zeiten häufiger als ältere Gruppen. Ebenfalls stärker als ältere Bevölkerungsgruppen sind junge Menschen in einer problemorientierten und polarisierenden Sichtweise des Umweltschutzes verhaftet. Umwelt- und klimapolitische Ziele stehen in ihren Auffassungen in einem deutlich stärkeren Spannungsverhältnis zu anderen politischen Zielen.
  • Nachhaltiges Verhalten und jugendspezifischer Lifestyle stehen oft konträr, können aber auch eine gemeinsame Dynamik entfalten. Gegenüber dem Wissen und der Sensibilität für die Umwelt als Problem fallen die Handlungsbereitschaft und das Engagement junger Menschen für Umwelt- und Klimaschutz im Alltag deutlich ab. Insbesondere beim Konsum wird die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln deutlich. In anderen Lebensbereichen lassen sich hingegen Synergien zwischen einem jungen Lebensstil und Nachhaltigkeit beobachten, etwa bei der Mobilität, beim Thema Sharing oder im Zuge eines vegetarischen beziehungsweise veganen Ernährungsstils.
  • Junge Menschen sind im Dilemma zwischen Wachstumsskepsis und Wohlstandssorgen. Ihre durchschnittlich ausgeprägte Wachstumsskepsis geht mit überdurchschnittlich ausgeprägten Wohlstandssorgen einher. Zudem ist unter jungen Menschen die Überzeugung groß, dass ökologische und soziale Herausforderungen nur mit Wachstum und Wohlstand gemeistert werden können.
  • Umweltkommunikation für junge Menschen: Action statt gutes Leben? In der Medien- und Alltagswelt junger Menschen spielen Umweltthemen eine geringe Rolle. Auch wenn sie ständig von Medien und Informationen umgeben sind, erreicht die aktuelle Umweltkommunikation sie nur unzureichend. Der Wissensvermittlung in Schulen und Ausbildungsstätten kommt daher weiterhin eine große Bedeutung zu.
  • Das Umweltbewusstsein und Umweltverhalten junger Menschen ist von ihrer spezifischen Lebensphase und gleichermaßen von generationalen Einflüssen geprägt. Charakteristisch für die besondere Lebensphase junger Menschen sind beispielsweise der geringere Stellenwert von gesundheitsbezogenen Aspekten im Zusammenhang mit der Umwelt, die stark ausgeprägte Besorgnis um materiellen Wohlstand und Einkommen und die geringe Einbeziehung generationsübergreifender Thematiken. Die eher von generationalen Prägungen beeinflussten Befunde umfassen etwa die globale Perspektive auf die ökologische Problematik und insbesondere den hohen Stellenwert des weltweiten Klimawandels, die hohe Affinität zu Sharing und die Präferenz für niedrigschwellige und internetgestützte Formen des Umweltengagements. Je größer der Anteil dieser neuen Generation an der Gesamtbevölkerung wird, desto mehr werden sich Umweltbewusstsein und Umweltverhalten gegenüber den bislang bekannten Formen verändern.

Warum so unterschiedliche Ergebnisse?

Diese Frage stellt, sich, wenn man bedenkt, dass beide Studien etwa zur selben Zeit durchgeführt wurden, beide von Instituten, bei denen man valide Ergebnisse erwartet. Doch vielleicht muss man sich gar nicht erst in die Methodik der beiden Berichte einlesen, um zu verstehen, warum sie zu so unterschiedlich erscheinenden Ergebnissen kommen. Es reicht im Grunde schon aus, den Kontext, in dem die Befragungen stattfanden, zu betrachten. So konzentrierte sich die Greenpeace-Studie auf den Begriff Nachhaltigkeit und was er insbesondere für jüngere Generationen bedeutet, bzw. wie sie sich damit auseinandersetzen. Dabei wird der Nachhaltigkeit kein Stellenwert gegeben, sondern gefragt, ob er überhaupt einen hohen hat. Die Wichtigkeit von Nachhaltigkeit und Naturschutz wird in keine Relation gesetzt, sondern einfach statuiert. In der Befragung von BMUB und UBA jedoch wurde dem Umweltbewusstsein und der Nachhaltigkeit ein Stellenwert gegeben, indem man auch nach Leistungs- und Bildungsdruck, unsichere berufliche Perspektiven, Familie und soziale Beziehungen, den Wunsch nach Selbstentfaltung und dem Streben nach einem guten beziehungsweise hohen Lebensstandard fragte.

Verständlicherweise zeigte sich hier, dass es hier andere Prioritäten gibt. Allerdings ist der Titel „Konsum wichtiger als Umweltschutz“ an dieser Stelle etwas in die Irre führend, da beides mittlerweile immer mehr eine Symbiose eingeht. In einem Punkt waren sich beide Berichte jedoch auf jeden Fall einig: Die Schulbildung spielt eine große Rolle bei der Vermittlung von Werten wie Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit. Deshalb sollte gerade hier mehr getan werden.

Quellen:
https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/texte_77_2015_umweltbewusstsein_in_deutschland_2014_vertiefungsstudie_1.pdf
https://www.tagesschau.de/inland/umweltbewusstsein-101.html

 

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