Erwartungen zur Kommunikation bei Energieprojekten

,

Energiekommunikation
Energiekommunikation

Informationsüberflutung oder zu wenig Informationen? Wenn es um die Nachrichtenlage und Auskünfte zum Thema Energie geht, gibt es eine große Diskrepanz im individuellen Empfinden über die Informationslage. Das liegt unter anderem daran, dass sich nicht jeder für die gleichen Informationen interessiert und auch nicht auf die gleich Art und Weise informiert werden möchte. Forscher der Universität Hohenheim haben bei den Bürgern vier Erwartungstypen identifiziert, die unterschiedlich informiert werden wollen.

Die Pläne zu neuen Energieprojekten interessieren die Bürger vor Ort sehr – aber die Kommunikation darüber muss recht unterschiedlichen Erwartungen gerecht werden. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Fachgebiets für Kommunikationswissenschaft und Journalistik an der Universität Hohenheim. Dazu wurden Bürger in Baden-Württemberg zu ihren diesbezüglichen Vorstellungen befragt und verschiedene Erwartungstypen identifiziert. „Die Teilnehmer wünschen sich eine neutrale, transparente und verständliche Kommunikation“, fasst Projektkoordinatorin Dr. Helena Stehle zusammen, „doch darüber hinaus klaffen die Erwartungen an das ‚Wie‘ der Kommunikation weit auseinander.“

Die Mehrzahl der Menschen in Baden-Württemberg interessiert sich sehr für Energiethemen. Besonders gefragt: das Thema erneuerbare Energien und die Energiewende, die von den meisten auch grundsätzlich mitgetragen wird. „Doch wenn es um ein konkretes Projekt geht, etwa ein Windrad oder ein Pumpspeicherwerk vor Ort, dann ist die Akzeptanz nicht mehr selbstverständlich“, berichtet Prof. Dr. Claudia Mast, Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Hohenheim. Die Sichtweise der Bürger ist eine andere als die der Fachexperten. Dieser Gegensatz kann ganze Projekte lähmen. Oft wird dann der Ruf nach mehr Information, Kommunikation und Beteiligung laut. Was genau die Menschen dabei erwarten, haben die Wissenschaftler nun untersucht.

Vier verschiedene Erwartungstypen haben die Forscher identifiziert:

Typ 1 – Anspruchsvoller Informationstyp:
Will anspruchsvoll informiert werden, verhält sich aber passiv und hat eine Präferenz für lokalen Bezug bei Informationen.

Typ 2 – Aktiver Dialogtyp:
Informiert sich aktiv und will sich einbringen sowie sich über viele Kanäle mit anderen austauschen.

Typ 3 – Nutzenorientierter Gesprächstyp:
Steht einer Beteiligung offen gegenüber, aber andere sollen auf ihn zugehen. Er präferiert die persönliche Kommunikation, legt aber wenig Wert auf Informationen mit lokalem Bezug.

Typ 4 – Verschlossener heimatverbundener Typ:
Ist ein detailgenauer und eher scheuer Beobachter, der informiert, aber nicht direkt involviert werden will. Direkten Austausch lehnt er ab.

Diese Erwartungstypen sind in Baden-Württemberg sehr unterschiedlich verteilt, wie eine repräsentative Bevölkerungsumfrage, die in einem zweiten Schritt durchgeführt wurde, ergab. Hierzu befragten die Forscher 1.225 Bürger in Baden-Württemberg und werteten die Ergebnisse für das Bundesland, seine vier Regierungsbezirke und zwölf IHK-Regionen exemplarisch aus. Die Ergebnisse zeigen, dass in Baden-Württemberg der anspruchsvolle und der verschlossene Typ zu jeweils etwa 30 Prozent in der Bevölkerung vertreten sind, die anderen beiden zu je rund 20 Prozent. „In der Medienberichterstattung dominiert jedoch oftmals der aktive Typ, der dadurch mehr im Bewusstsein ist“, so Prof. Dr. Mast.

Auch auf Ebene der Regierungsbezirke sowie der IHK-Regionen im Land zeigen sich Unterschiede. „In Stuttgart dominiert beispielsweise der verschlossene Typ, in den Bezirken Karlsruhe, Tübingen und Freiburg ist dagegen der anspruchsvolle Informationstyp stark vertreten“, erläutert Dr. Stehle die Unterschiede. Auch die Größe des Wohnortes spiele eine Rolle: „Bei den zurückhaltenden Typen 3 und 4 kommen mehr Menschen aus Großstädten als bei den anderen Typen, beim aktiven Typ 2 dagegen verstärkt aus kleineren Ortschaften.“

Individuelle Ansprache statt Einheits-Kommunikation

„Die verschiedenen Erwartungstypen wollen individuell angesprochen werden. Die Kommunikationsangebote sollte man daher gezielt zuschneiden, damit sie zu den Menschen passen“, empfiehlt Prof. Dr. Mast. So können beispielsweise persönliche Angebote vor Ort für den aktiven Dialogtyp geschaffen und schriftliche Informationen für die zurückhaltenden Typen angeboten werden.

Um das zu schaffen, müssen die Verantwortlichen die Erwartungshaltung der Bürger vor Ort näher analysieren. „Unternehmen und Politik entwickeln bei der Kommunikation von Energieprojekten gerne viele Maßnahmen für alle – aber eine einheitliche, undifferenzierte Kommunikationsstrategie funktioniert nicht“, warnt Dr. Stehle.

Die Studie „Infrastrukturprojekte im öffentlichen Diskurs“ ist Teil des Programms Bürgerbeteiligung und Zivilgesellschaft der Baden‐Württemberg Stiftung.

Quelle: https://www.uni-hohenheim.de/

 

Leave a Reply