Kirche in der Plastiktüte

Verhüllung der Johanniskirche Bonn-Duisburg

Nein, diesmal ist es kein Christo, der hier eifrig am Verpacken ist, sondern eine evangelische Kirchgemeinde, und es steht auch kein künstlerisches Ansinnen hinter dem Projekt, sondern einzig und allein der Nachhaltigkeitsgedanke. Mit der Verhüllung der Johanniskirche  Bonn-Duisburg will man ein Zeichen setzen gegen wachsende Müllberge und Verschwendungssucht.

Wir leben heute im Plastikzeitalter. Kaum ein Material steht so prägnant für unseren Lebenswandel wie Plastik. Keine 100 Jahre ist es her, seit dem Beginn der industriellen Plastikherstellung, wegzudenken aber sind die Polyethylene, Polypropylene oder Polyester aus unserem Alltag nur noch schwerlich.

Das Bonner Netzwerk „Plastiktüte? Nein danke!“ sagt dem widersinnigen Platikboom und insbesondere der Plastiktüte seit gut einem Jahr den Kampf an. Die Argumente gegen die Plastiktüte sprechen für sich. Rund 40 Gramm Erdöl, rund 50 Milliliter, werden zur Herstellung einer einzigen Plastiktüte benötigt, die im Durchschnitt nur 23 Minuten genutzt wird, bevor sie im Müll landet. Das Material ist in den meisten Fällen nicht abbaubar und nur selten wiederverwertbar. Muss das sein? Die Bonn-Duisburger Kirchgemeinde als Mitglied des Netzwerkes setzte ein klares „Nein!“ auf die Frage. Um dem Ausdruck zu verleihen will sie in einer spektakulären Aktion das Gebäude ihrer Johanniskirche mit Plastiktüten verhüllen.

Am 15. September nach dem Gottesdienst fiel der Startschuss. Seit Monaten schon werden Plastiktüten dafür gesammelt. Diese haben die Gemeindemitglieder und engagierte Näherinnen zu 23 Meter langen Tütenbahnen zusammengenäht. 500 Quadratmeter Kirche sind am Ende zu bedecken. „Es sind allesamt gebrauchte Tüten“, erklärt Pfarrerin Dagmar Gruß, denn neuer Müll soll natürlich nicht produziert werden. Im Gegenteil ist am Ende der Aktion, die bis zum 28. September dauern wird, eine Verwertung des Plastikmülls angedacht.

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Die Verpackung der Kirche mit Plastiktüten ist ganz bewusst als Provokation, ja als Affront gedacht: die Kirche, verpackt wie alles andere, das käuflich ist und schnell verbraucht wird. Passt sich die Kirche damit den Verbrauchergewohnheiten, der Schnelllebigkeit und Wegwerfmentalität an und lässt sich vereinnahmen von unserer Art zu wirtschaften und Abfall anzuhäufen? Die Konfrontation mit den sichtbar gemachten Plastikmassen soll in uns die Frage wecken: Muss es denn immer eine Plastiktüte sein? Warum keine Papiertüte, oder besser noch, ein Jute- oder Stoffbeutel, der lange hält und vielmals wieder benutzt werden kann. Viel Überwindung kostet es schließlich nicht, beim Shoppen an der Kasse einmal zu sagen „Danke, ich brauche keine Tüte“, und das Gekaufte selbstbewusst in Umhängetasche oder Rucksack zu verstauen.

Josephin Lehnert

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