Neue Abgastests: EU erlaubt mehr Dieselabgasgifte

Abgastests künftig auf der Straße
Abgastests künftig auf der Straße

Um in Zukunft Abgas-Manipulationen wie im Fall Volkswagen vorzubeugen, sollen Dieselfahrzeuge künftig nicht mehr auf dem Prüfstand, sondern im Straßenverkehr hinsichtlich des Schadstoffausstoßes getestet werden. Eigentlich eine gute Nachricht. Allerdings dürfen diese Fahrzeuge dann europaweit völlig legal mehr als doppelt so viele Dieselabgasgifte emittieren, als bisher im Labor. Darauf einigten sich ein Ausschuss der EU-Kommission bei Gesprächen in Brüssel. Viele Umweltschützer reagierten mit Enttäuschung auf die Nachricht. Die Deutsche Umwelthilfe sprach von „dreistem Raub-tierlobbyismus“.

Die Volkswagen Gruppe hatte im September einräumen müs-sen, bei insgesamt 11 Millionen seiner Dieselmodelle eine Manipulations-Software eingesetzt zu haben, die die Abgaswerte auf dem Prüfstand niedriger ausfallen lässt, als auf der Straße. Durch Abgastests im Realbetrieb, den sogenannten Real Driving Emissions (RDE) -Tests, sollen solche Manipulationen künftig vermieden werden, hofft die EU-Kommission. Zudem sollen so Anreize für die Autobauer entstehen, schadstoffärmere Technologien zu entwickeln.

Die erzielte Einigung des Brüsseler Ausschusses sollte demnach eine gute Nachricht sein. Auch viele Um-weltschützer fordern seit Jahren, Fahrzeuge in Straßenverkehr zu prüfen. Von der neuen Regelung zeigten sich die meisten dennoch enttäuscht. Der Grund: Bei den neuen Tests auf der Straße dürfen Neufahrzeuge zwischen September 2017 und Januar 2019 den heute auf dem Prüfstand zulässigen Grenzwert für Dieselabgase um 110 Prozent – also mehr als das doppelte – überschreiten – ganz legal. Ab September 2019 wird das zwar abgemildert, aber dennoch darf der Wert dann noch immer um die Hälfte höher liegen als im Labor. Neue Dieselfahrzeuge dürfen demnächst also die heute zulässigen Höchstwerte für Luftschadstoffe im Straßenverkehr europaweit deutlich überschreiten.

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament, Rebecca Harms, sprach von einer zynischen Entscheidung. „Europäische Automobilhersteller werden für ihre Dreistigkeit belohnt, keine Anstrengungen zu unternehmen, die europäischen Regeln einzuhalten und ihre Fahrzeuge zu verbessern“, so Harms. Die Grünen teilten mit, die Einleitung rechtlicher Schritte prüfen zu wollen.

Am Verhandlungstisch des zuständigen Brüsseler Ausschusses „Technical Committee on Motor Vehicles“ saßen auch Vertreter der Bundesregierung. Nach Angaben von EU-Diplomaten stimmten diese für die künftige Regelung. Die Deutsche Umwelthilfe wirft der Koalition nun vor, sich mehr um das Wohl der Konzerne zu sorgen, als um die Gesundheit der Bevölkerung:

„Als sei nichts geschehen, setzt sich die deutsche Regierung für die Profitinteressen der deutschen Autoindustrie ein. Als Ergebnis dürfen zukünftig Diesel-Pkws viermal höhere Stickoxid-emissionen haben als in den USA. Opfer dieses dreisten Raubtierlobbyismus sind Millionen Menschen, denen zugemutet wird, auch künftig ein Leben in dreckiger Luft zu führen.

Die EU-Kommission hingegen zeigte sich zufrieden mit der künftigen Regelung, und sprach von „robusten Testmethoden“. Dabei sollte das Verfahren ursprünglich deutlich strenger sein: So sollten lediglich geringe Abweichungen von weniger als 20 Prozent zwischen Prüfstand und Straßenverkehr zulässig sein.

Dieselabgasgifte, vor allem die hochgiftigen Stickoxide (NOx), sind hochgradig gesundheitsschädlich, und stehen seit Jahren im Verdacht, Krebs zu verursachen. In Deutschland wird der EU-Grenzwert für das NOx-Jahresmittel immer wieder teils erheblich überschritten, die Gesundheit vor allem der städtischen Bevölkerung werde dadurch geschädigt, warnen seit Jahren Umwelt- und Gesundheitsexperten.

Die EU-Kommission hatte die Bundesregierung bereits mehrfach aufgefordert, etwas zur Verringerung der schlimmen Luftverschmutzung zu unternehmen und zuletzt sogar ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge in Städten empfohlen. Jetzt dürfen Diesel künftig im Straßenverkehr ganz legal weit mehr Schadstoffe ausstoßen als bisher. Es ist eine fragwürdige Reaktion auf den VW-Abgas-Skandal.

Der Abgas-Skandal zusammengefasst

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Die amerikanische Umweltbehörde EPA hatte die Volkswagen-Gruppe im September überführt, bei vielen Motoren seiner Dieselmodelle eine Manipulations-Software eingebaut zu haben. Diese sogenannte Abschalteinrichtung erkennt, wenn sich das Fahrzeug auf dem Prüfstand befindet, und drosselt den Motor so weit, dass die geltenden Höchstgrenzen für den Schadstoffausstoß eingehalten werden; im normalen Fahrverkehr hingegen emittieren die Fahrzeuge weit mehr Schadstoffe. Das Resultat: Einige der Fahrzeuge überschreiten die erlaubten Höchstgrenzen für Dieselabgasgifte um das 40fache. Aufgrund dieses Betrugs erwarten VW nun wahrscheinlich Strafen in zweistelliger Milliardenhöhe. Zudem muss der Wolfsburger Autobauer allein in Deutschland rund 2,4 Millionen Fahrzeuge zurück in die Werkstätten rufen (CEP berichtete).

Quelle: Verkehrsrundschau / Presseportal

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