Brasiliens Fukushima: Giftstoffe verseuchen Rio Doce

Umweltkatastrophe am Rio Doce
Umweltkatastrophe am Rio Doce

Es ist eine verheerende Umweltkatastrophe und eine schwere Tragödie für die brasilianische Bevölkerung: Der Rio Doce, einer der größten Flüsse Brasiliens, ist nach mehreren Dammbrüchen mit verschiedenen, gefährlichen Umweltgiften verseucht. Die hochtoxischen Substanzen – darunter extrem gesundheits-schädliche Stoffe wie Blei, Arsen und Quecksilber – stammen aus einer Eisenerzmine im Osten des Landes. Rund 62 Millionen Kubikmeter der todbringenden Giftbrühe verseuchen derzeit Mensch und Natur. Vielen Einwohner haben kein Wasser mehr. Der verantwortliche Konzern hält die Gefährung jedoch für übertrieben. So giftig sei das Abwasser gar nicht.

Es ist jetzt schon die schlimmste Umweltkatastrophe der brasilianischen Geschichte: Der gewaltige, 850 Kilometer lange Rio Doce (Süßer Fluss) gleicht derzeit einer riesigen Kloake. Das sonst klare Wasser hat sich in eine dreckige braune Brühe verwandelt. Häuser sind zerstört, Autos und Boote wurden umgeworfen wie Spielzeug. Die Menschen weinen und viele Tiere sind qualvoll verendet – begraben vom hochgiftigen Schlamm. Doch wie konnte es zu einer solchen Umweltkatastrophe kommen, die im Netz schon „das Fukushima Brasiliens“ genannt wird?

Angefangen hat alles mit mehreren Dammbrüchen nahe der Bergbaustadt Mariana. Nahe des kleinen Örtchens befindet sich die Eisenerzmine Samarco. Dort nahm das Unheil seinen Lauf. In einem sogenannten Rüchhaltebecken, sozusagen der Sondermülldeponie der Mine, lagerten die Betreiber riesige Mengen an Schwermetallen und anderer Umweltgifte, die beim Abbau des Erzes anfallen. Durch die Dammbrüche wurde eine gewaltige Schlammlawine ausgelöst, die den gesamten Inhalt der Becken mit sich riss. Aluminium, Arsen, Blei, Kupfer, Quecksilber und andere hochgiftige Chemikalien in unbekannter Menge wurden dabei freigesetzt, begruben auf dem Weg in den Rio Doce das Bergdorf Bento Rodrigues unter sich und töteten nach bisherigen Erkenntnissen mindestens 16 Menschen. Weitere 45 werden noch immer vermisst. Doch damit begann das Unheil gerade erst.

Rund 62 Millionen Kubikmeter der hochtoxischen Brühe gelangten schließlich in den Rio Doce. Schon drei Viertel des Flusses seien bereits verseucht, teilten Umweltschützer mit. Die Folgen für Natur und Menschen sind desaströs. Fische verenden in Massen, Tiere stecken bis zum Hals in der toxischen Suppe und Anwohner haben Angehörige sowie Haus und Besitz verloren. Im Netz kursieren immer mehr Videos, die zeigen, welches Ausmaß die Umweltkatastrophe bereits erreicht hat: Fisches sitzen weinend vor ihren mit brauner Brühe überzogenen Fischerbooten, auf denen sich Tonnen von verendeten Fischen stapeln, Pferde sind bis zum Hals im Schlamm begraben, ganze Landschaften sind zerstört und rund 250.000 Menschen, die auf den Fluss als Trinkwasserquelle angewiesen waren, haben nun kein Wasser mehr. Die Fischer und viele andere Betroffene haben ihre Lebensgrundlage verloren. Insgesamt sind schätzungsweise 15 Millionen Menschen sind von der schlimmsten Bergbaukatastrophe in der Geschichte des südamerikanischen Landes betroffen – und das voraussichtlich für sehr lange Zeit.

Denn ein Ende der Tragödie ist bisher nicht in Sicht. Unaufhaltsam fließt die Giftbrühe durch den Rio Doce und dessen Nebenflüsse. Mittlerweile hat sie bereits den Atlantik erreicht, wo sich die Umweltgifte nun langsam verteilen und das Meer braun färben. Die Menschen stehen nun vor einem gewaltigen Problem. „Es wird mindestens 100 Jahre dauern, bis die Rückstände dieser Giftstoffe langsam verschwinden“, sagte der Biologe André Ruschi. „Außerdem werden die Gifte früher oder später in der Nahrungskette und somit auch beim Menschen landen.“

Bei den freigesetzten Umweltgiften kann das unter Umständen eine tödliche Gefahr bedeuten. Vor allem Quecksilber, Arsen und Blei sind für den Menschen schon in vergleichsweise geringer Konzentration extrem schädlich. Bleivergiftungen können das Nervensystem schwer schädigen und bis zum Tod führen. Arsen ist genauso gefährlich. Das Halbmetall kann innere Blutungen auslösen. Das Herz, die Nieren und der Kreislauf versagen und nach ein paar Tagen tritt der Tod ein. Chronische Vergiftungen können Krebs verursachen oder zum Absterben von Extremitäten führen.

Doch wer ist schuld an Brasiliens Fukushima? War es menschliches Versagen – hätten die giftigen Abwässer nicht sicherer aufbewahrt werden können oder müssen, dami sich eine solche Katastrophe erst gar nicht ereignen kann? Oder war es höhere Gewalt? Darüber streiten sich derzeit die Betreiber der Erzmine, Umweltschützer und brasilianische Offizielle. Die Mine ist in Besitz der Firma Samarco, das zu gleichen Teilen dem größten brasilianischen Bergbaukonzern Vale und dem britisch-australischen Rohstoffgiganten BHP Billiton gehört. Und die weisen jegliche Schuld entschieden von sich. Ein Frühwarnsystem für Dammbrüche sei in Brasilien nicht verpflichtend. Zudem behaupten sie, der nachweislich extrem toxische Schlamm sei in Wirklichkeit gar nicht so gefährlich. Der Schlamm sei „chemisch stabil und verhalte sich wie normaler Boden“. Von einer Giftbrühe könne keine Rede sein.

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Die Menschen im Netz reagierten mit Empörung auf diese dreiste Behauptung. Die Rede ist von Korruption, Egoismus, Profitgier und Arroganz. Angefeuert wird die Kritik von dem Zugeständnis des Bergbauunternehmens, rund 246 Millionen Euro an Hilfsgeldern zahlen zu wollen. Das sei viel zu wenig ist für die gewaltigen Auswirkungen der Umweltkatastrophe, so die Kritik. Die Betroffenen fühlen sich zunehmend allein gelassen mit den Folgen des Chemieunfalls. Auch die UN kommt zu dem Schluss, die von Bergbaukonzern und Regierung eingeleiteten Schritte zur Schadenbegrenzung seien „eindeutig unzureichend“.

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff hat jetzt zumindest mitgeteilt, die Umweltauflagen für den Bergbau künftig deutlich verschärfen zu wollen. Hoffentlich rechtzeitig, denn im betroffenen Bundesstaat Minas Gerais gibt es über 15 weitere Talsperren, deren Dämme als einsturzgefährdet gelten. Doch dort wird zur Stunde weiter Erz abgebaut. Nur in Samarco stehen die Maschinen bis auf weiteres still.

Quellen: Der Standard / Heute.de / Die Welt

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