Recycling mit pädagogischem Wert

Die Remida ist ein Laden in Hamburg, der Kindertagesstätten, Schulen und Kultureinrichtungen Reststoffe aus Industrie, Handel, Handwerk und Gewerbe für die kreative Arbeit mit Kindern anbietet. Träger und Betreiber der Einrichtung ist der Remida e. V. Das CleanEnergy Project sprach mit Susanne Günsch, der Gründerin und Vorsitzenden des Remida e. V.

Frau Günsch, wie kamen Sie auf die Idee, die Remida zu gründen?
Auslöser war die Erzählung einer Kollegin, die aus Reggio zurückkam und von der Remida-Idee aus der norditalienischen Stadt berichtete. Weil ich schon als Kind gerne am Werktisch meines Vaters in der Restekiste gekramt habe, um damit zu experimentieren, hatte ich sofort ein Bild dazu. Ja, und dann habe ich alle meine Freunde zusammen getrommelt, um erst einmal einen Verein zu gründen, damit wir eine Plattform für die weitere Entwicklung haben. Glückliche Umstände führten dann dazu, dass wir vier Jahre später einen Laden mieten und die Idee konkret umzusetzen konnten. 

Was bedeutet der Name „Remida“?
Der Name ist ein Wortspiel aus „Re“ für Reggio Emilia aber auch Recycling und „mida“, abgeleitet vom König Midas im alten Griechenland, unter dessen Händen alles zu Gold wurde. Eine schöne Idee und Wortschöpfung aus Reggio.

Welche Materialien werden in Ihrem Laden angeboten?
Ganz unterschiedliche, aus allen Branchen: Folien aus Kunststoff, Schaumstoff, Blechstreifen, Taue und Seile, Glas, die Stoffreste einer Kostümschneiderei, Papprohre, Kabeltrommeln, Elektronikbauteile, Dosen, Kunststoffverpackungen, Papier, Kleinteile aus Metall und Plastik, Holz… Interessant sind vor allem die Dinge, die man vorher noch nie gesehen hat: Druckbänder zum Beispiel, Folienrollen auf denen die Druckfarben aufeinander folgen oder Verpackungen von CDs.

Welche Vorteile ergeben sich für die Sachspender durch eine Kooperation?
Firmen entdecken den kreativen Wert ihres Abfalls und können Entsorgungskosten sparen. Sie haben das Gefühl etwas Sinnvolles mit den Materialien, die für den Container zu schade sind, zu tun. Wenn zum Beispiel ein Architekturbüro seine Muster nicht mehr zum Recyclinghof fahren muss, und dort für die Entsorgung viel Geld bezahlt, sondern zu uns kommt und gleichzeitig sehen kann, welch kreatives Potenzial die Materialien haben – das ist für uns das Wichtigste. Vielen Firmen ist gar nicht bewusst, dass es so einfach ist, Kindern gutes Material zur Verfügung zu stellen.

Die Remida hat ihren Sitz in Hamburg. Handelt es sich bei den Materialspendern ausschließlich um Unternehmen aus der Hansestadt?
Aus ganz pragmatischen Gründen: Ja. Es sind vom Handwerksbetrieb bis zum DAX-Unternehmen viele dabei. Erst zweimal haben uns Unternehmen, die nicht in Hamburg sitzen, ihre Materialien im Paket zugeschickt. Weil es den meisten Firmen zu aufwendig ist, uns die Materialien zu bringen, holen wir sie größtenteils selbst ab.

Wie läuft ein Einkauf bei Remida ab? Müssen sich die Kunden vorher bei Ihnen anmelden?
Die Erzieher und Erzieherinnen beziehungsweise Lehrer und Lehrerinnen kommen einfach während den Öffnungszeiten vorbei – wir sind ja ein Laden. Weil wir die Dinge nicht einzeln, per Stück, Kilo oder Tüte verkaufen und da wir uns als permanente Schatzkammer betrachten, machen wir mit den Einrichtungen Nutzungsverträge über ein Jahr oder ein halbes. In der Zeit kommen sie dann und suchen sich aus, was sie brauchen. Die Kosten bemessen sich an der Größe der Einrichtung. Manchmal bringen sie Kinder zum Aussuchen mit, dann wird es richtig lebendig. Für gewöhnlich kommen die Pädagogen zu zweit und dann gehen die Dialog zwischen den Regalen los: „Guck mal, wenn man das hier umdreht und das da dran macht, dann könnte man…“ oder „Das ist ja wie im Paradies hier!“.

Haben auch Einrichtungen anderer Bundesländer die Möglichkeit, Materialien aus der Remida zu beziehen?
Die Remida lebt von der Kraft der Inspiration, das heißt, die Materialien sind anregend präsentiert, sodass man immer wieder neue Idee mitnehmen kann. Insofern muss man schon leibhaftig in die Remida kommen und selbst Materialien aussuchen. Es kommen auch Kitas aus Schleswig-Holstein. Wir sind allerdings kein Versandhandel. Wir verschicken aber Überraschungspäckchen an Einrichtungen, die bereit sind, sich auf die Idee der Remida einzulassen.

Inwiefern ist die Arbeit mit Remida-Materialien pädagogisch wertvoll?
Den Materialien ist kein eindeutiger Verwendungszweck zugeordnet, er kann frei entwickelt werden. Kinder brauchen für ihre Auseinandersetzung mit der Welt Dinge, mit denen sie selbst etwas gestalten können, die real sind. Das ist kreativ und unterstützt Bildungsprozesse.

Die Weiterverwendung der Materialien ist auch aus Umweltgesichtspunkten sehr sinnvoll. Wird dieser Aspekt in den Einrichtungen mit den Kindern thematisiert?
Das ist zweischneidig: Natürlich kommt es vor, dass in Kitas Müll- oder Recyclingprojekte laufen und dann die Erzieher und Erzieherinnen sich hier umsehen. Aber ich betrachte die Materialien nicht als Müll, sondern als Schätze. Und es geht auch nicht darum, in die Remida zu kommen, weil man für „richtige“ Materialien kein Geld hat. Die Remida vermittelt den Reichtum vorhandener Ressourcen und die Idee, die wunderbaren Reste aus der Produktion und das Bedürfnis von Kitas und Schulen nach kreativen Materialien zusammenzubringen. Kreativität ist unser Hauptziel, neben Bildung. Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind Themen, die mit auf der Strecke liegen, aber nicht im Fokus stehen.

Wie finanziert sich die Remida?
Im Wesentlichen aus den Nutzungsgebühren der Kunden. Wir haben einige Förderer, bekommen hin und wieder Spenden. Öffentliche Mittel bekommen wir bislang keine, weil die Remida durch sämtliche Förderraster fällt.

Welche Möglichkeiten haben Interessierte, sich für Remida zu engagieren?
Man kann uns mit Materialien aus der Firma unterstützen, mit Geldspenden oder als Fördermitglied, man kann sich als Zeitspender engagieren und konkret im Laden mithelfen, man kann uns bei der Logistik helfen und uns einmal in der Woche einen VW-Bus zur Verfügung stellen, denn mit Privat-Pkws stoßen wir inzwischen an Grenzen.

Frau Günsch, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Corinna Lang

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