Klimawandel – Die Katastrophe die keinen interessiert

Passend zur aktuellen Hitzewelle, die selbst Zweifler des Klimawandels zum Nachdenken bringen dürfe, warnt eine neue Studie vor der Entstehung einer „Heißzeit“. Ein Szenario, das die Menschheit an den Abgrund ihrer Existenz bringen würde. Ein Schock sollte das dennoch nicht sein. Der Klimawandel ist wissenschaftlich unumstritten. Der Großteil der westlichen Konsumgesellschaften versteht, wohin er führen wird. Und trotzdem bekommt das Thema in der Öffentlichkeit zu wenig Aufmerksamkeit. Wie kann das sein? – ein Kommentar.

Es ist eine Frage, die ich mir beinahe täglich stelle. Wie ist es möglich, dass der Großteil meiner Mitmenschen so unbekümmert ist, obwohl die Umstände längst jedem, der lesen kann und einer halbwegs neutralen medialen Berichterstattung ausgesetzt ist, klar sein müssten. Wieso löst das Thema Klimawandel bei so vielen nur ein müdes Schulterzucken aus?

Seit einigen Tagen kursiert eine neue Studie. Sie warnt vor einer „Heißzeit“ – Ein Szenario wie es der Film The Day After Tomorrow nicht dramatischer darstellt, nur eben heiß statt kalt. Selbst bei der Einhaltung des Pariser Klimaabkommens – eine Prämisse die ich selbst mittlerweile für unwahrscheinlich halte – können die Forscher eine langfristige Erderwärmung um vier bis fünf Grad nicht mehr ausschließen. Das Resultat wäre ein Anstieg des Meeresspiegels um 10 bis 60 (!) Meter.

Die Ignoranz der Unbetroffenen

Ist die Menschheit nicht in der Lage, ihren eigenen Untergang kommen zu sehen? Zugegeben, das klingt sehr dramatisch. Aber im Angesicht unserer Unfähigkeit, existenzielle Bedrohungen wahrzunehmen, bis wir individuell betroffen sind, sind dramatische Formulierungen vielleicht angemessen.

Wie schnell es geht, dass die Folgen der Globalen Erwärmung Nr.1 der gesellschaftlichen und politischen Problemwahrnehmung werden, das zeigt sich bei all den Staaten, welche die Wucht dessen, was uns allen langfristig bevorstehen wird, bereits voll abbekommen. Im Chad, einem der ärmsten Länder der Welt, trocknen Gewässer aus und Felder werden zu Wüsten. In Kiribati, der kleinen Inselrepublik im Pazifik, ist das steigende Meer zum größten Feind geworden. Nach aktuellen Vorhersagen könnten die bewohnten Atolle bis 2050 soweit überschwemmt sein, dass sie komplett unbewohnbar sind. Ich habe Politiker und Bürger beider Länder getroffen. Für sie spielen die unbedeutenden Probleme, mit denen wir uns täglich beschäftigen, keine Rolle mehr.

Wie stark sich die individuelle Wahrnehmung bei uns davon unterscheidet, weiß ich aus eigener Erfahrung. Neueste Studien zeigen zwar eine gestiegene Empfänglichkeit der Menschen für die Folgen des Klimawandels. Aber mal ehrlich, wer von uns ist denn letzten Endes wirklich bereit, seinen Lebensstil bzw. seinen täglichen Konsum zu ändern, „nur“ um den eigenen ökologischen Fußabdruck zu verkleinern und somit weniger zum Klimawandel beizutragen?

In Diskussionen, ob mit Kollegen, Bekannten, oder Fremden, befindet man sich am Ende meist in der egoistischen Sackgasse. Selbst sehr intelligente, dem Problem gegenüber offene Freunde, die ich sehr schätze, ziehen meist spätestens dann die Reißleine, wenn es an ihren persönlichen Genuss geht. Auch mich selbst schließe ich da nicht vollständig aus. Den Konsum ändern? kein Fleisch essen, Energie sparen? Aber ich will doch auch mein Leben genießen…

Hat uns der Wohlstand so weich gemacht, dass wir lieber die Augen verschließen und blind auf das Ende zusteuern, bevor wir auf Dinge verzichten, die wir gar nicht brauchen?

Bequemlichkeit der unbedeutenden Existenz

Die Größe des Problems ist Teil der gefühlten individuellen Ohnmacht. Bei über 7 Milliarden Menschen auf diesem Planeten fühlt sich das eigene Handeln verschwindend unwichtig an. Das macht es unserer Psyche besonders leicht, den eigenen Einfluss für zu klein zu halten, als dass er tatsächlich etwas verändern könnte. Das ist sehr bequem. Sobald wir uns jedoch benachteiligt fühlen sind wir ganz schnell wieder im Zentrum der eigenen Wahrnehmung.

Die existenzielle Bedrohung der Erderwärmung ist hierfür das ultimative Beispiel. Gerade, weil sie so existenziell ist. Man kann sie nicht ganz begreifen. Sie ist weit weg. Gerade weit genug, um sich im Angesicht der vielen kleinen täglichen Herausforderungen des Lebens nicht mit der Bedrohung befassen zu müssen. Wir blenden sie aus. Oder schieben die Verantwortung weiter.

Die Politik wird es richten? Nein.

Der Aufsatz von Nathaniel Rich in der New York Times zeigt eindrucksvoll, wie viel Zeit wir bereits vergeudet haben. Schon 1979 war man sich in den wissenschaftlichen Kreisen der USA einig, etwas tun zu müssen. Und bis heute beschließen wir regelmäßig aufs Neue, endlich Taten folgen zu lassen. Jahr um Jahr stellen wir dann erneut fest, dass es bereits fünf nach, zehn nach, Viertel nach zwölf ist. Und wieder passiert nichts. Oder zu wenig.

Churchill hat gesagt, Demokratie ist die schlechteste Regierungsform die es gibt, mit Ausnahme aller anderen, die wir probiert haben.

Was den Klimawandel betrifft, könnten demokratische Systeme kaum schlechter geeignet sein, das Problem zu lösen. Wenn alle vier oder fünf Jahre eine neue Regierung gewählt wird, dann kommen eben genau die Probleme zu kurz, die weiter in der Zukunft liegen, als die kommende Legislaturperiode. Das höchste Interesse demokratischer Parteien ist die Wiederwahl. Solange die nicht davon abhängt, auf die globale Erwärmung zu reagieren, wird der Klimawandel in den Programmen auch nicht engagiert genug angegangen.

Das heißt, der Druck muss von uns allen kommen. Doch da beißt sich die Katze in den Schwanz. Wenn der Großteil des Volkes stärker an Steuersenkungen interessiert ist, als an der Bewahrung der menschlichen Existenz, dann wird auch die Politik nicht nachziehen.

Anstatt ständig den Finger zu heben und auf die Schuldigen „da oben“ zu zeigen, die Politiker, die Korrumpierten, Unfähigen, Verdorbenen, die es nicht schaffen, mal etwas durch zu setzten, stattdessen sollten wir auf uns selbst blicken. Unser Konsum ist eine Wählerstimme, die heute fast genauso mächtig ist, wie der Stimmzettel. Und wer täglich vor allem auf sich selbst schaut, ohne die langfristigen Folgen seines Lebensstils zu bedenken, der hat auch das Recht verspielt, anderen die Schuld zu zuschieben.

Globale Kooperation für ein globales Problem?

Wir haben eine natürliche Empfindlichkeit für bedrohliche Ereignisse. Deshalb bekommen die Auswirkungen des Klimawandels so viel mehr Aufmerksamkeit, als das Phänomen selbst. Die wütenden Feuer in Griechenland, Schweden und Portugal schaffen es in die Schlagzeilen. Das ist natürlich. Menschen sterben, Existenzen werden zerstört. Das ist schrecklich. Doch wie groß muss eine Katastrophe sein, dass wir merken, dass wir alle, jeder einzelne, unseren Beitrag für den Erhalt der Erde als unseren gemeinsamen Lebensraum leisten müssen? Die Unfähigkeit das endlich anzunehmen, zeigt sich auf internationaler Ebene nicht weniger.

In der internationalen Diplomatie streitet man weiter über Zölle und Sanktionen, Migration und Grenzen, Militärausgaben und nukleare Abrüstung. Die Welt scheint in einer Dauerschleife von Krisen zu stecken. Eine bedrohlicher als die Andere. Auch sie betreffen mehr oder weniger uns alle. Populistische Regierungen und autokratische Herrscher geben sich deshalb nichts, Ängste zu schüren, Wut zu erzeugen, und nationale Eigeninteressen in den Vordergrund zu stellen. Vor allem, wenn es um den eigenen Vorteil geht.

Die amerikanische Fachzeitschrift Foreign Affairs schreibt:

„Und doch ist da eine Gefahr, die unser Jahrhundert genauso gut definieren könnte: Der Klimawandel. Der Zusammenbruch des Weltklimas wird sowohl mehr Aufmerksamkeit als auch Ressourcen einfordern, einen größeren Einfluss auf die globale Wirtschaft und die internationalen Beziehungen haben, als alle anderen sichtbaren Kräfte der Welt. Der Klimawandel wird aufhören, eine weit entfernte Gefahr zu sein und eine solche werden, deren Folgen uns zum sofortiges Handeln zwingt.“

Dieser Tag ist bereits hier.

Doch in einer Zeit, in der Konsens und Kooperation nicht mehr im Trend sind, Wahlen überall auf der Welt mit nationalen Egoismen gewonnen werden und gegenseitige Hilfe, internationale Zusammenarbeit und Empathie zunehmend als zu teuer und nutzlos betrachtet werden, in dieser Zeit scheint der menschliche Triumph über den Klimawandel so weit weg wie nie. Trotz Paris.

„Die Freiheit des einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt.“ – I. Kant

Unsere westliche Kultur basiert zu großen Teilen auf der Idee individueller Freiheit. In unserer modernen Konsumgesellschaft identifizieren wir aber längst nicht nur mehr die Grundfreiheiten der liberalen Demokratie. Unser Verständnis von Freiheit gibt jedem Menschen das Recht, sein Leben so zu leben, wie er will. Diese individuelle Freiheit geht genau so weit, bis sie die Freiheit eines anderen berührt.

Artikel 2, Absatz 1 des Grundgesetzes besagt:

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

Doch was, wenn das eigene Handeln, dessen freie Gestaltung sich jeder natürlich vorbehält, die zukünftige Freiheit eines Anderen beeinträchtigt? Das Rauchen neben einer schwangeren Frau ist rücksichtslos und unmoralisch? Was nun, wenn der eigene Lebensstil, in welcher Form auch immer, dazu führt, dass das ungeborene Kind der Frau in einer Welt aufwachsen muss, die von den Folgen des Klimawandels, von Nahrungsmittelknappheit, Massenmigration und Hitze geprägt ist? Ist das moralisch ebenso verwerflich, wie die potenzielle gesundheitliche Beeinträchtigung des Kindes durch das Rauchen? Eine philosophische Zwickmühle.

Mit dem Argument konfrontiert würden die meisten wohl die Winzigkeit des eigenen Einflusses belächeln – zurecht. So wird Klima-Trittbrettfahren zum zentralen Faktor für ein Problem, das nur gemeinsam lösbar ist. Und die Katastrophe nimmt ihren Lauf …

„Chaos und Kriege“

Wer sich dem existenziellen Ausmaß dieser Katastrophe nicht bewusst ist, dem möchte ich zum Abschluss „The Uninhabitable Earth“ von David Wallace-Wells ans Herz legen.

„Es ist viel schlimmer als ihr denkt, das verspreche ich euch. Wenn eure Angst vor dem Klimawandel bloß von der Erhöhung des Meeresspiegels geschürt wird, dann kratzt ihr nicht mal an der Oberfläche des Schreckens. Des Schreckens, der noch zu den Lebzeiten heutiger Teenager Wirklichkeit werden kann. Das Anschwellenden unserer Ozeane – und die vielen Städte die sie ertränken werden, dominieren unser Bild von der globalen Erwärmung (…), so dass unserer Wahrnehmung die vielen Gefahren verborgen bleiben, die uns bereits viel näher sind. Steigende Ozeane sind schlimm, sehr schlimm; aber den Küsten zu entfliehen, das wird uns nicht helfen.“

Es wird Chaos und Kriege, es wird Millionen von Toten geben und Aufstände und Flucht und Vertreibung von ungeahnten Ausmaßen und ein Wegschauen und Grausamkeit und einen Verfall dessen, was wir als Zivilisation bezeichnen. Es wird Krankheiten geben, die Millionen von Jahren alt sind, eingeschlossen im Eis, zum Leben und zum Töten erweckt durch die Eisschmelze. Es wird die sechste Auslöschung geben, und es ist nicht klar, ob nicht der Mensch zu denen gehört, für die die Erde kein Ort mehr ist, auf dem sie leben können.“

Bis wir das verstehen, wird es längst zu spät sein.