Temperatur-Monitoring deckt versteckte Netzkapazitäten auf

,

Hochspannungsleitung

Die fehlenden Speicherkapazitäten sind das quälende Problem der erneuerbaren Energien. Allen voran der Mangel an Netzkapazitäten, die den produzierten Strom aus regenerativen Energiequellen, wie etwa der Windkraft, dorthin transportieren, wo sie benötigt werden. Das bestehende Verteilernetz kann diese Strommengen nicht in vollem Umfang fassen, somit gerät auch der Ausbau der Anlagen zur Energiegewinnung zwangsläufig ins Stocken.

Im Jahr 2005 ging die aktuelle Netzstudie I der Deutschen Energie Agentur dena noch davon aus, dass der wachsende Anteil des regenerativ erzeugten Stroms mit einem Ausbau des Höchstspannungsnetzes von 850 Kilometern bis 2015 nötig sei, um eine störungsfreie Aufnahme zu gewährleisten. In der nächsten Netzstudie II (2010) war dann schon von 3.600 Kilometern neuer Netze bis zum Jahr 2020 die Rede, um die energiepolitischen Ziele zu erreichen.

Kritiker gehen davon aus, dass neue Leitungen in diesem Umfang nicht zwingend notwendig sind und zunächst die technischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden sollten, um die Übertragungsleitungen besser zu nutzen. In unserem Stromnetz schlummern noch reichlich Reserven und die gilt es aufzuspüren und zu nutzen. Das Höchstspannungsleitungsnetz lässt sich nämlich noch wesentlich effizienter nutzen, als derzeit und zwar dann, wenn die zu transportierenden Strommengen an das Wetter angepasst werden. Je kälter die Witterung, desto mehr Strom kann durch die Leitungen fließen, ohne, dass diese zu heiß werden und Überschläge durch zu weit durchhängende Leiterseile drohen.

Hierzulande definiert die DIN-Norm, wie viel Strom bei einer Außenluft von 35 Grad, windstille und direkter Sonneneinstrahlung maximal durch die Leitungen fließen darf. Entsprechend dieser Berechnung schicken die Netzbetreiber ihren Strom durch die Leitungen – egal, ob die Bedingungen gerade gegeben sind oder nicht. Es fließt also auch an kühleren Tagen nicht mehr Strom durch die Leitungen, obwohl die Berechnungstemperaturen längst nicht erreicht werden. Demnach werden Leistungskapazitäten verschenkt, denn theoretisch könnte bei niedrigen Lufttemperaturen um die Null Grad rund 20 bis 30 Prozent mehr Strom durch die Leitungen geschickt werden, ohne, dass diese zu heiß werden.

Was sich in der Theorie simpel anhört, ist in der Praxis wesentlich komplizierter, denn je größer die durchgeleiteten Strommengen, desto heißer werden die Übertragungskabel. Um die Leitungskapazitäten stets in vollem Umfang nutzen zu können, muss die Übertragungsmenge jederzeit bekannt sein und auch der physikalische Zustand der Leitung im Auge behalten werden. Möglich wird das durch das so genannte Freileitungs- oder Temperaturmonitoring, eine Technik, die in den USA bereits seit zwanzig Jahren genutzt wird, um das dortige Stromnetz sicherer und effizienter zu betreiben.

Doch auch in Deutschland stößt diese Methode langsam aber sicher auf offene Ohren und wird von den ersten Netzbetreibern bereits genutzt. So etwa von Eon, die hierdurch die Übertragungskapazität ihres, in Schleswig-Holstein produzierten Windstroms innerhalb der Freileitungen bei kalter Witterung um bis zu 50 Prozent anheben konnten. Ohne das Temperaturmonitoring würden die Leitungen die Strommengen kaum bewältigen können und die Windräder müssten an windreichen Tagen entsprechend zwangsgedrosselt werden, um das Netz nicht zu überhitzen.

Judith Schomaker

 

Leave a Reply