Paradox: Kalt, weil es wärmer wird

Winterlandschaft

Die Ursache für die ungewöhnlich kalten Temperaturen und dafür, dass wir in diesem Jahr die Ostereier im Schnee suchen mussten, liegt möglicherweise in der globalen Temperatur- erwärmung – so paradox das auch klingen mag. Mehrere Studien zeigen, dass ein Rückgang des arktischen Meereieses für den kalten März verantwortlich sein könnte.

Für die Jahreszeit ist es ungewöhnlich frostig in Deutschland und Teilen Europas. Eisige Temperaturen in Mitteleuropa, fünfeinhalb Meter hohe Schneewehen in Nordirland – von Wetterkapriolen mag man hier kaum noch sprechen. Die letzten vier Winter waren kälter als das Mittel der letzten 30 Jahre, und auch die letzten Sommer waren nicht besonders warm. Wo also bleibt sie, die viel beschworene Klimaerwärmung? Sie ist schon da, mutmaßen Klimaforscher und legen beunruhigende Fakten auf den Tisch. Der Rückgang des arktischen Meereises bringt vermutlich die Luftbewegungen auf der nördlichen Erdhalbkugel aus dem Gleichgewicht und sorgt für ungewöhnliche Druck- und Temperaturanomalien.

Im Sommer 2012 war das arktische Meereis auf ein Rekordminimum zurückgeschmolzen und auch das winterliche Maximum fiel weit geringer aus als üblich. Die Folge: weithin offene Wasserflächen, die anders als Schnee und Eis die einfallende Sonnenstrahlung nicht reflektieren sondern absorbieren und sich erwärmen. Dadurch wird der Unterschied zwischen Islandtief im Norden und Azorentief im Süden geringer, die nordatlantische Oszillation (NOA), die für das europäische Wetter verantwortlich zeichnet, schwächt sich ab.

Die Meereisbedeckung in der Barentsee und in der Kara-See war in diesem Jahr wieder ungewöhnlich niedrig. In der Nähe der Region hat sich ein Hochdruckgebiet festgesetzt, ähnlich auch über der Labradorsee. Da sich ein Hochdruckgebiet auf der nördlichen Halbkugel stets im Uhrzeigersinn dreht, konnte massenhaft sibirische Kaltluft einströmen. Das war insbesondere Mitte bis Ende März der Fall und hierzulande für das arktische Osterfest verantwortlich.

Klimawissenschaftler haben auf solche Phänomene schon vor Jahren aufmerksam gemacht, so Vladimir Petoukhov vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung 2010 in einer Studie in den Proceedings of the National Academy of Science (PNAS). Er liefert auch eine Erklärung für den anhaltenden Schneefall bis weit in den Frühling hinein. Wenn kalte Luft über offene und relativ warme Wasserflächen streicht, nimmt sie Feuchtigkeit auf, man spricht vom sogenannten „Lake-Effekt“: „Große eisfreie Wasserflächen im Norden führen dazu, dass die einströmende Luft feucht ist. Das kann ein Grund sein dafür, dass es in diesem Winter über den genannten Regionen zu starkem Schneefall gekommen ist“, so Petoukhov. Harte Winter widersprechen seiner Meinung nach nicht dem Bild globaler Erwärmung, sondern vervollständigen es eher. Die Störungen von Luftströmungen könnten die Wahrscheinlichkeit des Auftretens extrem kalter Winter in Europa und Nordasien verdreifachen, erklärt Petoukhov. „Im Klimasystem gibt es komplexe Fernbeziehungen, und in der Barents-Kara See könnten wir eine mächtige Rückkopplung entdeckt haben.“

Mit seinen Thesen steht Petoukhov nicht allein da. Wissenschaftler anderer Forschungsinstitute sind zu ähnlichen Ergebnissen gekommen, wie Jennifer A. Francis und Stephen J. Varus im Journal of Geophysical Research, Klaus Dethloff et al im Journal Tellus A über „Impact of sea ice cover changes in the Northern Hemisphere atmospheric winter circulation“ und Jiping Liu et al in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) über “Impact of declining Arctic sea ice on winter snowfall”.

Wer glaubt, Klimawandel bedeute, dass es überall auf der Erde um ein bis zwei Grad wärmer wird, täuscht sich gewaltig. Die Erde ist ein so hochkomplexes und hochsensibles Ökosystem, dass schon die kleinste Änderung an einer Stelle eine Reihe unvorhersehbarer Folgen anderswo nach sich ziehen kann. Man sagt nicht umsonst, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Indien einen Hagelsturm in Brasilien auslöst.

Josephin Lehnert

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