Neue Schwachstelle im antarktischen Eis entdeckt

Abbrechen von Eisbergen als typische Folgeerscheinung schmelzender Schelfeise

Die Antarktis gehört zu den vom Klimawandel am stärksten bedrohten Gebieten der Erde. Bisher gingen die meisten Klimaforscher davon aus, dass die Folgen der Erderwärmung in erster Linie das Amundsenmeer im Westen der Antarktis betreffen. Nun haben Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Institutes für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft aber diese weit verbreitete Annahme in einer Anfang Mai veröffentlichten Studie widerlegt und prophezeien ein rapides Abschmelzen des Filchner-Ronne-Schelfeises im antarktischen Weddellmeer.

Mit ihrer Vorhersage dürften die Wissenschaftler für einige Überraschung in der Fachwelt sorgen, vermutet auch Dr. Hartmut Hellmer, Ozeanograf am Alfred-Wegener-Institut und Erstautor der Studie: „Das Weddellmeer hatte niemand so richtig auf der Rechnung, weil alle glaubten, seine Wassermassen seien im Gegensatz zum Amundsenmeer kalt genug, um dem Schelfeis nichts anhaben zu können. Wir aber zeigen, dass die warmen Wassermassen des Weddellmeeres in den kommenden Jahrzehnten dem Filchner-Ronne-Schelfeis mächtig zusetzen werden.“

Zu ihren Ergebnissen kamen Hellmer und seine Kollegen mit Hilfe komplizierter Klimamodelle. Diese legen nahe, dass die steigenden Temperaturen über dem antarktischen Weddellmeer in den nächsten sechs Jahrzehnten eine verheerende Kettenreaktion in Gang setzen. So wird das Filchner-Ronne-Schelfeis durch die immer wärmere Luft dünner, brüchiger und dadurch mobiler. Das führt laut Hellmer dazu, dass „eine hydrographische Front im Weddellmeer aufbricht, die bis jetzt verhindert, dass warmes Wasser unter das Schelfeis gelangt. Nach unseren Berechnungen aber wird sich diese schützende Barriere bis zum Ende dieses Jahrhunderts auflösen.“

Das in der Folge einströmende Warmwasser lässt dann das Eis von unten schmelzen, wie Hellmers Kollege Dr. Jürgen Determann ergänzt: „Die größten Schmelzraten erwarten wir nahe der sogenannten Aufsetzlinie. So nennt man jene Zone, in der das Schelfeis auf dem Meeresboden aufsetzt und in den Gletscher übergeht. An dieser Stelle schmilzt das Filchner-Ronne-Schelfeis heute um etwa fünf Meter pro Jahr. Zur nächsten Jahrhundertwende werden die Schmelzraten auf bis zu 50 Meter pro Jahr ansteigen.“

Eine derart rasante Schmelze könnte sich verheerend auswirken, befürchtet Studienerstautor Hellmer: „Schelfeise sind für das nachgelagerte Inlandeis wie ein Korken in der Flasche. Sie bremsen die Eisströme, weil sie in den Buchten überall anecken und zum Beispiel auf Inseln aufliegen. Schmelzen jedoch die Schelfeise von unten, werden sie so dünn, dass die bremsenden Flächen immer geringer werden und sich das dahinterliegende Eis in Bewegung setzt.“ Sein Kollege Determann ergänzt: „Sollten die erhöhten Schmelzraten komplett durch nachfließendes Inlandeis kompensiert werden, entspräche dieser Massenverlust einem zusätzlichen Meeresspiegelanstieg von 4,4 Millimeter pro Jahr.“

Die im britischen Wissenschaftsmagazin „Nature“ veröffentlichten Studie wurde im Rahmen des EU-finanzierten Forschungsprogramms „Ice2sea“ durchgeführt, das Wissenschaftler aus 24 führenden Forschungsinstitutionen der Europäischen Union sowie aus Chile, Norwegen und Island vereint.

Matthias Schaffer

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