Korallenriffe vor dem Aus?

Korallenriff

Selbst wenn sich die globale Erderwärmung auf zwei Grad Celsius begrenzen lässt, werden die Auswirkungen auf die Korallenriffe der Weltmeere mit hoher Wahrscheinlichkeit dramatisch sein. Das zeigt eine nun veröffentlichte Studie des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Demnach zerstören die Erwärmung der Wasseroberfläche und die Versauerung der Meere nahezu den kompletten Lebensraum von fast einem Viertel des ozeanischen Artenreichtums.

Lediglich bei stark reduzierten Treibhausgasemissionen und unter der Annahme, dass sich die sensiblen Nesseltiere extrem schnell an die veränderten Bedingungen anpassen können, besteht die Möglichkeit, dass Teile der Korallenriffe unbeschädigt bleiben.

Erhöhte Wassertemperaturen sind insbesondere eine starke Belastung für das symbiotische Zusammenleben von Korallen und Mikroalgen. Da die Korallen als Folge davon ihre bunten Farben verlieren, sprechen Wissenschaftler von Korallenbleiche. Die Studie gibt nun erstmals einen umfassenden weltweiten Überblick über die Zusammenhänge zwischen globaler Temperaturveränderung und dem sogenannten Bleichen.

Laut der Leitautorin Katja Frieler vom PIK verursacht ein Anstieg der globalen Mitteltemperatur über die Zwei-Grad-Grenze bei der gegenwärtigen Temperaturempfindlichkeit der Korallen eine großflächige Bleiche. Es sei unsicher, ob sich die Tiere an die neuen Temperaturverhältnisse anpassen können, beispielsweise durch den Wechsel der Symbiose zu wärmeverträglicheren Algen. Ohne eine solche Anpassung werden aber bereits bis 2030 rund 70 Prozent der Korallenstandorte langfristige Schäden erleiden, und das sogar in einem Szenario mit verstärktem Klimaschutz. Um diesen beunruhigenden Wert wenigstens auf 50 Prozent abzusenken, müsste die Erderwärmung sogar unter 1,5 Grad bleiben.

Wie der Meeresbiologe und Studien-Co-Autor Ove Hoegh-Guldberg von der Universität von Queensland in Australien berichtet, haben es die Korallen besonders schwer, da sie die falschen Eigenschaften für eine derart schnelle Anpassung besitzen: „Sie haben lange Lebenszyklen von fünf bis 100 Jahren, und sie weisen eine relativ geringe genetische Vielfalt auf, weil Korallen sich durch Klonen fortpflanzen können. Sie sind nicht wie Fruchtfliegen, die sich viel schneller evolutionär weiter entwickeln können.“

Die in der Fachzeitschrift „Nature Climate Change“ veröffentlichte Studie untersucht erstmals auch die Auswirkungen der zunehmenden Versauerung der Ozeane. Dass Meerwasser saurer wird, wenn es Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnimmt, könnte die für das Wachstum der Korallenriffe entscheidende Kalkbildung stören und somit ihre Widerstandsfähigkeit weiter verringern. Hoegh-Guldberg warnt: „Die gegenwärtigen Annahmen zur Temperaturempfindlichkeit könnten die Folgen des Klimawandels für Korallen eher unterschätzen statt überschätzen.“

Es sieht also nicht gut aus für die Korallenriffe dieser Erde. Malte Meinshausen, ein weiterer Studien-Co-Autor vom PIK und der Universität Melbourne findet unmissverständliche Worte für das Ausmaß der Bedrohung: „Das Zeitfenster zum Handeln ist klein, und es schließt sich rasch. Wir schließen dieses Fenster, wenn wir ein weiteres Jahrzehnt ungehemmt immer mehr Treibhausgase in die Atmosphäre entlassen.“

Matthias Schaffer

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