Beginnt bald ein neues Energiezeitalter?

Bei der Kernfusion verschmelzen zwei Kerne zu einen neuen Kern.

Die Energieerzeugung mittels Kernfusion könnte viele globale Probleme auf einen Schlag lösen. Denn sie verspricht die Kraft der Sonne nutzbar zu machen und damit nahezu unendliche, günstige und vor allem saubere Energie, die anders als die Erneuerbaren völlig unabhängig von Umweltaspekten wie Wind und Wetter produziert werden könnte. Glaubt man dem US- amerikanischen Rüstungs- und Technologiekonzern Lockheed Martin könnte dieser Traum schon innerhalb der nächsten zehn Jahre Wirklichkeit werden. Das Unternehmen gab vor kurzem bekannt, die Entwicklung des für die Fusionsreaktion benötigten Reaktors stehe vor einem Durchbruch. Die Technologie könnte die Menschheit in ein neues Energiezeitalter führen. Doch wie viel ist dran an der Meldung des Konzerns? Hier die Fakten zur Energiequelle der Zukunft.

Das Konzept der Kernfusion ist so alt wie das Universum selbst. Unter ungeheurem Druck und Hitze verschmelzen zwei Atomkerne miteinander zu einem neuen Kern. Dabei wird eine riesige Menge Energie freigesetzt. So geschieht es jede Sekunde auch im Inneren der Sonne. Der hohe Druck und die extreme Temperaturen halten die Kettenreaktion dabei in Gang. Zwei Wasserstoffatome verschmelzen zu einem Heliumkern. Forscher versuchen seit Jahrzehnten das Prinzip auch auf der Erde nachzuvollziehen. Im militärischen Bereich ist das bereits gelungen. Die unkontrollierte Fusionsreaktion ist Ursache für das enorme Zerstörungspotenzial der Wasserstoffbombe.

Im zivilen Bereich könnte die Kernfusion, sollte es gelingen sie kontrolliert ablaufen zu lassen, mit einem Schlag die Energiewirtschaft umkrempeln, denn sie verspricht nahezu unbegrenzte, und umweltfreundliche Energie zu liefern. Denn für die Reaktion werden nur Moleküle benötigt, die auf der Erde in ausreichendem Maße und damit günstig vorhanden sind. Ein Bestandteil, das Deuterium findet sich beispielsweise im Meerwasser. Außerdem entsteht bei der Kernverschmelzung so gut wie kein Kohlendioxid und keine anderen Treibhausgase und nur ein geringer, schnell abbaubarer Anteil an Radioaktivität. Das macht die Kernfusion, sollte sie gelingen, auch zu einer der sichersten und saubersten Energiequellen der Erde.

Wissenschaftler auf der ganzen Welt forschen deshalb schon seit den 1960er Jahren an dem Prinzip. Doch bislang mit eher mäßigem Erfolg. Denn eines der Hauptprobleme der kontrollierten Kernfusion sind die extrem hohen Temperaturen, die nötig sind um die Reaktion zu starten und der immense Druck, der die beiden Kerne miteinander verschmelzen lässt. Um diese Bedingungen zu schaffen, musste bisher weit mehr Energie in die Versuchsreaktoren gesteckt werden, als bei der eigentlichen Fusion entsteht. Daher ist die Technologie bislang zur kommerziellen Energiegewinnung unrentabel.

Der US-Konzern Lockheed Martin meldete jedoch vor kurzem einen Durchbruch bei der Entwicklung eines neuartigen Fusionsreaktors. Den Forschern des Labors „Skunk Works“, das zu dem Konzern gehört, ist es nach eigenen Angaben gelungen, eine Fusionsanlage in Miniaturformat zu bauen, die mit rund 100 Megawatt genug Energie für zehntausende Haushalte liefert und die schon in zehn Jahre marktreif sein könnte. Sollte die Meldung stimmen, würde das einen Meilenstein in der Energieerzeugung bedeuten. Bislang waren die meisten Experten davon ausgegangen, dass es noch mindestens 50 Jahre dauern werde, bis die ersten rentablen Fusionsreaktoren zur zivilen Anwendung in Betrieb gehen würden.

Doch bei vielen Wissenschaftlern herrschen Zweifel am Wahrheitsgehalt der Sensationsmeldung. Denn es wäre nicht das erste mal, dass Erfinder behaupten, ihnen sei der Bau eines wirtschaftlich rentablen Fusionsreaktors gelungen. Völlig überzeugen konnte bislang niemand. Auch nachdem sich die erste Euphorie über Lockheeds Meldung gelegt, und Experten das vorgestellte Konzept genauer unter die Lupe genommen hatten, wurden immer mehr Vermutungen laut, dass die Forscher von Skunk Works viele der größten Hindernisse der Technologie noch nicht überwunden hätten. Das von Lockheed zum Patent angemeldete Modell sei keine wirkliche Innovation sondern lediglich die Kombination aus zwei bereits bekannten Konzepten. Bei diesem Patent gäbe es sowohl physikalische als auch technische Gründe, die gegen einen Erfolg sprächen, sagte Professor Karl Lackner vom Garchinger Max-Planck-Institut laut dem Nachrichtenmagazin „Die Welt“.

Lockheed wollte bislang noch keine weiteren Daten bekanntgeben, doch das Unternehmen hält weiter an den Aussagen über die Funktionalität und Rentabilität seiner Anlage fest. Auch wenn einige Wissenschaftler bezweifeln, dass der Mini- Fusionsreaktor von Lockheed wie angegeben funktionieren kann und bereits in zehn Jahren Energie liefern wird, sind sich die meisten Kernphysiker einig: Die kontrollierte Kernfusion wird eines Tages – sei es in zehn oder in 50 Jahren – als die Energiequelle der Zukunft in die Geschichte eingehen und ein neues globales Energiezeitalter einläuten.

Add comment