Atomarer Gau – wie groß ist das Risiko?

Ein atomarer GAU, vor allem in Europa, galt lange Zeit als ein eher seltenes Phänomen. Das Max-Planck-Institut kommt bei seiner neuen Studie allerdings auf ein ganz anderes Ergebnis, als das in den 90er Jahren geschätzte Risiko der US-amerikanischen Zulassungskommission für Kernreaktoren. Das Risiko eines Reaktorunglücks, ähnlich dem von Tschernobyl oder Fukishima, liegt demnach 200-mal höher, als bislang angenommen.

Von einer radioaktiven Verseuchung wird gesprochen, wenn mehr als 40 Kilobecquerel Radioaktivität pro Quadratmeter nachgewiesen werden. Gerade in Westeuropa, wo die Reaktordichte relativ hoch ist, könnte nur ein einziger Super-GAU weite Landstriche verseuchen, denn die radioaktiven Partikel halten sich nicht an Staatsgrenzen. Viele strahlende Partikel, unter anderem das radioaktive Cäsium-137, legen Strecken von mehr als 2.000 Kilometer zurück. Im Schnitt wären dann rund 28 Millionen Menschen mit erhöhten Cäsiumwerten mit deutlich mehr als 40 Kilobequerel pro Quadratmeter konfrontiert. Zum Vergleich: Bei dem Reaktorunglück von Tschernobyl waren Werte von bis zu 40 Kilobequerel pro Quadratmeter auf deutschem Boden messbar.

Für die Ermittlung der Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze stellte Jos Lelieveld, Direktor des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz, zusammen mit zwei Kollegen eine simple Rechnung auf. Die Laufzeit der weltweiten Kernreaktoren wurde von Beginn der Inbetriebnahme bis heute zusammengezählt. Der Wert von 14.500 Jahre wurde nun durch die Zahl der bisher stattgefundenen Kernschmelzen (einmal Tschernobyl, dreimal Fukushima) geteilt. Somit kam es in der Vergangenheit alle 3.625 Reaktorjahre zu einem Super-GAU. Aufgerundet auf 5.000 Reaktorjahre entspricht dieses Ergebnis bei den derzeit weltweit 440 aktiven Reaktoren einem Unfall alle zezhn bis 20 Jahre.

Kontaminationsrisiko-neu

Müssen wir uns angesichts des, zugegeben recht theoretischen, Studienergebnisses nun Sorgen machen, obwohl das Ende der Atomenergie hierzulande bereits eingeleitet wurde? Das nationale Risiko einer radioaktiven Verseuchung wird zwar mit dem Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie verringert, solange unsere Nachbarn ihre Reaktoren nicht abschalten, bleibt die Gefahr jedoch auch hierzulande bestehen. Am gefährdetsten sind dabei die Südwestdeutschen, denn gerade im Grenzgebiet Frankreich, Belgien, Deutschland ist die Dichte der Kernkraftwerke, und die damit verbundene Kontamination bei einem möglichen Reaktorunfall, besonders hoch.

Judith Schomaker

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