Reclaim the streets – kreativer Straßenprotest

Erfährt die kreative Protestform demnächst wieder eine Wiederbelebung in Deutschland? Die so genannte Critical Mass, Guerilla Gardening, so genannte Flash Mobs und die zunehmende Beliebtheit von Bänken und Stühlen vor Cafés, sei der Platz auch noch so eng, lassen das vermuten. Doch wo fand diese Protestform ihren Anfang und was steckte ursprünglich dahinter?

Unter „Reclaim the Streets“ (rts), zu deutsch „Holt euch die Straße zurück“, ist die gemeinschaftliche Aneignung des öffentlichen Raums zu verstehen. Deren Ursprung lässt sich, wie bei vielen Bewegungen, in der Musikkultur finden. Im Jahre 1994 ließ nämlich die als Eiserne Lady bekannte Margaret Thatcher in ganz Großbritannien das öffentliche Abspielen von Technomusik verbieten. Im Zuge dessen konnte bei einem Zusammentreffen von mindestens drei Menschen, die Technomusik hörten, die Polizei grundlos eingreifen. Das heißt die Personen konnten ohne auffällig geworden zu sein, festgenommen werden und deren Musikanlage wurde beschlagnahmt. Anlass für das absonderliche Gesetz war die Sorge, dass Jugendliche durch diese Musikrichtung drogensüchtig werden konnten. Doch ging das Verbot nach hinten los. Andere Gruppen, die sich ebenfalls von der Regierung unrecht behandelt fühlten, solidarisierten sich mit den Anhängern der Technomusik. So entstanden Bündnisse mit anderen Straßenkulturen wie Punks, den Hausbesetzern und New-Age-Nomaden. Zudem kristallisierte sich zu dieser Zeit auch bei ökologisch orientierten Initiativen und anderen engagierten Bürgern ein zentrales neues Thema heraus: das Recht auf nicht kolonialisierte Freiräume. Das Ergebnis war eine neue Protestform, eine wachsende politische Bewegung.

Das Ziel von Reclaim the Streets ist die Rückeroberung von Lebensräumen. Schwerpunkte stellen dabei Demonstrationen gegen die Vormachtstellung des Autos und die seit Mitte der 90er-Jahre um sich greifende Umwidmung von öffentlichem Raum in firmeneigenes Gelände, das nicht von jedem betreten werden darf und ständig überwacht wird. Hierunter fallen beispielsweise Einkaufszenten an den Stadträndern oder die Verdrängung von Jugendlichen, Alten, Obdachlosen, Drogenabhängigen und anderen, die eventuell die Kauffreude ihrer Mitbürger dämpfen könnten, aus den innerstädtischen Konsummeilen.

In Deutschland wurde wohl am 18.Juni 1999, am Vorabend des G8 Gipfels, die bis dato größte Demonstration in Köln organisiert: 10.000 Demonstranten blockierten im Stadtzentrum Banken und Brücken. Auch Reclaim-the-Streets-Partys, auch als Global-Street-Party, finden weltweit in den größeren Städten unregelmäßig statt. Die Menschen feiern ihre Party auf der Straße, zumeist friedlich, Straßenkünstler gesellen sich hinzu, das Ganze erinnert an ein Straßenfest. Auch die Fahrraddemos, als Critical Mass, bekannt, werden auf Grund eines sich verändernden Mobilitätsverhaltens immer populärer. Ziel hierbei: auf den Radverkehr und die fehlende Infrastruktur aufmerksam machen. Auch Flashmobs werden zunehmend genutzt, um kritische Themen aufzugreifen und an die Öffentlichkeit zu tragen. Das Guerilla Gardening hingegen setzt sich für mehr Grün in den Städten ein. So rissen in London „Guerillagärtner“, getarnt durch ein riesiges Zelt und den Partylärm, mit Presslufthämmern das Pflaster auf und pflanzten in die Löcher junge Bäume. 

Die städtische Protestbewegung spricht vor allem Jugendliche und Alternative an. Ihre Organisationsform, falls man sie als solche bezeichnen kann, ist lose und unkompliziert. Jeder kann sich zu jeder Zeit eine Aktion ausdenken und loslegen. Denn die Straßen sollten auch zukünftig frei sein für alle, der Verkehr nicht nur von bzw. für Autos bestimmt sein und unser Stadtbild durch Grün gestaltet sein.

 

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