Die neuen Wege des Autoverkehrs

Thomas Gottschalk beugt sich ganz tief runter und schnuppert am Auspuff. Dann bekommt er ein Glas mit Wasser in die Hand gedrückt. Das Glas wurde vorher vor laufenden Kameras an das dampfende Auspuffrohr gehalten, woraufhin sich das Wasser im Glas kondensiert hat. Gottschalk betrachtet das Glas mit seinem berühmten charmant dümmlichen Gesichtsausdruck. Dann trinkt er das Wasser.
Das war im Jahr 2000. Im Rahmen der von Gottschalk moderierten Eröffnungsveranstaltung der „Expo 2000“ in Hannover stellte Mercedes sein Konzeptauto „NECAR“ mit Brennstoffzellenantrieb vor. Statt gefährlichem Feinstaub und klimaschädlichem Kohlendioxid puffte dieses glitzernde Auto nur Wasserdampfwölkchen in die Luft. Dafür verpfändet der Stuttgarter Autobauer sogar die Gesundheit von Deutschlands Topmoderator Gottschalk. Die Zukunft schien begonnen zu haben. Seitdem sind viele Jahre vergangen. Viele Jahre, in denen in der Automobilindustrie, mal abgesehen von ein paar Fusionen und vielen Entlassungen, nicht viel passiert ist. Die Zukunft scheint auch weiterhin in den Showrooms der Branche eingesperrt zu sein.

Die ökologische Revolution in der Automobilindustrie
Und doch hat in den letzten Jahren eine kleine Revolution in der Autobranche stattgefunden. Das erste fahrbare Resultat dieser Revolution kam aber nicht, wie hierzulande erwünscht, aus den so innovativen Hightechlaboren deutscher Nobelkarossen. Stattdessen rollte der Hybrid-Pkw „Prius“ beim japanischen Autobauer Toyota vom Band. Beim Prius würde niemand am Auspuff schnuppern, denn da kommen durchaus noch die gesundheitsschädigenden Abgase eines Verbrennungsmotors heraus. Neben dem Verbrennungsmotor hat der Prius aber auch noch einen akkubetriebenen Elektromotor, der diesem Auto insbesondere beim Anfahren und im Stadtverkehr zu niedrigem Verbrauch und damit auch zu geringen Emissionen verhilft. Außerdem kann die überschüssige Energie des Verbrennungsmotors und ein Teil der Energie, die normalerweise beim Bremsen verloren geht, im Akkumulator gespeichert und so weiter genutzt werden. Dieses neue Antriebskonzept hat Toyota im Alleingang auf dem globalen Pkw-Markt etabliert. Und dies gleich so erfolgreich, dass die Konkurrenz, insbesondere auch aus dem Autoland Deutschland, nur abgehängt hinterhertuckern kann.
Aber die eigentliche Revolution ist gar nicht der etwas klobig daherkommende Prius. Revolutionär ist vielmehr, dass sich heute selbst in der schwerfälligen und traditionell umweltsündigen Automobilindustrie ein unübersehbares Umweltbewusstsein durchgesetzt hat. Dieses neue Umweltbewusstsein zeigt sich zwar heute noch eher in den grün gestrichenen Werbeplakaten für Sport- und Geländewagen und weniger in umweltfreundlichen Antrieben. Aber der Toyota Prius ist ein erstes Zeichen dafür, dass sich künftig in der Antriebstechnik einiges tun wird. So tüftelt schon heute jeder Hersteller an seinem eigenen umweltfreundlichen Weg in die Zukunft. Wohin führen diese neuen Wege? Wie vielversprechend sind die verschiedenen Konzepte? Und was für Motoren werden uns künftig bewegen?

Hybridelektrokraftfahrzeug
…ist die korrekte aber wenig griffige Bezeichnung für den Prius. Wie sein lateinischer Name schon andeutet, war er der erste Großserien-Pkw mit Hybridantrieb auf dem globalen Automarkt. Aber er ist schon lange nicht mehr der Einzige: Nach seinem großen Markterfolg und auch nach dem symbolischen Aufruf einiger deutscher Politiker, doch besser auf die repräsentative spritfressende Dienstlimousine zu verzichten und stattdessen Prius zu fahren, tummeln sich heute bereits weitere Hersteller wie Honda, Ford und Lexus auf dem Hybridmarkt. Darüber hinaus haben sehr viele weitere Autobauer auch aus Deutschland bekannt gegeben, dass sie an Hybridkonzepten arbeiten und auch die Serienfertigung vorbereiten. Bis heute sind angekündigte Markteinführungstermine aber immer wieder verschoben worden, sodass das lukrative Hybridgeschäft nach wie vor von Toyota und vielleicht noch Honda dominiert wird. Viele Hersteller werden nachziehen, soviel erscheint sicher. Gelegentlich wird sogar prophezeit, dass sich der Hybridantrieb ganz durchsetzen wird. Viele Menschen insbesondere aus den Umweltorganisationen sehen das Hybridkonzept aber nur als Übergangslösung und fordern eine konsequente Abkehr vom fossilen Verbrennungsmotor.

Elektromobilität
…oder auch „E-Mobility“ sind heute beliebte Modebegriff in der internationalen Umweltdebatte. Mit glänzenden Augen denken viele Menschen dabei an ruhige Städte mit saubere Luft, da die lauten und emissionsintensiven Verbrennungsmotoren endlich auf den Schrottplätzen ruhen. So erstrebenswert diese Vision auch sein mag: Bis dahin ist es noch eine lange Fahrt.
Heute schon auf den Straßen unterwegs ist nur die oben erwähnte hybride Verbindung eines Elektromotors mit einem Verbrennungsmotor. Der Vorteil dieser Verbindung ist, dass sie im Gegensatz zu einem reinen Elektroantrieb keine komplett neue Energieinfrastruktur benötigt, da die Akkus ja durch den spritgetriebenen Verbrennungsmotor geladen werden. Aber es wird auch heute schon durchaus an reiner Elektromobilität gearbeitet. So fahren seit einigen Monaten ein paar kleine Elektro-Smarts durch Berlin, die sich hier an RWE-Stromzapfsäulen wieder auftanken können. Auch viele weitere Hersteller und Energiekonzerne arbeiten an der verheißungsvollen Elektromobilität. Und die deutsche Politik versucht, mit dem „Nationalen Entwicklungsplan Elektromobilität“ Deutschland zum Leitmarkt für Elektromobilität zu pushen. Aber ein wirklicher Durchbruch der reinen Elektroantriebe erscheint heute noch in weitere Ferne. Und das, obwohl Elektromotoren für Fahrzeuge ein sehr alter Hut sind. Problematisch sind aber die Tankstelleninfrastruktur und vor allem die Speicherung der elektrischen Energie. Lange erschienen Wasserstoff-Brennstoffzellen als aussichtsreichster Energiespeicher. Aber diese Technik ist teuer und schwer kontrollierbar, sodass viele Hersteller von ihr abgerückt sind. Heute wird verstärkt an der Weiterentwicklung chemischer Akkumulatoren geforscht. Aber auch hier sind hohe Preise, niedrige Kapazitäten, Sicherheitsbedenken und die langen Ladezeiten hartnäckige Probleme. Eine weitere Baustelle ist die Frage, womit man die Stromspeicher denn eigentlich laden soll: Will man einen wirklich relevanten Umweltschutz erreichen, dann darf man die Autos nicht einfach mit klimaschädlichem Kohlestrom betreiben. Auch hier sind erneuerbare Energien die sauberste Lösung. Viel diskutiert wird in diesem Zusammenhang die Option, die Schwankungen im Stromnetz, die durch die nicht konstant einspeisenden erneuerbaren Quellen verursacht werden, durch die Energiespeicher in den Autos abzufedern. Dafür ist aber eine komplette Umstrukturierung des (eh sanierungsbedürftigen) deutschen Stromnetzes notwendig, was wiederum viel Zeit kostet.

Biokraftstoffe
…sind da technisch deutlich leichter handhabbar. Die gängigen Verbrennungsmotoren können nämlich mit wenigen Handgriffen so umgerüstet werden, dass sie auch Kraftstoffe aus Pflanzen verdauen. Beim Verbrennen von Biokraftstoffen entstehen zwar genau wie bei fossilen Kraftstoffen auch klimaschädliche Emissionen. Aber rechnerisch werden diese ausgeglichen, indem beim Anbau der Energiepflanzen genauso viel Kohlenstoffdioxid gebunden wird, wie ihre Verbrennung freisetzt. Daher gelten Biokraftstoffe als CO2-neutral.
Es gibt ganz verschiedene Möglichkeiten ganz verschiedene flüssige und gasförmige Biokraftstoffe aus ganz verschiedenen Pflanzen herzustellen. Gemeinsam haben all diese Pfade aber, dass sie in Konkurrenz zu anderen Nutzungsmöglichkeiten der Pflanzen stehen. So wurden die Hungersnöte, die in den letzten Jahren in vielen Ländern Afrikas aufgetreten sind, immer wieder mit dem boomenden Energiepflanzenanbau in diesen Regionen in Verbindung gebracht. „Food not Fuel!“ ist hier der Schlachtruf, der verdeutlicht: Nahrung ist wichtiger als Treibstoff. Außerdem werden in vielen Ländern wie insbesondere Indonesien und Malaysia ganze Regenwaldregionen durch Brandrodung unwiederbringlich zerstört, weil auf den Flächen Palmölplantagen errichtet werden sollen. Und wenn für die Biokraftstoffe Regenwald gerodet wird, ist der Umweltnutzen dieser Kraftstoffe vollständig ruiniert. Daher wird heute unter Hochdruck versucht, weltweite Zertifizierungssysteme für Biokraftstoffe zu etablieren, die deren nachhaltigen Anbau belegen sollen. Aber immer mehr Zweifel kommen auf, ob ein solches System denn überhaupt funktionieren kann. Hier muss eine international verbindliche und absolut transparente Regelung her, sonst läuft es auf „teure Ökokraftstoffe für Europa, billiger Regenwaldsprit für China“ hinaus. Und selbst wenn sich irgendwann eine solche Regelung durchsetzen könnte, dann hat man mit den Biokraftstoffen noch immer die krebserregenden Partikelemissionen der Verbrennungsmotoren mitten in den Städten.

Effiziente Motorentechnik
…klingt nicht so visionär wie Elektromobilität oder Biokraftstoffe. Es handelt sich hierbei auch nicht wirklich um neue Technik sondern nur um Effizienzsteigerungen bei altbekannten Motoren. Insbesondere deutsche Autobauer arbeiten viel an effizienten Dieselmotoren, beispielsweise mit Direkteinspritzung.
Effiziente Energienutzung ist nun sicherlich immer gut. Aber eine echte Lösung für die dringlichen Umweltprobleme ist hier nicht zu erwarten: Schließlich verfeuern auch die effizientesten herkömmlichen Motoren weiterhin die endlichen und immer teurer werdenden fossilen Energieträger, bei der Verbrennung der Kraftstoffe wird weiterhin klimaschädliches Kohlendioxid freigesetzt und der bei der Verbrennung anfallende Feinstaub ist auch weiterhin gesundheitsschädlich. Das Übel wird kleiner, aber es bleibt ein Übel.

Ein eindeutiges Fazit
…zugunsten des reinen Elektroantriebs also! Zwar gibt es noch weitere Antriebskonzepte wie den Druckluftmotor oder den Wasserstoffverbrennungsmotor. Diese Konzepte kann man mal bei Wikipedia nachlesen, oder man kann sie auch direkt wieder vergessen: Eine wirklich nachhaltige, gesunde und klima- und umweltfreundliche Lösung bietet heute nur das Elektroauto, das mit erneuerbarer Energien betankt wird. Bis das Elektroauto aber wirklich durchstarten kann, werden, trotz des revolutionsverdächtigen Umweltbewusstseins der Automobilindustrie, noch mal einige Jahre vergehen. Bis dahin heißt es: Öffentliche benutzen oder, noch besser, mit dem Fahrrad fahren!

Stefan Heimann

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