Die Macht der Masse – Critical Mass

 Die Radmobilität gewinnt gegenwärtig weltweit und vor allem in Großstädten an Bedeutung. Doch mangelt es oftmals noch an entsprechender Infrastruktur, die Straßen sind zu eng und Autofahrer nehmen auf die Radler nach wie vor wenig Rücksicht im Straßenverkehr. Mit Aktionsformen wie der Critical Mass soll sich das ändern.

Bei einer Critical Mass (Dt.: kritische Masse) treffen sich Radfahrer scheinbar zufällig an einem vorher vereinbarten Ort und festgesetzter Uhrzeit, um dann gemeinsam und völlig ungeordnet durch die Innenstadt zu fahren. Ziel der Aktion: Auf die Rechte des Radfahrers hinweisen und die Autofahrer zu mehr Rücksicht auffordern. Via Internet, Plakaten oder Mundpropaganda weist ein Organisator auf die Aktion hin, wobei es keinen Verantwortlichen oder eine zentrale Organisation gibt. Doch sind oftmals der ADFC oder Selbstreparaturwerkstätten für Fahrräder in die Terminierung involviert.

Der Name beschreibt dabei den Umstand, dass eine bestimmte Anzahl an Radfahrern als ein gemeinsamer Verbund betrachtet wird. So dürfen in Deutschland mehr als 15 Radfahrer nach § 27 der Straßenverkehrsordnung (StVO) einen geschlossenen Verband bilden, der allerdings als solcher für andere Verkehrsteilnehmer deutlich erkennbar sein muss. Für diese kritische Masse bzw. den Verband gelten die gleichen Verkehrsregeln eines einzelnen Fahrzeuges. Im Zuge dessen müssen die Teilnehmer einer Critical Mass zum Beispiel alle gemeinsam eine Kreuzung überqueren oder eine Ampel fahren, selbst wenn diese zwischenzeitlich auf Rot umschaltet. Auch entfällt in diesem Falle die Pflicht, einen vorhandenen Radweg zu nutzen (§ 2 Abs. 4 StVO) und die Radler dürfen zu zweit nebeneinander die Fahrbahn nutzen.

Ihren Ursprung fand die erste Critical Mass in San Francisco. Im Jahre 1992 fand hier die erste Aktion dieser Art statt, die sich anschließend weltweit auf weitere Großstädte ausdehnte. Zu einer politisch motivierten Critical Mass kam es im August 2004 in New York. Die mehr als Tausend Teilnehmer nutzten die Aktionsform für einen Protest gegen den Parteitag der Republikaner und US-Präsident George W. Bush. Die Folgen: Hunderte Räder wurden konfisziert, ganze Straßenzüge gesperrt und mehr als 400 Personen festgenommen.

Einen Teilnehmer-Rekord stellte Budapest auf: Am 22. April 2007 fuhren etwa 50.000 Menschen durch das Zentrum der Stadt, am 20. April 2008 schließlich sogar 80.000.

In Deutschland fand die erste Critical Mass – wie sollte es anders sein – 1997 in Berlin statt. Nahmen anfangs gerade einmal 20 Radfahrer teil, so beteiligten sich bereits nach einem halben Jahr schon 400-500 Menschen. Inzwischen fanden und finden in nahezu jeder größeren Stadt Deutschlands Critical Masses statt. Angefangen bei Freiburg und Leipzig im Jahre 2008, über Nürnberg (2009), Düsseldorf (2010), Köln (2010), Bremen (Juli 2012), Braunschweig, Dormund, Greifwald, Oldenburg (November 2012) bis hin zu Kempten (2014), Pforzheim, Freudenstadt, Celle und vielen weiteren Städten. Teils finden die Critical Mass regelmäßig statt, wie beispielsweise in Stuttgart, teils eher sporadisch oder wenige Male im Jahr wie in Pforzheim.

Konfrontationen mit den Autofahrern sind dabei nicht ausgeschlossen. So kann die Blockade eines Kreisverkehrs durchaus Aggressionen bei manch einem Autofahrer auslösen bis hin zu Bedrohungen oder dichtem Auffahren auf die Radgruppe. Damit solche Fälle die Ausnahme bleiben, gilt: Die Teilnehmer einer Critical Mass sollten sich trotz ihres Anliegens rücksichtsvoll verhalten und die Nerven der Autofahrer nicht überstrapazieren. Denn sonst erreicht man genau das Gegenteil: Nicht mehr Verständnis für Radfahrer, sondern eine verminderte Rücksichtsmaßnahme auf die unmotorisierten Verkehrsteilnehmer.

Richtig eingesetzt bietet die Critical Mass eine Aktionsform, die mit viel Spaß verbunden ist und für jeden offen steht. Mitmachen lohnt sich!

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