Das „Grüne“ Semester

Romana Bates, Leiterin des Lehrgangs Manager/in für Nachhaltige Mobilität im Verkehrswesen an der Donau Universität Krems

„Manager/in für Nachhaltige Mobilität im Verkehrswesen“ lautet der offizielle Titel des neuen Studiengangs an der Donau-Universität Krems. Ist in unserer Gesellschaft eine derartige Zertifizierung notwendig? Das CleanEnergy Project sprach mit Romana Bates, der Leiterin des Lehrgangs.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „nachhaltige Mobilität“?

Klar ist, dass unser derzeitiges Mobilitätsverhalten überwiegend nicht nachhaltig ist. Der Verkehr ist in Österreich für mehr als 25 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich und leistet damit einen wesentlichen Beitrag zum Klimawandel. Die Verbrennung von fossilen Energieträgern beeinträchtigt Luftqualität, Gesundheit und Lebensqualität. Letztere kann natürlich auch durch Lärm massiv reduziert werden. Pkws nehmen auch räumlich enorm viel Platz in unserem Leben ein.

Nachhaltige Mobiliät ist klimafreundlich, energieeffizient, sozial gerecht und gesund. Sie schont Raum und Ressourcen, ist schadstoffarm und erzeugt wenig Lärm, stellt zukunftsfähige Infrastruktur zur Verfügung, wie verkehrsberuhigte Zonen, Begegnungszonen, dichte Netze des öffentlichen Verkehrs, Carsharing, attraktive Straßen für den Radverkehr, ist fair ge- und besteuert und weist eine hohe Verkehrssicherheit auf. 

Sie haben 2012 an Ihrer Universität dafür den speziellen Zertifizierungs-Studiengang „Manager/in für Nachhaltige Mobilität im Verkehrswesen“ eingeführt. Auf welchen Fächern liegt im Lehrplan das Augenmerk? 

Der einsemestrige Universitätslehrgang ist auf drei Schwerpunkten aufgebaut: Die Grundlagen der nachhaltigen Mobilität vermitteln das Basiswissen über Bedeutung und Auswirkungen der Mobilität, über nachhaltige Möglichkeiten im Individualverkehr sowie im öffentlichen Verkehr und zeigt bereits umgesetzte und auch visionäre Modelle für nachhaltige Mobilität auf. Ein weiterer Fokus wird auf die erforderliche Infrastruktur und Energiebereitstellung für nachhaltige Mobilität gelegt, beginnend bei der Relevanz der Raumplanung, über die Bereitstellung von regenerativer Energie bis hin zu Antriebs- und Speicherkonzepten. Im dritten Schwerpunkt geht es um die Umsetzung von innovativen Konzepten der nachhaltigen Mobilität in Unternehmen und Kommunen. Es wird vermittelt, wie Verkehr in die CO2-Strategie einer Organisation eingebunden werden kann, ebenso wie die wichtigen Stakeholder Teil der neuen Mobilitätsprojekte sein können. Darüber hinaus erstellen die Studierenden mit fachlicher Unterstützung bereits ein Konzept für Nachhaltige Mobilität für ihre eigene Organisation.

Sehen Sie in unserer heutigen Gesellschaft also den Bedarf für diesen „neuen“ Berufszweig? 

Ja, unbedingt. Für viele Studierenden ist natürlich das Know-how zur nachhaltigen Mobilität eine Ergänzung zu ihrer bereits bestehenden Expertise, meist im Bereich Umwelt- und Energiemanagement oder erneuerbare Energien. Der Großteil der Absolventinnen und Absolventen kann mit einer breitgefächerten Expertise umfassende Konzepte erstellen, die für jedes individuelle Projekt die energieeffizienteste und klimafreundlichste Lösung bieten. Eines der essenziellen Assets des Programms ist die Vernetzung. Die Stichwörter heißen in diesem Zusammenhang Trans- und Interdisziplinarität. Die Vielfalt der Fachrichtungen der Studierenden ermöglicht es, in Umsetzungsprojekten auf ganz spezifische Fachkenntnisse von Kolleginnen und Kollegen zurückzu- greifen, etwa in den Bereichen Geothermie, Windenergie, Elektrotechnik, Coaching oder Betriebswirtschaft.  

Genaugenommen stehen doch die beiden Hauptbegriffe in Widerspruch zueinander: Management versus Nachhaltigkeit, oder? 

Nein, absolut nicht. Sowohl auf lokaler bis hin zur globalen Ebene muss Nachhaltigkeit gemanagt werden. Management bedeutet ja nichts anderes als Planung, Betreuung, Organisation, auch Entscheidungen treffen und delegieren. Wir brauchen Expertinnen und Experten, die in der Lage sind, das neue Wissen aber auch Bewusstsein in konkreten Projekten zu implementieren. Schließlich bedarf es im Sinne der Umsetzung von zahlreichen lokalen und regionalen Initiativen neben dem fachlichen Know-how auch der Fähigkeit, diesen Wandel voranzutreiben, zu begleiten und zu managen.

„Nachhaltige Mobilität“ kann doch eigentlich erst funktionieren, wenn jeder von uns anfängt, sein eigenes Mobilitätsverhalten zu überdenken und vor allem dabei umzudenken. Ein Prozess der „Ökosophie“ statt des Managements mit seinen zahlreichen Konzepten, Planungen und Strategien?! Wie sehen Sie dies?

Wir brauchen beides.

Viele Anzeichen für einen Bewusstseinswandel bei den Menschen sind da, sie brauchen Experten und Expertinnen, um das neue Bewusstsein auch in konkreten Projekten umsetzen zu können.

Zudem können wir das free-rider Problem nicht negieren. Umwelt- und Klimaschutz werden seitens der ökonomischen Theorie als öffentliche Güter kategorisiert. Das Problem dieser Güter ist, dass niemand vom Konsum dieses öffentlichen Gutes ausgeschlossen werden kann; das heißt, auch wenn eine Person keinen Beitrag zum Beispiel zur CO2-Reduktion leistet, profitiert sie von den Beiträgen der anderen. Eine Konsequenz daraus ist der free-rider Effekt. Mit diesem Bewusstsein, dass andere sozusagen Trittbrett fahren, sind auch andere nicht zu einem eigenen Beitrag bereit. Das Ergebnis ist, dass das öffentliche Gut, hier der Klimaschutz und die nachhaltige Mobilität, nicht im gesellschaftlich erforderlichen Ausmaß zur Verfügung gestellt werden. Ganz besonders auf globaler Ebene ist für Menschen kaum mehr kontrollierbar, ob die anderen ihre Beiträge leisten. 

Die Wirtschaftsnobelpreisträgerin (2009) Elinor Ostrom († 2012) war der Ansicht, dass dies verhindert werden kann, wenn es Vertrauen gibt. In kleineren Strukturen ist es möglich, dieses Vertrauen zu bilden. Auf globaler Ebene ist das sehr viel schwieriger. Aber es gibt inzwischen viele lokale und regionale Gruppen, die sich selbst organisieren und beginnen, sich zu vernetzen. Innerhalb eines solchen Netzwerks kann wiederum Vertrauen gebildet werden. Diesem Konzept entspricht auch jenes der vernetzten Energieautarkie, in welche die nachhaltige Mobilität eingebunden ist.

Ostrom ist in ihrer praxisorientierten Forschung unter anderem zu der Erkenntnis gekommen, dass die Menschen vor Ort oft die besten Lösungen für ihre Probleme finden. Ostroms Prinzipien fußen auf einem partizipativen Ansatz: Alle Betroffenen müssen bei der Festlegung der Regeln mitwirken, die Vereinbarungen müssen klar sein, ihre Einhaltung muss überwacht und Fehlverhalten sanktioniert werden. Das muss gemanagt werden. Ostrom gelang der Nachweis, dass weder der Staat noch der Markt in der Regel die besten Ergebnisse erzielt. Speziell in Bezug auf den Klimawandel war sie überzeugt, dass es eine Vielzahl von Möglichkeiten zu dessen Bekämpfung gibt: „Viele davon sind lokal oder regional. Wir müssen auf der lokalen Ebene konkrete Handlungsmöglichkeiten erproben. Denn wenn wir tatsächlich irgendwann ein globales Klimaabkommen bekommen, aber keinerlei experimentelle Erfahrungen mit dem Klimaschutz haben, dann wird uns das auch nicht mehr helfen.“

Wäre es nicht sinnvoller, das Geld in diverse „Nachhaltige Mobilitäts-Kampagnen“ zu stecken, um die Bevölkerung zu sensibilisieren statt in die Einrichtung eines Studienganges? 

Die beiden Ansätze können nicht verglichen werden. Einerseits besteht natürlich noch viel Bedarf an Bewusstseinsveränderung in der Bevölkerung und damit an Aufklärungsarbeit, andererseits muss jedoch noch stark an neuen Lösungskonzepten und an der erforderlichen Infrastruktur für nachhaltige Mobilität gearbeitet werden. Der Studiengang qualifiziert die Studierenden, diese Voraussetzungen zu schaffen.

Wo beziehungsweise in welchen Positionen sehen Sie die Absolventen? 

Unsere Absolventinnen und Absolventen sind in Planungsbüros tätig, die vor allem für Unternehmen und Kommunen nachhaltige Konzepte erstellen und die Umsetzung unterstützen und begleiten. Aber auch in Energieunternehmen, bei Mobilitätsdienstleistern, Fahrzeugherstellern und Handelsorganisationen, wo sie mit ihrer neu erworbenen Expertise ihr Unternehmen in Veränderungsprozessen zu einer nachhaltigen Wirtschaft unterstützen. Ebenso finden sich zukunftsfähige Tätigkeitsbereiche in Interessensverbänden und Organisationen, Gemeinden und Städten, für die das Know-how des Universitätslehrgangs erforderlich ist.

Frau Bates, wie kommen Sie verkehrstechnisch zu Ihrem Arbeitsplatz? 

Straßenbahn, Bahn und Bus.

Frau Bates, danke für das Gespräch!

Florian Simon Eiler

Mehr Informationen zum Studiengang  „Manager/in für Nachhaltige Mobilität im Verkehrswesen“ 

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