Biokraftstoffumfrage konstatiert hohen Infobedarf der Verbraucher

Frage1; Bild: GlobalCom

Das CleanEnergy Project, eines der größten Branchennetzwerke für Erneuerbare Energien, Cleantech und Nachhaltigkeit, befragte über 1.000 seiner Mitglieder zu ihren Einschätzungen bezüglich der Auswirkung von Biokraftstoffen auf Umwelt und Gesellschaft. Dabei stellte sich ein hoher Informationsbedarf der Verbraucher im Hinblick auf die Produktion und den Einsatz von Biokraftstoffen heraus. Umso wichtiger ist es, dass Anbieter von Biokraftstoffen individuell über ihr Produkt informieren und ihre Anbaumethoden sowie Umweltbilanzen transparent offen legen, so das Fazit der Studie.

„Biokraftstoffe werden auf politischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene von Kritikern wie Befürwortern vielseitig diskutiert. Ebenso kontrovers schlägt sich die Debatte über Biokraftstoffe in der medialen Berichterstattung nieder. Daher ist es für Verbraucher besonders schwierig, sich eine Meinung über Biokraftstoffe zu bilden“, erklärt Ralf Hartmann, Gründer des CleanEnergy Projects. „Während der gesamten Befragung zeigten sich die Teilnehmer relativ uneins. So gaben 39 Prozent an, Biokraftstoffen eher positiv gegenüber zu stehen, 35 Prozent bekundeten eine eher negative Einstellung gegenüber Biokraftstoffen und 26 Prozent nahmen eine überwiegend neutrale Stellung ein“, fasst Hartmann die Ergebnisse zusammen.

Frage 6; Bild: GlobalComEin eindeutigeres Ergebnis trat jedoch bei der Frage, wie die Teilnehmer die Auswirkungen des Energiepflanzenanbaus auf den Nahrungsmittelanbau einschätzen, zutage. Hier gaben 76 Prozent der Befragten an, dass sie von negativen Auswirkungen – insbesondere durch die Verdrängung und somit Verteuerung der Nahrungsmittel – ausgehen. 68 Prozent der Befragten waren jedoch der Meinung, dass ein nachhaltiger Anbau von Energiepflanzen durchaus möglich wäre – jedoch, wie von einigen Teilnehmern geäußert, unter der Prämisse, dass Biokraftstoffe nur einen kleinen Teil des gesamten Kraftstoffbedarfs decken können.

„Wenn wir das vorhandene Biomassepotenzial richtig nutzen, können wir sowohl Teller als auch Tank damit füllen“, erklärt Dominikus Brettner, Geschäftsführer der recotrol GmbH, gegenüber dem CleanEnergy Project (siehe Interview). Sein Unternehmen hat den weltweit ersten Pflanzendiesel entwickelt, der eine positive CO2-Bilanz aufweist und in jedem handelsüblichen Dieselmotor ohne Umrüstung eingesetzt werden kann.

Der Unsicherheit der Verbraucher müssen Anbieter von Biokraftstoffen mit Transparenz entgegentreten, ist sich Brettner sicher. Dazu gehört, dass sie individuell über ihr Produkt und dessen Umwelteigenschaften sowie ihre Anbaumethoden informieren, sagt Brettner und fügt hinzu: „Aufklärung ist meines Erachtens nach hier das A und O.“

Corinna Lang

13 Bemerkungen

  • Hallo vertikale Gartenfreunde,

    die Woolly Pockets sind toll, leider derzeit wohl nur direkt aus den USA bestellbar mit dementsprechenden Kosten. Es gibt noch ein ähnliches System aus Frankreich. Ich werde Sie im Infoportal garten-vertikal.de demnächst auch vorstellen. Dort findet man auch bereits erhältliche Systeme in Kurztests vorgestellt.

    Viele Grüße

  • Leider konnte ich diesen hervorragenden Film nicht vollständig sehen. Wird er nochmals wiederholt werden? Oder ist er als DVD zu kaufen?
    Vielen Dank für die Macher dieser Dokumentation, die so viel über unsere Gegenwart offenbart und wohl noch mehr über das, was auf uns und andere Länder zukommen kann, wenn Deutschland sich nicht ändert.

  • Wenn jemand alte Handys verkaufen möchte, die schon kaputt sind empfehle ich 123 Ankauf, die interessieren sich nur für den Rohstoff der im Handy steckt und nicht für den Zustand. Es gibt zwar nicht viel Geld für ein kaputtes Gerät aber man schont die Umwelt und bekommt auch noch was dafür 🙂

  • Sorry, aus meiner Sicht ist die angebliche CO2-Neutralität von Holz dann eine bilanzielle Farce, wenn das Holz zur Verbrennung geschlagen wird.
    Dass die gleiche Menge CO2 bei der Verrottung frei würde wie bei der Verbrennung stimmt statisch betrachtet schon, nur dynamisch nicht. Denn die Verrottung beginnt erst dann, wenn ein Baum Astwerk abwirft oder im Ganzen abstirbt.

    Das Holz, dass ich heute verbrenne muss heute auch nachwachsen, damit die CO2-Neutralität gegeben ist; es sei denn der Baum wäre auch aus anderen Gründen gefällt worden. Denn sonst würden wir ja auch die in Erdgas und Erdöl gebundene Biomasse(!!!) CO2-neutral verbrennen, oder?!

    Die Aussagen über Pellets und deren Energieaufwand bei der Produktion stimmen nur zum Teil. Wegen der anhaltenden Bauflaute in USA wird zunehmend Frischholz in der Pelletproduktion eingesetzt, das normalerweise vor der Pelletierung getrocknet wird.

    Das wirksamste Mittel einer nachhaltigen Energiewirtschaft ist eine drastische Verringerung des Verbrauchs und eine optimale Verwendung.

  • “Fazit: 65% der Umfrgeteilnehmer stehen Biokraftstoffen eher positiv oder zumindest neutral gegenüber” klingt schön.

    Jedoch nur 39% haben wirklich eine positive Einstellung dazu, 61% haben eine negative oder zumindest indifferente Einstellung zu den werbewirksam als “Bio” deklarierten Agrartreibstoffen…

    Diese Entwicklung ist auch logisch, da es langsam immer mehr seriöse Studien gibt, die darlegen, dass nicht nur der Mythos nicht haltbar ist, dass es Energiepflanzen gebe, die nicht in direkter Konkurrenz zu Nahrungsmitteln angebaut werden (müssen!), sondern die auch den 2. Mythos widerlegen, dass die CO2-Bilanz von “Bio”-Agrarkraftstoffen quasi neutral sei – da wird nämlich immer die CO2-Bilanz der Herstellung und Verarbeitung und weiterer Folgen ignoriert in der Berechnung: Siehe u.a.

    http://www.ftd.de/politik/europa/:neue-co2-berechnung-biosprit-ist-gift-fuer-die-umwelt/60104780.html

    Insofern verwundert eher noch die recht hohe Prozentzahl an (wohl unkritischerer) Zustimmung oder bei der Meinung, Agrarkraftsoffe seien wirklich nachhaltig herstellbar – was wohl u.a. eine quasi ausgeglichene CO2-Bilanz meinte – die bei ~industriellem Anbau, aber auch generell beim Anbau von Agrartreibstoffen ja praktisch unmöglich ist, so wünschenswert das wäre – siehe Artikel. …

  • Ein interessanter Meinungsspiegel, den die Umfrage ans Tageslicht befördert. Auch ich halte transparente, nachvollziehbare Information und Aufklärung für immens wichtig – sind doch eine Menge Projekte damit beschäftigt, die offensichtlichen Probleme in den Griff zu bekommen und aus der Welt zu schaffen. Hier, wie ich finde, auch ein schöner Artikel, der das einmal mehr aus der wissenschaftlichen (und nicht emotionalen) Perspektive beleuchtet (siehe Seite 9)

    http://www.muk.uni-frankfurt.de/Publikationen/UniReport/dokumente/ur-11-12/UR_3_2011.pdf

    Viel Spass beim lesen

  • Vielen Dank für die interessanten Studienergebnisse!

    Nur eine formale Anmerkung:
    Ich finde es anschaulicher (da gewohnter), Zustimmung mit der Farbe Grün und Ablehnung mit der Farbe Rot zu signalisieren – die hier verwendeten Farbcodes halte ich für irreführend.

  • Klasse Aktion, die etwas Licht in die emotional geführte Debatte rund um die Nachhaltigkeit und Ethik der Bioenergie bringt!

    Ich bin selbst Bioenergie-Blogger und habe jeden Tag mit sehr unterschiedlichen Meinungen zu dieser erneuerbaren Energieform zu tun.

    Ich finde es sehr schade, dass sich in der Berichterstattung häufig so stark auf die Nachteile und Risiken dieser erneuerbaren Energieform konzentriert wird. Probleme gibt es bei jeder Form der Energiegewinnung – siehe Ölsande in Kanada oder Probleme beim unkonventionellen Schiefergas.

    Die negative Wahrnehmung von Biokraftstoffen resultiert vor allem aus den Erfahrungen beim Anbau von Palmöl in Malaysia und Indonesien. Dabei darf man nicht vergessen, dass “nur” 5 Prozent des gewonnenen Palmöls für Biodiesel verwendet werden und 95 Prozent des Raubbaus an den Urwäldern im Namen der Nahrungsmittel- und Kosmetikindustrie stattfinden.

    Ich möchte den schwarzen Peter hier nicht weiterschieben und wir müssen jede Art vor Regenwaldabholzung stoppen, aber bei diesem Verhältnis erscheint mir eine Fixierung auf die Bioenergie etwas kurz gedacht.

    Man sollte die auch vorhandenen großen Potentiale der Bioenergie (vor allem für Entwicklungsländer) in der debatte nicht einfach unter den Tisch fallen lassen!

    Wer sich intensiver mit der Bioenergie beschäftigen möchte, dem empfehle ich einen Besuch des Bioenergie-Blogs:

    http://www.biomasse-nutzung.de

    Vielen Dank

  • Biomassenenergie hat im Wirkungsgrad immer noch Überschuß von CO2 das nicht wieder in Pflanzen gewandelt wird,
    Daher sollte wir alle Sonnenergie Nutzen. Im Kleinen
    thermische Solarkollektoren auf dem Dach.Im Großen
    thermische Solarkraftwerke in Südeuropa und Nordafrika.
    Mit Elektrolyse Wasserstoff erzeugen, dann ist der Individualverkehr klimaschonend für alle machbar.
    Als Maschinenbaustudent haben wir schon 1960 darüber
    Studienarbeiten erstellt. Leider hat die Politik und der
    TÜV Rheinland Wasserstofflagerung als zu gefährlich dargestellt.Dann wurde in der Politik auf Atomkraft gesetzt.
    Was für ein Fehler.Alles weitere muß sich jeder durch überlegenes Nachdenken selbst erarbeiten.Als Sicherheitsrisiko,als technisch machbar,als wirtschaftlich
    sinnvoll.

  • Also von diesem Weltgipfel habe ich ehrlich gesagt nichts gehört und die Zahlen mit 1,5 Milliarden Menschen sind wirklich hart. Ein Leben ohne Strom ist für uns unvorstellbar.

    Ich hoffe, dass das sich schnellstens ändert und diese Armut langsam aber sicher ein Ende findet.

  • Es ist nicht akkurat und stark überzogen, die Bioenergie für alle möglichen Fehlentwicklungen im Naturschutz oder in der internationalen Landwirtschaft und Entwicklungspolitik verantwortlich zu machen. Denn:
    Der Biosprit kann gar nichts dafür, dass er an allem schuld ist. Lassen Sie mich diesen Aphorismus in drei Thesen erläutern.

    These 1: Schuld am Hunger ist nicht die Bioenergie. Schuld am Hunger ist die ungerechte Weltwirtschaftsordnung.
    Hundert Liter Ethanol schluckt der Tank eines Geländewagens. Dafür braucht man 250 Kilo Weizen. Ein Mensch könnte damit ein Jahr lang ernährt werden. Doch der Besitzer des Geländewagens hat mehr Kaufkraft als der arme Landarbeiter. Im Verteilungskonflikt um die knappe Ressource Boden gewinnt daher nicht der notleidende Bauer, sondern der reiche Autofahrer. Soweit der Vorwurf an Bioenergie.
    Das stimmt zwar – doch ist nicht die ganze Wahrheit. Denn der Weltagrarmarkt funktioniert leider nicht nach dem Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit.

    Es hat sich inzwischen herumgesprochen, wie kriminell die EU-Agrarpolitik ist. Die staatlich subventionierten Billigimporte aus Europa und den USA ruinieren die Kleinbauern in armen Ländern. Niedrige Weltmarktpreise haben den Anbau in weiten Gebieten unwirtschaftlich gemacht. Die Bauern müssen ihre Felder aufgeben und suchen ihr bescheidenes Glück in den städtischen Slums. Zahlreiche Entwicklungsländer sind daher von Importen abhängig, obwohl sie sich selbst versorgen könnten. Dumping-Preise für Lebensmittel sind kurzfristig gut für die Konsumenten, sie führen aber zu Elend und Armut bei den Bauern. Umgekehrt sind dauerhaft angemessen hohe und stabile Preise gut für die Bauern, weil sie von ihrer Arbeit leben und in die Produktivität ihrer Felder investieren können.
    Es klingt paradox, ist aber wahr: Niedrige Preise für Agrargüter führen nicht aus der Hungerkrise heraus, sondern vertiefen die Hungerkrise dauerhaft.

    Wer die Brüsseler Agrarpolitik geißelt, weil sie die Preise senkt und in der Folge die Existenz von Kleinbauern in armen Ländern zerstört, kann nicht im gleichen Atemzug die Biokraftstoffe verdammen, weil sie die Weltmarktpreise erhöhen. Die so genannten Strukturanpassungs-programme“ der Weltbank und des IWF taten ihr Übriges. Ihre Kreditauflagen zwangen die Entwicklungsländer, Schutzzölle für die heimische Landwirtschaft zu schleifen und die staatliche Unterstützung für Bauern zu kürzen. Anstatt für die heimische Grundversorgung mussten die Bauern nun für den Weltmarkt produzieren. Weil der Profit regierte, ließen sie Schnittblumen und Gemüse für die Reichen wachsen statt Weizen und Reis für die heimische Bevölkerung. Zugleich kürzten die reichen Länder seit 1980 ihre Entwicklungsetats für die Landwirtschaft, obwohl die Probleme durch wachsende Bevölkerung, Klimawandel und steigende Energie- und Düngerpreise ständig größer wurden.

    Die Tortillakrise in Mexiko wurde vom amerikanischen Run auf Maisethanol zwar mit ausgelöst, wurzelt aber in einer ungerechten Handelsordnung: Das Freihandelsabkommen NAFTA schleifte die Schutzbarrieren gegen Billigimporte aus den USA und untersagte die gesetzliche Preisbindung für Grundnahrungsmittel. Hochsubventionierter Mais aus den USA zu Dumpingpreisen überschwemmte den mexikanischen Markt. Die Bauern konnten vom Maisanbau nicht mehr leben. Sie stellten ihre Produktion um, oder wanderten in die Städte ab. Die höheren Welt¬marktpreise für Mais trafen Mexiko daher besonders hart, weil die heimische Produktion weg¬gebrochen war und ein Großteil aus dem Ausland eingekauft werden musste. Mit Tank oder Teller hat das also wenig zu tun, sondern mit einer ungerechten Handelsordnung.

    Die Logik des Marktes wird durch die Finanzmärkte ins Extreme pervertiert. Getreide wird von Produzenten und Verarbeitern in der Regel schon vor der Ernte verkauft. Das ist nicht neu. Der Handel sollte ursprünglich die Planbarkeit und Stabilisierung der Preise verbessern. Doch wenn immer mehr Spekulanten ihr Unwesen treiben, die ihr Geld nicht mehr damit machen, dass sie real vorhandene Waren handeln wollen, sondern damit, dass sie Wetten auf steigende oder fallende Preise abschließen, ohne am Handel mit realer Ware auch nur einen Deut interessiert zu sein, dann gerät der Markt außer Rand und Band.

    Nach dem Crash auf dem US-Immobilienmarkt suchten ungeheure Summen spekulativen Kapitals nach neuen Anlagen. Das einströmende Spekulationskapital provozierte extreme Ausschläge. Der Anteil von Spekulation an der Preisexplosion 2007/2008 wird von der Weltbank auf 37 Prozent veranschlagt, von der UN-Handelskonferenz UNCTAD sogar auf 50 bis 60 Pro¬zent.
    Seither sind die Weltmarktpreise wieder gesunken, obwohl die Flächen für Energiepflanzen ausgeweitet wurden. Das zeigt, dass der Biosprit nicht die bestimmende Triebkraft auf den Getreidemärkten sein kann.

    In eine ohnehin angespannte Lage hat der Biosprit zusätzliche Dynamik gebracht. Nach dem Prinzip „kleine Ursache – große Wirkung“ ist er mit schuld an der letzten Nahrungspreiskrise. Doch die Fundamentalkritik nach dem Motto „Tank oder Teller“ lenkte nur von den wirklichen Problemen ab.
    Das zeigt: Es gibt kein richtiges Leben im falschen, und – frei nach Theodor Adorno – es gibt keinen fairen Biosprit in einem unfairen Weltwirtschaftssystem.

    These 2: Der primäre Grundkonflikt besteht nicht zwischen Teller und Tank, sondern der Konflikt zwischen Teller und Trog und der Konflikt zwischen Wald und Wurst.

    In Brasilien ist nicht der Anbau von Zuckerrohr das Hauptproblem, sondern der steigende Flächenbedarf für die Fleischproduktion, insbesondere für das Soja für Rinderfutter. Es gibt dort 220 Mio. Hektar Weideland, 23 Mio. Hektar Sojafelder für Viehfutter, 6 Mio. Hektar für Zuckerrohr, davon 3 Mio. Hektar für Ethanol.

    Schon diese Größenverhältnisse zeigen, dass der Biosprit nicht die Wurzel von Hungerkrise und Regenwaldzerstörung sein kann. Weltweit werden nur 2% der Ackerfläche für Energiepflanzen verwendet, aber 30% der Ackerfläche für die Fleischproduktion. Um eine Kalorie Rindfleisch zu produzieren, müssen mindestens sechs pflanzliche Kalorien verfüttert werden. Eine Reduktion des Fleischkonsums würde daher Hunger und Regenwaldvernichtung wesentlich mehr bekämpfen, als es die Verbannung sämtlicher Biokraftstoffe auf der ganzen Welt jemals könnte.

    Aber es gibt kein richtiges Leben im falschen, und es gibt keinen richtigen Biosprit bei falschen Konsummustern.
    Notabene: Ein Lobbyverband, der von Nachhaltigkeit spricht und Fleisch serviert, gräbt sich das Grab seiner Glaubwürdigkeit selbst. Ich gehe davon aus, dass die Mineralölwirtschaft, Kirchenverbände und Umweltschützer kluge Lobby¬isten sind und das wissen.

    These 3: Von Bioenergie verlangen wir eine ethisch unbefleckte Empfängnis. Im Rest unseres Lebens ist uns die Ethik egal. Diese Bigotterie können wir nicht mehr aufrecht¬erhalten.
    In Südostasien, namentlich in Indonesien, haben Plantagen für Ölpalmen in den 1980er Jahren zu großflächigen Rodungen geführt. Damals gab es noch keine EU-Biokraftstoffrichtlinie. Das Palmöl wurde und wird kaum für Biosprit verwendet. 71% des weltweiten Palmöls verbrauchen wir heute für Nahrungsmittel, wie Salatöl, Kochöl und Margarine. 24% verbrauchen wir für Konsumartikel wie Seifen, Kosmetik und Kerzen. Nur 5% gehen in die Erzeugung von Strom, Wärme und Kraftstoffen. Weltweit.

    In Deutschland spielen Palmöl-Importe für Treibstoffe ohnehin nur eine geringe Rolle. 90% des Biosprits stammen aus heimischem Anbau. 10% werden importiert, und müssen dafür die Kriterien der EU-Nachhaltigkeitsverordnung erfüllen. Die Nachhaltigkeitskriterien schließen aus, dass Palmöl von abgeholzten Regenwaldflächen in deutschen Autotanks oder BHKWs landet, zumindest so gut das praktisch geht.

    Dumm nur, dass die Nachhaltigkeitskriterien zwar für das Palm öl zur Energieproduktion gelten, nicht aber für das Soja- und Palmöl für Kosmetik, Futter und Nahrungsmittel. Unser Biosprit lässt den Regenwald in Ruhe, aber für Kosmetik, Kerzen und Shampoo geht der Raubbau an den Regenwäldern ungehindert weiter.

    Wer zum Boykott von Bioethanol aufruft, aber Nestlé und Unilever gewähren lässt, der ist entweder ignorant, oder böswillig. Auf jeden Fall spricht er mit gespaltener Zunge.

    Dass in der Energiepolitik mit doppelten Maßstäben gemessen wird, sind wir ja gewohnt. Unsere Importe von Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran haben noch nie irgendwelche Umwelt- oder Sozialkriterien beachten müssen. Wie viel Urwälder und Landschaften für Erdöl oder Kohle vernichtet werden, wie viele Fischgründe vergiftet werden, wie viele Bauern ihr Land verlieren, wie viele Menschen vertrieben werden, wie viele Menschen krank werden oder sterben, das alles kümmert bei den fossilen und nuklearen Energieträgern keinen.

    Bei Biokraftstoffen debattieren wir hitzig über vermutete, indirekte Landnutzungsänderungen. Bei Erdöl oder Kohle schweigen wir aber selbst über offensichtliche, direkte Landnutzungsänderungen.
    Die Probleme der Bioenergie lassen sich nicht einfach wegwischen. Mögliche Konkurrenz um Ackerland, Zerstörung von Regenwald, intensive Anbaumethoden, Vertreibung von Menschen: Das alles ist Teil der Realität auch bei Bioenergie. Die Probleme sind derzeit zwar relativ gering, dürfen aber nicht ignoriert werden. Es ist verlogen und fahrlässig, die Probleme kleinzureden oder gar rundweg zu leugnen. Die Debatte um indirekte Landnutzungsänderung mit der Suche nach dem Yeti zu vergleichen – einem Wesen also, das viele gesehen haben wollen, das aber nicht existiert –, ist zwar rhetorisch schön, aber sachlich falsch und politisch gefährlich.

    Schlussfolgerung:
    Eine ungerechte Weltwirtschaftsordnung wird durch Biosprit leider nicht gerechter. Ein Weltwirtschaftssystem, das die externen Kosten der Produktion auf die Armen und auf künftige Generationen abschiebt, ist falsch. Wenn der Kapitalismus transformiert wird zu einer sozial¬ökologischen Marktwirtschaft, wird auch der Biosprit sozial-ökologisch.

    Solange das noch nicht der Fall ist, müssen wir versuchen, mit der Realität gut umzugehen
    anstatt eine ideale Welt auf dem akademischen Reißbrett zu entwerfen.

    Das heißt:
    Umsicht bei der Einführungsgeschwindigkeit. Ein Moratorium, wie oft gefordert, halte ich für einen Rückschritt. Aber Importe von Bioenergie zu erhöhen, damit sollten wir vorsichtig sein, solange wir die Folgen nicht kennen.
    Biokraftstoffe im Verkehrssektor sind okay. Aber wir brauchen Bioenergie genauso für die Strom- und Wärmeerzeugung. Wir sollten nachdenken, ob nicht eine allgemeine Bio-energiequote mehr Flexibilität zulässt als eine Biokraftstoffquote.

    Nachhaltigkeitskriterien sind eine gute Sache. Sie müssen so streng geprüft werden, wie es geht. Aber es ist Zeit, auch über Nachhaltigkeitskriterien für die Sektoren zu reden, die den Markt bestimmen, nämlich fossile Energie, Chemie, Lebensmittel.

    Die isolierte Sicht auf Bioenergie ist irreführend. Bioenergie kann nur dann richtig sein, wenn die Randbedingungen stimmen. Wenn wir über Bioenergie reden, müssen wir auch reden über vieles andere: über Effizienzstandards für Autos, über den Sinn, warum nur Elektromobilität gefördert wird, über eine andere Agrar – und Entwicklungspolitik, über Regeln für die Finanzmärkte.

    Zugegeben: Das ist nicht einfach. Zugegeben: Das ist sogar ganz schön kompliziert. Doch wir leben nun mal in einer komplexen Welt. Und die Mühe ist es auf jeden Fall wert.

    Auf dem UN-Weltnachhaltigkeitsgipfel in Johannesburg erzählte mir eine Delegierte, sie kenne nur zwei Wege, wie die Menschheit auf nachhaltiges Wirtschaften umsteuern könnte: einen realistischen und einen utopischen. Der – wohlgemerkt – realistische Weg sei, dass Außerirdische auf der Erde landen und die Menschheit zu einem Kurswechsel zwingen.
    Der utopische Weg hingegen sei, dass die Menschen von sich aus auf eine nachhaltige Wirtschaftsweise umschwenken.

    Rio ist 20 Jahre her. Johannesburg ist 10 Jahre her. In der Tat kann man angesichts der Kluft zwischen Wissen und Handeln leicht den Mut verlieren. Der Fortschritt ist eine Schnecke und muss immer wieder aufs Neue erkämpft werden. Wer nicht kämpft, der hat schon verloren. Wir halten noch alle Fäden in der Hand, die Welt so zu gestalten, dass auch unsere Kinder noch so entspannt zusammensitzen können, wie wir es heute tun.

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