Auf Bio-Reifen in die Zukunft

Sie sind eher unscheinbare Geschöpfe, aber in ihrer Produktivität von chemischen Verbindungen unerreicht: Die Einzeller. Bisher bekannt für Ihre Schaffenskraft im Bereich von Kraftstoffen und Medikamenten, sollen sie jetzt auch bei der Gummiproduktion eingesetzt werden, genauer gesagt zur Herstellung eines Ersatzstoffes für Isopren, dem Ausgangsstoff für Reifengummi.

Für sein Vorhaben, Reifen aus Synthetikkautschuk auf Basis erneuerbarer Biomasse herzustellen, hat sich das Unternehmen Goodyear mit Genencor, einer Tochter des französischen BioTech-Spezialisten Danisco, zusammengetan. Auch BMW und das Forschungsunternehmen Novamont sind bei diesem Vorhaben mit im Boot.

Vorgestellt wurde das neue Verfahren vor kurzem auf dem Jahrestreffen der American Chemical Society in San Francisco. Die Genencor-Forscher konnten den Stoffwechsel der genetisch umprogrammierten Kolibakterien so verbessern, dass sie größere Mengen Zucker in einen Werkstoff namens „BioISoprene“ umwandeln. Nun erwägt Genencor, im kommenden Jahr eine Pilotanlage zu bauen, um erste Reifen-Prototypen herzustellen. Zusammen mit Goodyear entwickelt das Unternehmen derzeit ein integriertes Produktionssystem, ab 2013 sollen die ersten Serienprodukte auf den Markt kommen.

Bislang bestehen die meisten Reifen überwiegend aus Ruß und Silikaten, deren Herstellung nichterneuerbare Stoffe wie Rohöl erfordert und damit CO2-Emissionen verursacht. Der neuartige Werkstoff soll helfen, schädliche Auswirkungen auf die Umwelt bei der Reifenherstellung durch den Einsatz erneuerbarer Rohstoffe zu minimieren.

Natürlich ist das Vorhaben nicht uneigennützig: Goodyear will die eigene Reifenproduktion von Ölderivaten unabhängiger machen. Weltweit werden im Jahr schätzungsweise knapp 800.000 Tonnen Isopren aus Rohöl hergestellt. Allein Goodyear produziert jährlich rund 200 Millionen Reifen, deren Gummi zu einem Viertel aus Isopren besteht. Mit steigendem Ölpreis wird auch das Isopren teurer. Bereits heute verursacht die Isopren-Produktion bei Goodyear knapp ein Viertel der Rohmaterialkosten bei der Reifenproduktion. Langfristig will das Unternehmen auch die anderen Inhaltsstoffe, falls technisch möglich, aus erneuerbaren Quellen gewinnen.

Ein weiterer Umweltvorteil des „BioISoprene“-Werkstoffes: Bei dem neuen Pneu soll die Verringerung des Rollwiderstandes um bis zu 30 Prozent zu niedrigeren CO2-Emissionen der damit ausgerüsteten Autos führen.

Daniel Seemann

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