Smart Grid: „Wir brauchen den Netzausbau jetzt.“

Ludwig Einhellig, Senior Consultant, Enterprise Risk Services und Leiter des Smart Grid Teams bei Deloitte

Energieindustrie, Banken und Staat werden die Kosten für die Energiewende aufbringen müssen, denn das Recht auf Energieversorgung ist festgeschrieben. An der Versorgung mit Strom hängen die Existenz von Gesellschaft und Wirtschaft. Ludwig Einhellig, Senior Consultant, Enterprise Risk Services, und Leiter des Smart Grid Teams bei Deloitte sprach im Interview mit Christian Raum vom CleanEnergy Project über Risiken, Kosten und Perspektiven beim Aufbau des Smart Grids.

Herr Einhellig, viele Experten aus dem Bereich Smart Grid sagen, dass sie den Ausbau und die Konzepte rund um die Digitalisierung der Stromnetze bei ‚Schritt Null‘ sehen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Nein, ich würde nicht sagen ‚Stufe Null‘. Aber wir sind ganz sicher noch am Anfang.

Andererseits gibt es bereits umfangreiche Pilotprojekte sowohl bei den großen Stromerzeugern wie auch bei Stadtwerken. Und auch Technologiekonzerne haben begonnen eigene Geschäftsbereiche in ihre Struktur einzufügen – etwa für die Themen ‚Billing‘ oder für ‚Infrastruktur‘.

Wie sehen Sie die Rolle von Deloitte und anderen Beratungsgesellschaften?

Im Moment investieren die Konzerne und diese Investitionen sollen Rendite zurückbringen. Deshalb bieten wir die Strategieberatung, wir zeigen Einsparungen von Kosten auf, berechnen den Business Case und erklären die gesetzlichen Anforderungen.

Große Akteure wie Energieversorger sind mit Anforderungen wie der Technologieauswahl konfrontiert. Auch dabei unterstützen wir die Unternehmen auf dem Markt.

Sie haben eine Studie erstellt – wer sind im Moment die Unternehmen, die den Takt vorgeben?

Da müssen wir differenzieren, auf welcher Wertschöpfungsstufe wir uns befinden und in welchem Branchenbereich wir unterwegs sind. Es gibt ja einmal die klassische Energieversorgung und zweitens die neuen Akteure, die auf den Markt treten – Softwarehersteller, Telekommunikationsanbieter, kleine Erzeuger oder Verteiler.

In unserer Studie ‚Smart Grid – Markt und Regulierung‘ haben wir als einen großen Treiber die Setzung von Standards und Protokollen genannt und damit verbunden die Hersteller, die diese Standards in verschiedenen Organisationen definieren. Siemens beispielsweise ist ein großer Player, genauso wie IBM. Darüber hinaus sehen wir Microsoft und EDS als wichtige Taktgeber im IT-Bereich. Bei den Versorgern ist beispielsweise Eon eine wichtige treibende Kraft mit allein 110 einzelnen Projekten im Bereich Smart Grid.

Wer ist bei den Investoren die treibende Kraft?

In den USA gab es schon früh die Weichenstellung, dass konkrete Investitionen vom Staat gefördert wurden. Das fehlt bei uns in Europa noch.

Früher hat die Industrie für Smart Grid viel Venture Capital bekommen. Aber laut unserer Analyse befindet sich das jetzt im Wandel. Im Moment ist die Situation so, dass die großen Konzerne in den Markt kommen und es viele Merger und Acquisitions gibt. Anlagenbauer und Energieversorger haben sehr viel Mittel zur Verfügung, um sich auf dem Markt einzukaufen und in den Markt zu drängen.

Zwei Beispiele: Laut Börsennachrichten hat der Elektronikkonzern Toshiba für 2,3 Milliarden Dollar den Schweizer Energietechnologie-Spezialisten Landis und Gyr gekauft. Schneider Electric hat für zwei Milliarden die spanische Telvent übernommen.

Wir beobachten auch Kooperationen zwischen Telekommunikationsunternehmen und der Energiebranche.

Einerseits gehen die Unternehmen in den Markt, andererseits ist der Zeitplan auf Grund der Energiewende recht knapp? Geht es schnell genug voran?

Sorgen machen uns die volatilen Energieeinspeisungen der erneuerbaren Energien. Folge ist, dass nicht mehr zu jeder Zeit ausreichend Energie da sein könnte, um die Nachfrage zu decken. Besonders wenn andauernd hohe Stromspitzen im Netz auftreten, kann es passieren, dass Netze über ihre Kapazität belastet werden.

Wir brauchen den Netzausbau jetzt. Deshalb sind die langen Planfeststellungsverfahren ein Problem. Innerhalb der nächsten zwei Jahre sollten die Netze gebaut werden. Es ist alles etwas eng.

Sehen Sie, dass innerhalb der nächsten zwei Jahre tatsächlich etwas fertig gebaut ist?

Ganz ehrlich … es gibt die Projekte, aber die hängen in den Planfeststellungsverfahren. Da gibt es besondere Prüfungen, da bringt jeder seine Bedenken vor. Deshalb dauert das.

Reden wir über Versorgungssicherheit und Netzqualität. Wird der Luxus einer 99-prozentigen Versorgung weiter bestehen bleiben – oder werden wir uns an Einschränkungen gewöhnen müssen?

Derzeit können die Risiken abgefangen werden. Die Qualität wird gewährleistet und wir haben ein Verbundnetz und können von Nachbarstaaten Strom einspeisen. Aber die Verteilnetzbetreiber bekommen richtige Probleme, die Erneuerbaren-Energien-Einspeisungen zu verkraften und kommen hier an die Grenzen.

Das Problem ist auch, dass die Angebots-Peaks aus den Erneuerbaren nicht richtig weiterverteilt werden. Das kann in der Tat zur Abschaltung führen. Wir sollten die Netze so schnell wie möglich ausbauen.

Die Energieversorger sind verpflichtet, zu investieren und sie werden investieren.

Die Energieversorger gehen davon aus, dass die Netzqualität in Zukunft extra bezahlt werden wird.

Selbstverständlich wird jemand die Kosten für das neue Netz tragen müssen. Die Energiewirtschaft wird sich überlegen, wie sie das Ganze finanziert. Und die entscheidende Frage bei den Netzentgelten ist, wer bezahlt am Ende die Energie-Revolution und wie?

Ich bin zuversichtlich, dass es gesetzliche Vorgaben geben wird, die regeln, wie die Investitionen refinanziert werden. In diesem Bereich ist ein riesiges Umsatzpotential möglich, das die Unternehmen gerade für sich entdecken. Dieses Umsatzpotential ist nur möglich, wenn die Infrastruktur entsprechend ausgebaut ist.

Was sehen Sie bei der Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes auf die Energiebranche und die Informationstechnologie zu kommen?

Im Paragraph 21 sind die Rahmenbedingungen für Smart Meter erstmalig in einem Primärgesetz festgeschrieben und da sind die Kriterien für die Messgeräte aufgezeigt. Das ist ein Aufruf für die Industrie, zum Beispiel Software und Abrechnungssysteme zu produzieren. Die technologischen Anforderungen und die Standards kommen dann im März 2012. Wir erwarten, dass ab Herbst die Weichen gestellt werden.

In den USA stellen die Unternehmen bereits Smart-Meter-Produkte her, von denen wir nur träumen können. Von der „App“ für das Smartphone bis zu den Datenauswertungen der Energieversorger oder Netzbetreiber. Dort wird bereits die gesamte Wertschöpfungskette abgebildet.

Die Entflechtung von Erzeugung und Netz ist ebenfalls im Energiewirtschaftsgesetz festgeschrieben…

Unbundling ist ein Riesenthema, das aus unserer Sicht allerdings nicht in Verbindung mit Smart Grid steht. Unternehmen werden zu Stromnetzbetreibern, die vor der Novelle überhaupt keine Stromnetzbetreiber waren. Laut Paragraph 110 werden die sogenannten ‚geschlossenen Verteilernetze‘ definiert und deren buchhalterische Entflechtung wird gefordert. Das sind gigantische Anforderungen, denken Sie an Stromnetzbetreiber wie die Deutsche Bahn. Die Wirtschaft muss sich ganz dringend mit einer Analyse dieser Anforderungen befassen.

Herr Einhellig, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Christian Raum

Add comment