IT-Unternehmen machen Komplexität in den Stromnetzen beherrschbar

Der Weg vom Kraftwerk zum Kunden ist keine überschaubare Einbahnstraße, sondern extrem komplex und nur mit hohem Aufwand über Informationstechnologie zu steuern. Ein großer Markt für IT-Anbieter – die Geschäftsprozesse analysieren, verbessern und in Informationstechnologie übersetzen. Beim Berliner Smart Grid-Roundtable diskutierten Anwender, Berater, IT-Hersteller die Anforderungen der Stromerzeuger und Verbraucher. Zum Gespräch mit eingeladen hatten Microsoft und das Institut für Informationswirtschaft.
 
„Wir sehen einen Paradigmenwechsel in der Energieindustrie“, unterstreicht Stefan Pechardscheck, Partner, IT Strategy & Transformation bei BearingPoint. „Die IT hat bisher einen sehr schweren Stand in der Energiebranche gehabt, weil ihr Anteil bei der Wertschöpfung sehr gering ist.“ Dies sei ganz anders als beispielsweise im Bankensektor, in dem die IT auf Grund der hohen Automatisierung von Geschäftsprozessen einen viel höheren Stellenwert habe.

„Wir stehen jetzt vor einem Umdenken“, führt er weiter aus, „weil die Energieeffizienz-Initiativen nur durch Informationstechnologie gelingen werden.“ Sowohl Energieerzeuger als auch Großverbraucher seien auf Informationstechnologie angewiesen, um effizient und möglichst emissionsarm arbeiten zu können. „Als Einsatzfelder sehen wir den Steuerungsbereich oder die Auswertungs- und Controllingseite“, so Pechardscheck weiter. Der große Leitgedanke sei „Grün durch IT“. BearingPoint wolle „sowohl die Nachfrage als auch das Angebot ´grün´ gestalten“.  Die Energieerzeuger wüssten sehr genau, was sie im Kraftwerksbereich ausgeben und wie effizient ihre Kraftwerke sind.

„Aber wenn man die Verantwortlichen fragt, welche Effekte sie mit den Investitionen erzielen, die sie für grüne Technologien ausgeben, welchen Durchsetzungsgrad und welchen Return sie haben, haben sie keine exakten Antworten mehr. Schon nach der zweiten Konsolidierungsschicht ist das häufig nicht mehr zu sagen“, hat Peter Fischer Product Manager SharePoint, Microsoft beobachtet.

„Wir liefern Technologie, die die Verantwortlichen für alle Bereiche von Energiemanagement und Energiecontrolling nutzen können“, sagt Peter Fischer.  „Mit Hilfe unserer Portal-Systeme können alle Daten in einem Pool zusammengefasst werden“, so Fischer. „Die IT-Abteilung bereitet dann die Informationen für alle Mitarbeiter auf und schickt sie direkt auf deren Arbeitsplatz.“

Aber wie realistisch ist der Gedanke einer grünen Stromversorgung vom Windrad bis zur Produktionshalle?

„Wir werden von unseren Mitbewerbern, von den Marktregeln und den Marktrollen getrieben“, sagt Jörg Nebrich, Business Process Analyst, GDF Suez Energie Deutschland. „Der Weg vom Erzeuger bis zum Verbraucher ist äußerst komplex. Es ist deshalb eine enorme Herausforderung für die Informationstechnologie, Energieeffizienz in die Versorgungskette zu bringen.“

„Eine Anforderung wird es beispielsweise sein, dass in Zukunft die Informationstechnologie den Strom nicht mehr nur in eine Richtung steuert“, erläutert Nebrich. Vielmehr solle der Verbraucher Anreize erhalten mit einer bidirektionellen Steuerung Energie wieder in das Netz einzuspeisen. „Der Besitzer eines Elektroautos könnte mit einer gesamten Batterieleistung wieder ins Netz gehen. Dafür brauchen wir intelligente computergesteuerte Systeme.“

„Es sind einige Megatrends – etwa die Veränderungen bei der Erzeugung, im Energiemix oder bei der Verteilung – die das Thema steuern“, gibt Damian Schlosser,  Mitglied der Geschäftsleitung bei Lekker Energie zu bedenken. „Wir müssen diese Komplexität des Marktes beim Einkauf, beim Messen oder bei der Abrechnung berücksichtigen. Das führt uns zu der Frage, wie wir Preise kalkulieren, klar aneinandergekoppelt über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg.“

Ein anderer Punkt sei die Frage nach Energieeinsparungen. „Die Verbraucher werden klären, wie sie Energie sparen, welche Energie sie nutzen und wie die Informationstechnologie dabei hilft“, so Schlosser. „Also wird die Anbieterseite gezwungen sein immer intelligenter mit einer immer komplexeren Nachfrage umzugehen. Gleichzeitig werden die Einkaufs-Preise der Energieanbieter immer stärker schwanken, weil Windenergie und Wasserenergie bei der Produktion peakartigen Schwankungen unterworfen sind.“

Wie könne ein Anbieter Preise etwa für Stromprodukte kalkulieren, deren Angebot je nach Windstärke schwanke. „Das ist sicher eines der Probleme, die den Wechsel zu nachhaltigen oder umweltfreundlichen Angeboten verlangsamen“, meint Schlosser. „Der Markt ist viel komplexer, als sich viele das im Moment vorstellen können.“

Christian Raum

Weitere Veranstaltungen zum Thema Cleantech sind in Zusammenarbeit mit Christian Raum, dem Moderator des Roundtables, und dem CleanEnergy Project geplant.

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