Dem Smart Grid fehlen die Investoren

Frank Schwammberger, Solution Leader für Energy und Utilities, IBM Deutschland

Christian Raum vom CleanEnergy Project im Gespräch mit Frank Schwammberger, Solution Leader für Energy und Utilities, IBM Deutschland, über die Rolle der Politik und Wirtschaft beim Aufbau eines Smart Grids.     {module Jobs}

Herr Schwammberger, welche Produkte aus der Informationstechnologie sind im Moment für Ihre Kunden besonders interessant?

Es gibt einen großen Bedarf an Smart Metering und Customer Care. Ein beispielhaftes Projekt läuft bei einem Energieversorger, der bereits ein Zähler-Fernablese-System für Industriekunden installiert hat. Mit diesem System liest das Unternehmen neuerdings auch die Daten der Haushaltskunden aus. Bisher hatte der Versorger die Daten der Haushalte einmal im Jahr manuell, zum Beispiel über eine Postkarte, erfasst. Heute kommen sie per Datenfernübertragung und Middleware – innerhalb kurzer Zyklen – in die Datenbanksysteme. Dort werden sie aufbereitet, den angebundenen Systemen zur Verfügung gestellt und in der Prozesslogik verarbeitet. Unsere Kompetenz ist es, Systeme und Informationen aus Anlagen des Netzbereichs mit Metering-Systemen und/oder ERP-Systemen zu verbinden. Wir bieten die dafür nötige Middleware inklusive der jeweiligen Adapter an, mit denen die Anwender Datenaustausch und Businesslogik abbilden und verarbeiten können. In unserem Angebot sind Werkzeuge, mit denen unsere Kunden die Visualisierung der Informationen sicherstellen, außerdem Lösungen für Asset Management, Maintenance und Monitoring. 

Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen Ihrer Software und den Anforderungen des Kunden aus – wer übernimmt welche Rolle?

Energieversorger erhalten aus ihren Netzen Massen von Informationen. Etwa aus den Haushalten, aus den Umspannwerken und aus den Anlagen für erneuerbare Energien – Solaranlagen oder Windkraftanlagen. Unsere Aufgabe ist es, diese Informationen entgegenzunehmen und weiterzugeben. IBM Software ist nicht integraler Bestandteil einer Netzsteuerung. Aber wir liefern dieser Steuerung Informationen an einen Knoten- oder Endpunkt, der nicht die Möglichkeit hat, sie selber zu erfassen.

IBM Software holt Daten bei einem Sensor oder einem Zähler ab und gibt sie weiter.

Vereinfacht gesagt ‚ja‘. Die Herausforderung ist, die Masse der Daten und die Fähigkeit, die Daten an jedem Endpunkt abzuholen und an jedem anderen Punkt – oder Endpunkt – zur Verfügung zu stellen. Egal welcher Hersteller einer Anlage oder eines Computersystems diesen Endpunkt geliefert hat. Wir sehen uns als den Verbinder, der alle Komponenten zusammenführt. Wir liefern hierfür die Software. Den Betrieb der Software stellt typischerweise die IT-Abteilung des Energieversorgers im eigenen Rechenzentrum sicher.

Was sind aus Sicht der IBM die drei wichtigsten Merkmale eines Smart Grid – und wie kann ein Energienetz ‚intelligent‘ werden?

Früher gab es nur eine Flussrichtung der Energie: von der zentralen Erzeugungsquelle (Großkraftwerk) zu den Haushalten – in einer Richtung, in einer Ausprägung. Dafür wurden die Netze aufgebaut. Es ist eine eindimensionale Versorgung – in dem Augenblick, in dem die Versorger ein Smart Grid aufbauen, müssen verschiedene Flussrichtungen berücksichtigt werden. Die Netzbetreiber müssten also dafür sorgen, dass Lastrückfluss und Lastumkehr mindestens genauso gut abgesichert sind. Mit Sensorik, mit den daraus gewonnen Informationen und deren Verarbeitung in der Prozesslogik machen wir die Netze ‚intelligent‘.

Essentiell scheint eine funktionierende Zusammenarbeit zwischen Elektroanlagenbauern und Unternehmen aus der Informationstechnologie zu sein.

Wir sprechen mit den Herstellern von Anlagen und Sensorik, um zu verstehen in welche Richtung die Entwicklungen gehen. Wir werden diese Geräte möglichst gut in die Datennetze einbinden. Deshalb versuchen wir sehr früh zu verstehen, wie die Logik funktioniert. So erstellen wir Systeme, um die Daten aus diesen Anlagen in unsere Idee eines Smart Grids einzubinden.

Wie decken sich die Ideen von Ihnen mit denen der Hardware-Hersteller?

Wir glauben an Offenheit und Unabhängigkeit, Skalierbarkeit spielt für uns eine große Rolle. Wenn jemand sein Produkt oder seine Geschäftsmodelle schützen möchte, deckt sich dieses Herangehen nicht unbedingt mit unseren Ideen und Ansätzen. Andererseits sehen alle Beteiligten den Aufwand, mit dem die Smart Grid Netze aufgebaut werden. Der ist nur zu beherrschen, wenn die Daten aus den Devices eingesammelt und verarbeitet werden können. Die bisherige Zusammenarbeit zeigt deutlich, dass hier Handlungsbedarf besteht.

Wie weit sind die Versorger und Netzbetreiber nach Ihrer Einschätzung beim Aufbau eines einheitlichen, landesweiten Smart Grid?

Es ist sicherlich nicht so, dass Smart Grids in einem Umfang zur Verfügung stehen, wie es von der EU definiert oder in E-Energy-Projekten festgeschrieben wurde. Das liegt – aus unserer Sicht – auch daran, dass der Einbau der Sensorik einen erheblichen finanziellen Aufwand bedeutet. Und diesen Aufwand betreibt im Moment kaum ein Unternehmen. Deswegen ist das Empfinden von Außenstehenden in Richtung Energieunternehmen geschaut ‚da bewegt sich gar nichts‘. Die meisten testen momentan, was Sensorik leisten kann, und wie sie mit Sensorik Engpässe im Netz früh erkennen und vermeiden können. Einen flächendeckenden Einsatz gibt es nicht. Grund hierfür sind sicherlich Budgetfragen.

Da kommen wir zu den Kosten. Es gab viele Diskussion in den letzten Monaten – die eine Seite sagt die Kosten für ein Smart Grid sind zu hoch: Die Wirtschaft wird sich das nicht leisten können.

In Deutschland haben wir mehr als 42 Millionen Haushalte, also mehr als 42 Millionen Endpunkte, die Informationen liefern. Die Datenübertragung erfolgt – je nach Konzept – in fünf, zehn oder 15 Minutenzyklen. Eine vergleichbare, derart komplexe IT-Installation gibt es heute nicht. Die Herausforderungen, diese Datenflut zu beherrschen, sind nur mit dem Finanzmarkt vergleichbar. Und um die Infrastruktur des Finanzmarktes aufzubauen, wurden in mehreren Jahrzehnten Milliarden Euro investiert.

Was bedeutet das konkret? Können Ihre Kunden einen ROI rechnen, der Investitionen rechtfertigt?

Ohne zusätzliche Maßnahmen des Gesetzgebers werden die Unternehmen den ROI in absehbarer Zeit weder sehen noch bewerten. Ein Grund ist, dass Berechnungsgrundlagen fehlen und die ROI-Berechnungen nicht überzeugend sind. Ich sehe die Wirtschaft bei Stufe null. Der Regulierer sagt, die Kosten für den Netzausbau dürfen nicht weitergegeben werden. Auf der anderen Seite sind alle Neuigkeiten im Strommarkt preisgetrieben. Die Frage ist also, wie viel der Haushalts- oder Industriekunde bereit ist, für eine stabile, qualitativ hochwertige Stromversorgung zu zahlen.

Das bedeutet keine Preiserhöhung für den Strom – allerdings Mehrkosten für dessen Qualität?

Eine Möglichkeit ist es den Weg weg von der Versorgungssicherheit von 99,9999 Prozent zu gehen. Dann ist die Frage, ob jemand für den Komfort zahlen will, bei den 99,9999 Prozent Sicherheit zu bleiben. Es gibt sicher Menschen, denen die stabile Stromversorgung ihres Haushaltes wichtig ist. Die haben Interesse daran, den einen oder anderen Euro dafür mehr zu bezahlen. Damit kaufen sie sich die Sicherheit, die Geräte, die sie heute benutzen auch in Zukunft zur Verfügung zu haben.

…und welche Optionen hat der Industriekunde?

Spätestens wenn die Verantwortlichen Netzschwankungen beobachten, sehen sie sich einem großen Problem gegenüber. Stellen Sie sich ein mittelständisches Unternehmen vor, vier Kollegen arbeiten an einem Buchhaltungssystem. Dann fällt durch eine Spannungsschwankung der Strom aus. Das Unternehmen ist nicht mehr handlungsfähig. Also müssen die Verantwortlichen in Technologie investieren, die sie vor den Schwankungen schützt – beispielsweise Puffergeräte oder Batterien. Das ist eine Investition, die für ein kleines Unternehmen kaum zu bezahlen ist. Also ist die Überlegung, dem Stromversorger oder dem Netzbetreiber mehr Geld zu zahlen, um eine stabile Netzqualität sicherzustellen.

Ein Industrieunternehmen kauft die sichere Versorgung als zusätzliche Dienstleistung ein – oder stattet sich selber mit Batterien oder einem Smart Grid aus?

Ich würde einen Schritt weiter gehen. Viele Unternehmen bauen sich eigene Kraftwerke, um die Stromversorgung zu garantieren. Allerdings können sie häufig den Strom beim Versorger billiger einkaufen, als ihn selber zu produzieren. Die Frage ist, welchen Aufwand die Unternehmen in Kauf nehmen, um sich selber zu versorgen und bei Lastspitzen eine Versorgung sicherzustellen.

Das Problem wird sein, dass viele Unternehmen auf Grund der Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes gezwungen sein könnten, sich von ihrem Stromnetz und ihren Kraftwerken zu trennen. Da ist die Realität gegenläufig. Meinen Sie es gibt einen Versorger, einen Netzbetreiber, einen großen Verbraucher, der die Kraft hat, trotz des gesetzlichen Durcheinanders einen Zeitplan für die Umsetzung eines Smart Grids zu definieren?

Wenn jemand bereit ist in ein Smart Grid zu investieren, dann können wir auch anfangen über einen Zeitplan zu diskutieren. Wenn Politik und Wirtschaft so weitermachen, wie sie es in den letzten Jahren gemacht haben, wird nichts passieren. Denn wenn die Versorger keinen Investor finden, können alle Unternehmen testen und entwickeln und forschen und produzieren – aber sie werden es nicht schaffen irgendeinen Zeitplan festzuschreiben. Der Finanzmarkt wird in diesem Spiel also eine große Bedeutung bekommen – und nur mit Unterstützung des Finanzmarktes können alle Unternehmen gemeinsam einen Zeithorizont entwerfen.

Herr Schwammberger, vielen Dank für das Gespräch.

Christian Raum

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