Müllheizkraftwerk = Naherholungsgebiet

Foto: Bjarke Ingels Group (BIG)

2016 nimmt in Kopenhagen eine neue Industrieanlage zur Müllverwertung ihren Betrieb auf. 460 Millionen Euro fließen dabei in ein Projekt, das mit keinem anderen Bauwerk seiner Art vergleichbar ist. Das Architekturbüro Bjarke Ingels Group (BIG) verschiebt dabei erneut die Grenzen das Machbaren. Damit wird Nachhaltigkeit in Dänemark endgültig zum hedonistischen Prinzip.

Nichts ist faul im Staate Dänemark.
Zugegeben, der erste Blick auf das Siegerprojekt des internationalen Wettbewerbs zur Neugestaltung der Müllverbrennungsanlage löst Skepsis aus. Eine Industrieanlage als Erholungsgebiet? Ein 100 Meter hoher Industrieschornstein umringt von Sportanlagen? Ganzjähriger Pistenzauber mitten in der Großstadt?

Dänemark recycelt 42 Prozent seines Hausmülls. Vier Prozent der Abfälle werden deponiert. Der Hauptteil des Mülls, 54 Prozent, dient der Energiegewinnung mittels Müllheizkraftwerken. Nun bekommt die Hauptstadt Kopenhagen eine neue Anlage zur Müllverwertung und wird zugleich um ein zentrumsnahes Erholungsgebiet bereichert.

Architektonische Integration. Die Architekten von BIG haben bereits eine Vielzahl an bisher undenkbaren Ansätzen entwickelt und verwirklicht. Diesmal ist den Planern die vollständige Integration des Industriekomplexes in den städtischen Ballungsraum gelungen. Müllverwertung, Verwaltung und Freizeitanlagen bilden eine harmonische Gesamtheit.

Äußerlich betrachtet erinnert das Resultat an eine Berglandschaft. Dieser Eindruck wird durch eine durchgehend begrünte Fassade zusätzlich verstärkt. Anstatt das Dach ungenützt zu lassen, wurde der gesamte Komplex umgestaltet. Nun sind auf der spektakulären Dachlandschaft drei Skiabfahrten mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden vorgesehen. Ein mittels Recycling hergestelltes Granulat dient als Ersatz für echten Schnee und bedeckt eine Fläche von 32.000 Quadratmeter. Schon bald können Sportbegeisterte hier ganzjährig auf einer Länge von über 1.500 Meter unter freiem Himmel talwärts wedeln.

Zusätzlich beherbergt das Areal alle Voraussetzungen, um weitere Sportarten wie etwa Klettern, Langlauf oder Segeln auszuüben. Die naturnah gestaltete Landschaft schafft optimale Verbindungen zum benachbarten Stadtzentrum.

Hedonistische Nachhaltigkeit. Somit stellt das Konzept einen Gegenpol zu den bislang bekannten städtebaulichen Maßnahmen dar. Der Genuss der Sinnesfreuden und das umweltbewusste Leben in der Großstadt verschmelzen zu einem einheitlichen Ganzen. Gleichzeitig werden energieintensive Skihallen ad absurdum geführt. Erlebbare Nachhaltigkeit wird ein fixer Bestandteil des Alltags und der Freizeitgestaltung.

Die gesamte Anlage beherbergt eine Vielzahl an durchdachten Details. So ermöglichen etwa verglaste Aufzüge bisher unbekannte Einblicke in den Funktionsablauf eines Müllheizkraftwerks. Selbst die Freisetzung der entstehenden CO2-Emissionen wird als greifbares Spektakel inszeniert. Dieses Projekt beweist eindrücklich, dass Nachhaltigkeit, Städteplanung und Lebensqualität auch im innerstädtischen Bereich realisierbar sind.

Joachim Kern

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