Atomkraft goes Offshore

Ein Gespenst geht um in Europa: Die „Renaissance der Kernkraft“. Wie berichtet hat das finnische Parlament vor Kurzem beschlossen, den Bau von zwei weiteren Atomkraftwerken zu genehmigen. In Schweden gibt es bekanntlich schon länger Überlegungen, den Atomausstieg rückgängig zu machen und auch bei uns reißt die Debatte um eine Laufzeitverlängerung der bestehenden Atomkraftwerke (AKW) nicht ab.

Und wer sich den großen Reaktortyp Marke EPR im Gegensatz zu den Franzosen nicht leisten kann, für den hat Russland demnächst eine Art „Atomkraft To Go“ im Angebot: Offshore-Atomstrom.

Vor einigen Tagen lief in St. Petersburg das erste schwimmende AKW, die „Akademik Lomonossow“ des russischen Staatskonzerns Rosatom, vom Stapel. Das 140 Meter lange und 30 Meter breite Kraftwerk soll in zwei Jahren den Betrieb aufnehmen.

 

Die Idee dahinter hat es in sich: Ein beträchtlicher Teil der Menschheit lebt in Küstengebieten. Das schwimmende AKW kann bei Bedarf über Rosatom als Systemdienstleister mitsamt Personal bestellt werden. Am Ende der Laufzeit wird es dann wieder abgezogen – Atommüllbeseitigung inklusive.

An Bord der „Akademik Lomonossow“ befinden sich zwei Reaktorblöcke mit einer Leistung von jeweils 35 Megawatt. Bei Volllast würden sie im Jahr 532 Gigawattstunden liefern. Zwei solcher AKW-Schiffe könnten zum Beispiel die Stadt Kiel (237.000 Einwohner) komplett mit Strom versorgen.

Doch das Konzept scheint alles andere als sicher zu sein. Denn was bei einer Havarie infolge schwerer Stürme oder gar eines Tsunamis passiert, möchte man sich nicht ausmalen. Oder wenn solch ein AKW-Boot von Piraten am Horn von Afrika gekapert wird. Die Lösegeldforderungen würden mit Sicherheit astronomisch hoch ausfallen.

Auch die Kostenseite birgt Risiken in sich. Alexander Nikitin, der das St. Petersburger Büro der Umweltorganisation Bellona leitet, schätzt die Investitionen anhand von Rosatom-Zahlen auf 5.500 Dollar pro Kilowatt installierter Leistung.

Rosatom spekuliert offenbar darauf, dass die Kosten sinken, wenn die Nachfrage steigt. Bisher hat allerdings nur der Energiekonzern Gazprom fünf Stück bestellt. Als erste soll die russische Provinz Kamtschatka mit dem schwimmenden AKW versorgt werden. Bleibt nur zu hoffen, dass es bei diesem ersten Versuch bleiben wird.

Daniel Seemann

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