Stromtrassen: Erdkabel kosten Stromkunden Milliarden

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Energiewende - Stromtrassen durch Bayern
Energiewende - Stromtrassen durch Bayern

Monatelang wurde über die geplanten Stromtrassen heftig gestritten, die im Zuge der Energiewende Erneuerbare Energie aus dem Norden nach Bayern transportieren sollen. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, der immer wieder massiv Widerstand gegen die „Monstertrassen“ leistete, setzte seinen Willen nur teilweise schließlich durch – man einigte sich darauf, die dringend benötigten Leitungen größtenteils unterirdisch zu verlegen. Wie das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) am Montag mitteilte, wird dieser Sonderwunsch die deutschen Stromverbraucher demnächst Milliarden kosten.

Nachdem Anfang des Jahres monatelang hitzig verhandelt wurde, einigten sich Seehofer, Bundeskanzlerin Merkel und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel im Juli bei einem Spitzengespräch im Kanzleramt auf einen Kompromiss: Anstatt die beiden umstrittenen Stromautobahnen Südlink und Süd-Ost überirdisch zu bauen, sollen sie jetzt weitgehend unterirdisch verlaufen. Ein Kompromiss, mit dem sich die Politiker auf beiden Seiten zufrieden zeigten. Seehofer sagte, damit seien die größten Nachteile der im Volksmund „Monstertrassen“ getauften Gleichstrompassgagen für den Freistaat beseitigt: Trassengegner hatten immer wieder die extremen Eingriffe ins Landschaftsbild, den Werteverlust der Immobilien sowie die Gefährdung der Gesundheit der Bevölkerung als Hauptargumente gegen den Bau der überirdischen Leitungen ins Feld geführt.

Doch der Kompromiss wird neusten Schätzungen des Bundeswirtschaftsministeriums zufolge für die deutschen Verbraucher zu erheblichen Mehrkosten führen. Demnach dürften die zusätzlichen Kosten für die Erdverkabelung der beiden Trassen zwischen drei und acht Milliarden Euro liegen. Diese Mehrkosten müssen die Stromkunden über die Netzentgelte bezahlen.

Dennoch sind die beiden Leitungen unerlässlich für den weiteren Erfolg der Energiewende. Wenn 2023 die letzten bayerischen Atomkraftwerke vom Netz gehen, wird ein großer Teil des benötigten Stroms im Freistaat aus anderen Bundesländern importiert werden müssen. Spätestens dann soll die Versorgungssicherheit Bayerns verstärkt durch Erneuerbare Energie aus Nord- bzw. Ostdeutschland sichergestellt werden.

Solar- und Windstrom sind jedoch starken natürlichen Schwankungen unterworfen. Diese auszugleichen ist für die Netzbetreiber schon heute extrem aufwendig und kostenintensiv. Der Netzbetreiber 50Hertz geht für das laufende Jahr bundesweit von 500 Millionen Euro aus, um die Netze stabil zu halten. Sollten in Deutschland 2025 wirklich wie derzeit geplant rund 40 – 45 Prozent des benötigten Stroms mit Erneuerbarer Energie erzeugt werden, dürften diese Ausgaben dementsprechend weiter ansteigen. Die beiden neuen Trassen werden daher dringend benötigt, um Schwankungen auszugleichen und Versorgungsengpässe im Stromnetz zu vermeiden.

Während die Politik mit der erzielten Einigung hochzufrieden ist, sind viele Experten skeptisch, was die Erdverkabelung angeht. Das Projekt sei nun ein „gigantischer Feldversuch, von dem keiner weiß, wie er am Ende ausgeht“, sagte ein Fachmann vor kurzem. Zunächst müssen die Netzbetreiber mit ihren Planungen von vorne beginnen, weil für Erdkabel andere Naturschutzbestimmungen gelten als für überirdische Leitungen. Damit sei ausgeschlossen, dass die Stromautobahnen wie geplant 2022 ans Netz gehen, erklärte im Sommer Stromnetzbetreiber Tennet.

Doch das vielleicht größte Problem stellen die Erdkabel selbst dar. Für die hohe Spannung, mit denen die Kabel betreiben werden sollen, gibt es derzeit noch keine langfristig erprobte Lösung. Zwar gibt es bereits Erdkabel, die für eine solche Spannung eingesetzt werden, jedoch sind diese eigentlich für den Transport von Offshore-Strom über kürzere Strecken ans Festland gedacht. Würde man solche Kabel durch ganz Deutschland verlegen, wäre das ein erheblicher Aufwand. Ein nur 1000 Meter langer Abschnitt würde gut 30 Tonnen wiegen. Leichtere Erdkabel gibt es zwar auch, jedoch sind die nicht für eine so hohe Stromspannung ausgelegt. Nur eine Firma bietet seit kurzem ein leichteres Erdkabel für die benötigte Spannung an. Technisch ausgereift ist dieses jedoch noch nicht, befürchten Experten.

Zudem ist die Verlegung von Erdkabeln viel komplizierter und aufwendiger als der Bau von Freileitungen. Die vermiedenen Monstertrassen drohen daher zum Monster-Bauprojekt zu werden, was die geschätzten Mehrkosten von bis zu acht Milliarden Euro erklärt. Ein Kilometer Freileitung kostet zwischen 1,2 Millionen und 1,4 Millionen Euro. Ein Kilometer Erdkabel, so kalkuliert Tennet, kostet, abhängig vom Untergrund, drei- bis achtmal soviel. Das heißt, der Kilometer Erdkabel kostet 3,6 Millionen bis 11,2 Millionen Euro – ein teurer Kompromiss, vor allem für die Stromkunden.

Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner teilte kürzlich sogar mit, die Erdkabel würden elf Milliarden Euro zusätzlich kosten, verteilt auf die 40 Jahre, welche die Leitungen voraussichtlich halten werden. Dann muss ausgebessert bzw. neue Kabel verlegt werden. Wie teuer das dann wird, wagt heute noch niemand abzuschätzen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung / Spiegel Online

 

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