Sehen, Lernen und Arbeiten Dank EinDollarBrille

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Ein Dollar Brille
Ein Dollar Brille

Knapp eine Milliarde Menschen auf der Welt leben laut Berichten der Weltbank von umgerechnet ein bis zwei US-Dollar pro Tag – ein Leben von der Hand in den Mund, ohne die Chance mehr als ein paar Cent zu sparen. Wer nicht jeden Tag arbeiten kann, dessen Existenz ist bedroht. Aber was machen Menschen, die nicht genügend sehen, um eine Ausbildung zu machen oder Arbeiten auszuführen? Das Projekt eines Lehrers aus Erlangen ermöglicht, Dank einer einfachen Optikerwerkstatt-Kiste und viel Engagement, Zehntausenden von Menschen das Sehen und eine wirtschaftliche Existenz.

Salomy wohnt in der Nähe der Stadt Blantyre im Süden Malawis. Ihr Vater ist Landwirt, ihre Mutter Sekretärin. Im Schulunterricht musste Salomy immer von ihrer Banknachbarin abschreiben, denn an der Tafel konnte sie nichts lesen, obwohl sie bereits ganz vorne saß. Ihr Lehrer schickte sie zum Optiker wo sie ein Rezept für eine Brille erhielt. Allerdings hätte die günstigste Brille 17.000 Kwatcha (über 30 Euro) gekostet. So viel Geld konnten ihre Eltern nicht aufbringen. Von ihrer Großmutter erfuhr sie eines Tages, dass es am folgenden Sonntag in einer Kirche günstige Brillen von EinDollarBrille geben sollte. Schon um vier Uhr morgens stand sie auf und lief rund 5 Stunden zur dieser Kirche. Von ihrer neuen Brille ist sie ganz begeistert und sieht zum ersten Mal alles ganz scharf und klar. Auf die Frage nach ihrem Berufswunsch sagt Salomy, sie möchte später einmal Rechtsanwältin werden. Dafür braucht sie gute Noten – ohne Brille hätte sie keine Chance auf diesen Erfolg.

Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) können sich mehr als 150 Millionen Menschen, die eine Brille benötigen, diese nicht leisten. Viele dieser Menschen können aus diesem Grund nicht arbeiten und ihre Familie ernähren. Kinder und Jugendliche können nicht richtig lernen, die Schule abschließen oder eine Ausbildung machen. Der so entstehende Einkommensverlust wird auf rund 120 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt. Das entspricht in etwa dem Betrag, der jedes Jahr weltweit in Entwicklungshilfe investiert wird.

Aber wie kann man auf Dauer günstige Brillen in Entwicklungsländern zur Verfügung stellen, um so das Problem nachhaltig zu lösen?

Die Idee aus der Waschküche

Mathematik- und Physik-Lehrer Martin Aufmuth entwickelte in seiner Waschküche im fränkischen Erlangen den Prototyp einer einfachen Optikermaschine. Die Holzkiste mit 30 Zentimetern Kantenlänge beinhaltet eine Biegemaschine, in der ein Federstahldraht binnen Minuten zu Brillen für Kinder und Erwachsene, Dick- und Dünnnasige gebogen werden kann. Die Größe der Brille lässt sich in drei Abstufungen variieren. 25 verschiedene Gläserstärken ermöglichen eine optimale Anpassung. Im dritten Arbeitsschritt werden die Gläser in den Drahtrahmen eingefügt, nebst zwei farbige Glasperlen zur Verschönerung, und Schläuche auf die Bügel aufgeschrumpft. Das gesamte Verfahren dauert zehn bis 30 Minuten.

EinDollarBrille Martin Aufmuth in Malawi mit neuen Augen copyright Wolfgang Cüppers cmykEinDollarBrille-Erfinder Martin Aufmuth in Malawi ©Wolfgang Cüppers

Der Tüftler wollte nicht mit Spendenaktionen Brillen in Entwicklungsländer liefern, sondern stattdessen ein Konzept entwickeln, dass eine günstige und einfache Fertigung und den Vertrieb vor Ort ermöglicht und so sogar noch Arbeitsplätze schafft.

Das Vertriebskonzept sieht so aus: Die Optiker transportieren die gesamte Ausrüstung in einer gerade mal 30 x 30 x 30 Zentimeter großen Holzkiste mit dem Fahrrad von Dorf zu Dorf und passen vor Ort die Brillen an. Die EinDollarBrille besteht aus einem extrem leichten, flexiblen und stabilen Federstahlrahmen und vorgeschliffenen Gläsern aus Polycarbonat. Die Materialkosten für Draht, Linsen und Schrumpfschlauch liegen bei rund einem Euro. Der Verkaufspreis pro Brille beträgt zwei bis drei ortsübliche Tageslöhne – in Afrika entspricht das in etwa dem Preis für ein Huhn. So ist sichergestellt, dass die Brille für arme Menschen erschwinglich ist und dass die Verkäufer genügend Geld verdienen, um sich und ihre Familien zu ernähren.

Viel Engagement ermöglicht die Aufbauphase

Martin Aufmuth hat das Lehramt mittlerweile aufgegeben und leitet den Verein „EinDollarBrille e.V.“, der mittlerweile zahlreiche weitere freiwillige Unterstützer gewinnen konnte. Das Konzept ist so angelegt, dass später alle laufenden Kosten über den Verkaufspreis der Brillen abgedeckt werden. Einzig für die Aufbauphase ist das Projekt auf Spenden angewiesen, um die Maschinen zur Herstellung der Brillen sowie die Schulungen der Optiker zu finanzieren.

08 EinDollarBrille Mitarbeiterin bei Fertigstellung copyright Martin Aufmuth cmykMit der Herstellung der EinDollarBrille können die Mitarbeiter vor Ort ihre Familien ernähren die  ©Martin Aufmuth

EinDollarBrille e.V. exportiert auch das Know-how des Fabrikationsprozesses und die Biegemaschine in Entwicklungsländer. Diese Apparatur ist für die Herstellung unabdingbar. Sie benötigt keinen Strom und kann von bis zu sechs Personen zugleich benutzt werden. Jährlich lassen sich so je Biegemaschine zwischen 20.000 und 50.000 Brillen produzieren. Die Ausbildung von Fachkräften erfolgt in zweiwöchigen Intensivkursen vor Ort, die daraufhin ihren Lebensunterhalt als Optiker bestreiten können. Die Biegemaschine kostet 2.500 Euro, wird aber den angelernten Fachkräften kostenfrei zur Verfügung gestellt, wenn sie über ihre Kunden Buch führen.

Anfang 2013 konnte die erste Ausbildung in Ruanda verwirklicht werden, wo jetzt rund 25 ausgebildete Fachkräfte ihrem Handwerk nachgehen. Weitere Länder in Afrika und Lateinamerika folgten, darunter Malawi, Äthiopien, Benin, Brasilien, Burkina Faso und Bolivien.

Im Oktober 2015 verkaufte das Team in Burkina Faso seine 10.000ste Brille. Der Erfolg des mittlerweile mehrfach ausgezeichneten Projekts zeigt, wie nachhaltig Hilfe zur Selbsthilfe funktioniert.

Wer mehr erfahren möchte, dem zeigt ein Bildervortrag über die EinDollarBrille am Beispiel des Einsatzes in Uganda sehr anschaulich, wie das Projekt umgesetzt wird.

Weitere Informationen und die Möglichkeit das Projekt zu unterstützen gibt es unter http://www.eindollarbrille.de

 

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