Renaissance der Kernenergie in Osteuropa

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Kernkraftwerk
Kernkraftwerk

Der Bürgerkrieg in der Ukraine tobt seit knapp 18 Monaten. Die anliegenden ehemaligen Sowjet-Republiken blicken mit großer Sorge auf die angespannte Lage, nicht nur, weil ihre Geschichte selbst negativ von russischer Aggression geprägt ist, sondern auch, weil fast der gesamte Öl- und Gasimport Osteuropas über die Pipelines in ukrainischem Gebiet verläuft. Trotz der Katastrophe in Fukushima und dem darauffolgenden Umdenken in einigen, bisher als etabliert geltenden Atom-Staaten, ist Kernenergie in Osteuropa heute wieder sehr gefragt. Die Gründe liegen im Streben nach Energiesicherheit, energiepolitischer Unabhängigkeit von Russland und Mangel an Alternativen.

Seit einiger Zeit sprechen Forscher von einer „Renaissance der Kernenergie“. Dies betrifft vor allem den osteuropäischen Raum, da viele der dort liegenden Staaten sich im Vergleich zu Deutschland in eine entgegengesetzte Richtung bewegen und, anstatt auf Erneuerbare Energien zu setzen, einen Ausbau ihrer Kernenergieproramme vorantreiben. Ein markantes Beispiel für diese Entwicklung sind die Länder der zweiten EU-Osterweiterung von 2007 – Rumänien und Bulgarien.

Trotz der Katastrophe in Fukushima im März 2011 nehmen diese Entwicklungen keinen Abbruch. Sowohl Bulgarien als auch Rumänien streben unbeirrt nach der Erzeugung zusätzlicher Kapazitäten. Beide Staaten betreiben heute noch dieselben Reaktoren, die bereits unter der sowjetischen Führung errichtet wurden. Das Programm Rumäniens hat seinen Ursprung im Jahre 1976. Der erste Reaktor wurde 1982 gebaut. Der Beginn des bulgarischen Programms reicht sogar zurück bis ins Jahr 1956. Damals wurde entschieden, die Kernkraft zur wichtigsten Komponente des bulgarischen Energiesektors zu entwickeln. Der Bau des ersten Reaktors begann schon 1970. In beiden Ländern folgten weitere Fortentwicklungen und die Kernenergie wurde zu einem wesentlichen Eckpfeiler der Energiewirtschaft. Trotz der Katastrophen in Tschernobyl und Fukushima hat sich an diesem Anspruch bis heute wenig geändert.

Während nun sogar Frankreich, das größte Atom-Land in Europa, einen ambitionierten Plan zur Abkehr von der Kernkraft beschlossen hat, gibt es in den osteuropäischen Ländern keine Anzeichen für so etwas wie eine echte Energiewende.

Dennoch gewinnen auch Erneuerbare Energien zunehmend an Aufmerksamkeit, besonders in den Ländern Osteuropas, die nach Alternativen zu russischen Öl- und Gasimporten suchen, jedoch keineswegs auf Kosten des nuklearen Sektors. Die Gründe für diese Entwicklung sind nicht nur die hinzugekommenen Sicherheitsstandards im Zuge des EU-Beitritts für bestehende Atommeiler, sondern vor allem die zunehmenden Sorgen um die Energiesicherheit – insbesondere in Anbetracht des russischen Verhaltens in der Ukraine.

Die Energiesicherheit importabhängiger Staaten, wie z.B. Bulgariens, ist stark geprägt vom Transit russischer Importe von fossilen Brennstoffen durch die Ukraine. Die Pipeline-Routen zur Versorgung Südosteuropas mit russischem Gas verlaufen ausschließlich durch ukrainisches Territorium. Die Energieversorgung wird somit nicht nur abhängig von der Willkür russischer Machtdarstellungen, welche aufgrund von Spannungen zwischen Ost und West im nächsten Winter zum politischen Hebel Putins werden könnten, auch die zunehmend vom Bürgerkrieg gezeichnete Ukraine selbst könnte die Instabilität der russischen Brennstofflieferungen erhöhen.

Schon 2009 kam es während des ukrainisch-russischen Gasstreits zu empfindlichen Engpässen, besonders in Bulgarien, wo die Bevölkerung ganze 14 Tage lang frieren musste.

Doch nicht nur die Wärmeversorgung ist ein Problem. Die Haushaltsgaspreise sind in Bulgarien gemessen am Einkommen die höchsten in der gesamten Union, was in dem von Korruption gelähmten politischen System zusätzlichen Druck auf die Regierung verübt.

In Rumänien stellt sich die Lage deutlich weniger dramatisch dar. Anders als Bulgarien kann das Land auf relativ große Öl- und Gasreserven bauen und ist somit weniger abhängig von russischen Importen. In Rumänien ist zudem bereits ein bemerkenswert hoher Anteil Erneuerbarer Energien (knapp 30 Prozent) im Elektrizitätsmix enthalten, welcher allerdings beinahe ausschließlich auf Wasserkraft beruht. Biomasse, Solar- und Windenergie sind kaum ausgebildet. Rumänien ist im europäischen Vergleich somit gut aufgestellt. Dennoch erzeugt das Land weiter fleißig nukleare Energie und speist bis zu einem Fünftel des eigens konsumierten Stroms aus Kernkraft. Ähnlich wie Rumänien fuhr auch Bulgarien wirtschaftlich und politisch zunächst gut mit den alten sowjetischen Meilern. Einerseits wurde genügend Strom produziert, um Preise für Konsumenten niedrig halten zu können, andererseits konnten zusätzlich benötigte Importe fossiler Brennstoffe durch den Export nuklearer Elektrizität wieder ausgeglichen werden.

Als Bulgarien 2007 in die EU eintrat, musste ein Großteil der veralteten, nicht den europäischen Sicherheitsstandards genügenden Meilern graduell heruntergefahren werden, was ein tiefes Loch in die Stromproduktion riss und das Land schließlich in ein starkes Energiehandelsdefizit manövrierte. Die logische Folge daraus ist die Suche nach Alternativen in der Stromerzeugung.

Weil Bulgarien weder nennenswerte Ressourcenvorkommen besitzt, noch ein bedeutendes Potential für die vergleichsweise günstige Stromerzeugung durch Wasserkraft vorhanden ist, gibt es jedoch nicht viele Möglichkeiten. Deshalb werden seit langem Pläne für eine Erweiterung der nuklearen Energieerzeugungskapazitäten gemacht. Eine Energiewende nach deutschem Vorbild kommt für Bulgarien allein aufgrund der enormen Kosten nicht in Frage. Energie und Strom sind gemessen am Einkommen so teuer wie nirgendwo sonst in der EU und die bulgarische Bevölkerung ist zudem ohnehin die Ärmste der Union. Außerdem wäre ein solch tiefgreifender Wandel aufgrund der geringen Energieeffizienz und sehr alter Stromnetze nicht möglich, ohne beinahe die gesamte Energieinfrastruktur zu erneuern – unvorstellbar in Anbetracht des bulgarischen Staatshaushalts.

Rumänien hält auch deshalb an der Kernkraft fest, weil es eine politisch günstige Alternative ist, die sonst hohe CO²-Intensität zu drosseln und während der wirtschaftlich schwierigen Zeit günstigen Strom für eine ohnehin unzufriedene Bevölkerung zu erzeugen. Die Krise in der Ukraine und der Blick hinüber zum südlichen Nachbarn bestärkt die Regierung in Bukarest zudem darin, wie essentiell es für Staaten in Osteuropa heute ist, eine möglichst unabhängige Energiewirtschaft zu besitzen. Rumänien hat zudem den Vorteil, dass die beiden bisher gebauten Meiler nicht wie in Bulgarien von sowjetischem Typ sind, sondern nach Vorbild der kanadischen CANDU-Reaktoren entstanden. Der Übergang in die EU war für Rumänien energiepolitisch somit deutlich leichter, da die Anlagen bereits größtenteils westlichen Standards entsprachen und keine Kapazitäten verloren gingen. 

Für wie enorm wichtig die Kernkraft insbesondere in Bulgarien wahrgenommen wird, wurde erst 2009 sehr deutlich, als die lokale Bevölkerung nicht gegen, sondern für die Wideraufnahme des Betriebs der im Rahmen des EU-Beitrittsprozesses abgeschalteten Reaktoren in Kozloduy protestierte. Die Kernkraft scheint dort bis heute und insbesondere in Krisenzeiten mit positiven Erwartungen und Hoffnungen auf eine Verbesserung der sozioökonomischen Lage verbunden zu sein.

 

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