Radfahren ohne Stress

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Radfahren ohne Stress
Radfahren ohne Stress

Immer mehr Leute verzichten auf das eigene Auto und steigen stattdessen auf das Fahrrad um. Allerdings hängt diese Entscheidung für das umweltfreundliche Verkehrsmittel sehr stark davon ab, ob die Infrastruktur überzeugt. Denn der Radler will sich sicher fühlen und mit dem „Drahtesel“ schnell vorankommen, vor allem im Großstadt-Dschungel. Radfahren ohne Stress.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) ermittelt durch seine zweijährliche Befragung „Fahrradklimatest“ mit Förderung des Bundesverkehrsministeriums regelmäßig, wie die Menschen mit den Radfahr-Bedingungen in ihrer Stadt zufrieden sind. Zuletzt erfolgte die Erhebung Ende 2016. Rund 120.000 Menschen haben, überwiegend online, ihre Meinung zum Thema kundgetan und so gemeinsam den „Zufriedenheitsindex der Radfahrer in Deutschland“ entstehen lassen.

Nun wurden in Berlin die Ergebnisse bekanntgegeben – und das nordrhein-westfälische Münsterland freut sich. Denn in drei der insgesamt vier Stadtgrößen-Kategorien erlangten Orte aus dieser Region den ersten Platz. Bei den Großstädten schnitt die 300.000-Einwohner-Stadt Münster, wie auch in einigen Befragungen zuvor, erneut am besten ab.

Und dies hat Gründe. Abgesehen von der günstigen Gegebenheit, dass die Landschaft so gut wie keine größeren Erhebungen aufweist, wurden bereits zahlreiche Maßnahmen umgesetzt, die beim Radfahren den Spaß erhöhen und den Stress reduzieren sollen. So durchziehen zahlreiche Radwege die Westfalenmetropole. An großen Kreuzungen sind diese farblich besonders gekennzeichnet, um Kollisionen mit abbiegenden Autos zu verhindern. Zudem ist die Stadt bemüht, die Radwege in der kalten Jahreszeit von Herbstlaub oder Schnee zu befreien. An Ampeln können sich die Radfahrer teilweise vor den Autos platzieren, um beim Warten auf „Grün“ nicht zu viele Abgase abzubekommen. Und da „Pedalritter“ nicht gerne Umwege fahren, dürfen sie durch viele Einbahnstraßen auch in Gegenrichtung rollen. Zudem wurden im Stadtgebiet nach und nach zahlreiche Abstellanlagen installiert.

Neue Probleme

Andererseits aber gibt es auch in Deutschlands erneuter Fahrradhauptstadt bezüglich Radfahr-Bedingungen noch viel Luft nach oben. Auch in Münster wächst die Zahl der Fahrradfahrer kontinuierlich an. Doch so erfreulich die große Zahl an Alltags-Radlern in der Großstadt auch ist – wenn die Infrastruktur nicht schritthält, entstehen neue Probleme. So sind die Radwege nicht mehr auf den heutigen, also den erhöhten Radverkehr der wachsenden Stadt ausgelegt. Ganz unterschiedliche Radfahrer müssen sich die oft zu schmalen Radwege teilen. Da sind das noch unsicher fahrende Vorschulkind und der gemächlich pedalierende Rentner mit Zeit ebenso unterwegs wie die rasant fahrende Sportstudentin ohne Zeit, dazu noch Radler mit breitem Anhänger oder Lastenrad sowie seit einigen Jahren die schnellen Pedelec-Fahrer.

Auch das Abstellen des in Münster „Leeze“ genannten Vehikels ist mancherorts zur Herausforderung geworden. Vor allem rund um den Hauptbahnhof der Pendlerstadt ist es schwierig, einen freien Flecken zu finden – vom durch die Polizei allgemein empfohlene Anschließen des Rads an einen fest installierten Gegenstand, etwa eine Straßenlaterne, ganz zu schweigen.

Das drängendste Problem aber sind die zahlreichen Unfälle, an denen Fahrrad- und Autofahrer beteiligt sind. Dies hängt offensichtlich mit dem „Modal Split“, wie in der Verkehrsstatistik die Verteilung der Verkehrsmittelwahl genannt wird, zusammen. Denn die Verkehrsteilnehmer in der Westfalenmetropole sind eben nicht nur zu 39 Prozent Radfahrer, sondern auch zu 29 Prozent Autofahrer. Der ÖPNV macht hingegen nur einen Anteil von zehn Prozent aus (Stand: 2013).

Die kritische Masse – Radfahren ohne Stress möglich?

Und so fährt inzwischen regelmäßig ein Fahrradkorso der Bewegung „Critical Mass“ durch Münster. Die „kritische Masse“ besteht aus so vielen Radfahrern, dass diese die Fahrbahn nutzen dürfen. Durch ihre bloße Menge und ihr konzentriertes Auftreten möchte die weltweit aktive Bewegung auf die Rechte von Radfahrern aufmerksam machen und vor allem eine bessere Infrastruktur und mehr Platz gegenüber dem motorisierten Individualverkehr einfordern.

Wie man in Großstädten tatsächlich ein gutes „Fahrradklima“ schaffen kann, zeigen Vorbild-Metropolen wie das dänische Kopenhagen oder Utrecht in den Niederlanden. In Utrecht beträgt der Radverkehrsanteil 60 Prozent. Im kommenden Jahr soll dort am Hauptbahnhof ein neues Parkhaus für 12.500 Fahrräder eröffnet werden. Das kostet Geld. Zum Vergleich: laut ADFC gibt Münster für die Radverkehrsförderung gegenwärtig etwa 10 Euro pro Einwohner und Jahr aus. Utrecht hingegen investiert 137 Euro – für weniger Staus, schnellere Zielerreichung und außerdem mehr Spaß, Bewegung und Lebensqualität.