Private Zertifizierung für die Nachhaltigkeit

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Lebensmittel Zertifizierung
Lebensmittel Zertifizierung

Die internationale Zertifizierung hat sich während der letzten 15 Jahre zu einem wesentlichen Aspekt der nachhaltigen Bewirtschaftung unseres Planeten entwickelt. Wo staatliche Regelsetzung versagt, haben private Organisationen begonnen auf freiwilliger Basis Verpflichtungen für eine nachhaltige Produktion zu etablieren, je nach Wirtschaftsbereich. Die Zertifizierung der internationalen Fischerei durch nicht-staatliche Organisationen dient als treffendes Beispiel. Sie zeigt die Vorteile, sowohl für Konsumenten also auch für die Fortbestand der Fischbestände in den Weltmeeren, sowie auch die Probleme, die eine effektivere Verbesserung der Nachhaltigkeit in der globalen Fischerei verhindern.

Wer heute im Supermarkt unterwegs ist und die Regale nach der gekritzelten (oder digitalen) Liste für den Wocheneinkauf abklappert, nach den richtigen Zutaten für ein gutes Abendessen sucht, oder sich auch nur einen kleinen Snack gönnen möchte, nahezu auf jedem Lebensmittelartikel, egal ob aus der Kühlbox oder dem Gemüseregal, überall sind sie zu finden. Kleine Siegel, auf der Verpackung gedruckt oder als Aufkleber. Sie stehen für Qualität und Nachhaltigkeit. Mal mehr, mal weniger. Besonders eine nachhaltige Produktionsweise wird heute immer häufiger durch entsprechende Zertifikate versichert. Sie sollen beim Kunden Vertrauen für das jeweilige Produkt erwecken, ein gutes Gefühl der Sicherheit geben, dass das zu konsumierende Produkt sowohl von guter Qualität ist als auch nachhaltig produziert wurde. Doch was genau bedeuten die verschiedenen Siegel eigentlich genau? Wie kommt das jeweilige Zertifikat zustande und welche Standards sind wirklich im Spiel? Kaum ein Konsument ist sich im Klaren darüber, wenn er im Supermarkt eine Packung gefrorenen Alaska Seelachs in den Händen hält. 

Aufgrund der rasant fortschreitenden Globalisierung und der zunehmenden Internationalisierung des Handels werden private Zertifizierungsorganisationen dabei immer wichtiger. Dort, wo staatliche und zwischenstaatliche Organisation versagen, haben sich während der letzten Jahre verschiedene privat organisierte Gruppen herausgebildet, die in gemeinsamem Nutzen für Produzenten und Konsumenten eine nachhaltige Herstellung bestimmter Produkte sichern wollen. Sie kreieren Normen, Regeln und verschiedene Standards im Kontext internationalisierter Kooperation, vor allem in Bereichen, in denen staatliche Autorität keine dominante Form der politischen Autorität darstellt bzw. überhaupt gar nicht vorhanden ist. Dann bilden sich private Organisationsformen der Regelsetzung. Diese schreiben allen Marktteilnehmern die sich dafür entscheiden vor, wie ein entsprechend umweltbewusst sowie sozial verantwortungsbewusstes Produktionsverhalten auszusehen hat – je nach Marktbereich. Dazu gehört die Fischerei, wie auch die Forst- und Landwirtschaft sowie der Tourismus, um nur einige wenige zu nennen. 

Das Marine Stuardship Council (MSC) zum Beispiel ist ein Siegel für nachhaltige Fischerei, gegründet schon 1997, mit der Beteiligung des WWF. Die Idee war die Bekämpfung der weltweit schrumpfenden Fischbestände durch die Vergütung nachhaltiger Fischerei durch eine entsprechende Zertifizierung – dem MSC-Siegel. Direkt auf dem Produkt. Heute gibt es zwei grobe Standards des MSC. Der „MSC Chain of Custody Standard“ erlaubt die komplette Zurückverfolgung der gesamten Produktionskette, bis zum Ursprung. Dies stellt sicher, dass nur Produkte zertifiziert werden können, die unter Berücksichtigung der entsprechenden Standards gefangen sowie verarbeitet wurden. Der MSC-Umweltstandard ist der eigentliche Nachhaltigkeitsstandard. Er legt fest, welche Richtlinien der Hersteller beachten muss, um erfolgreich zertifiziert werden zu können. Er basiert vor allem auf drei grundlegenden Prinzipien – Dem Fortbestand des befangenen Fischbestands, der minimalen Einflussnahme auf die Umwelt sowie einer effizienten Betriebsführung. Hinzu kommen 31 weitere Leistungsindikatoren (für mehr Informationen: https://www.msc.org). Heute sind international über 200 Fischereibetriebe durch den MSC zertifiziert. 100 weitere befinden sich im Bewerbungsverfahren. Das schlägt sich insgesamt in etwa elf Prozent des weltweiten Fischfangs nieder, der somit der Zertifizierung des MSC unterliegt.

Kritik gegen das MSC, so beispielsweise von Greenpeace, bezieht sich meist auf eine zu undeutlich und somit interpretative und vage Regelauslegung sowie zu niedrigen Mindestanforderungen für erfolgreiche Zertifizierungen. So müssen zum beispielsweise oft nur 60 bis 80 Prozent der Standards erfüllt werden, um ein Siegel zu erhalten. Auch die anderen großen Fischerei- und Aquakultur-Zertifikate, wie die Global Aquaculture Alliance (GAA), GlobalGAP (GAP), Friends of Sea (FOS), oder das Aquaculture Stuardship Council (ASC) besitzen ähnliche Ansätze. Die Kritik ist durchaus berechtigt. In einer Studie aus dem Jahr 2013 wurde keine der hier genannten Organisationen als besonders „streng“ bezeichnet. Die weitgehend ähnliche Zertifizierung in der Forstwirtschaft deutet auf einen möglichen Grund dafür hin. Dort hat sich gezeigt, dass, je ambitionierter oder „strenger“ ein Zertifikat in der Regelsetzung ist, desto geringer scheint die Beteiligung der relevanten Marktteilnehmer zu sein. Eine Folge der entsprechend hohen Kosten einer hochgradigen Zertifizierung. Somit stehen nicht-staatliche Zertifizierungsorganisationen grundsätzlich vor einer schwierigen Frage: Strenge Standards für ein möglichst hohes Maß an Nachhaltigkeit, jedoch voraussichtlich im kleinen Kreis und mit wenig Marktanteil, oder der Versuch, so viele Marktteilnehmer wie möglich zur Mitgliedschaft zu überzeugen, mit dem Preis einer schwächeren Regulierung.

Welcher Ansatz ist effektiver? Schließlich muss bedacht werden, dass die Erfüllung entsprechender Standards für die Produzenten immer mit Kosten verbunden ist. Diese wiederum können für kleine Unternehmen häufig nur schwer zu stemmen sein, insbesondere im ärmeren Südteil der Erde. Die Lösung für eine möglichst effektive Zertifizierung auf dem globalen Level könnte somit sein, Zertifikate mit verschieden hohen Ansprüchen anzubieten, um auch armen Marktteilnehmern die Chance zu bieten, ihre Produkte zu zertifizieren und ihnen somit den Anreiz zu geben, eben so viel für die Nachhaltigkeit zu tun, wie sie können. Gleichzeitig könnten Alternativen bis auf das höchst mögliche Niveau, mit dementsprechend hohen Kosten gegeben sein, um die gesamte Bandbreite abdecken zu können. Zwar ist dieser Ansatz weder idealistisch, noch völlig unproblematisch, er könnte sich jedoch als der beste Weg herausstellen, da jeder Marktteilnehmer die Motivation bekäme, den nächst höheren Standard zu erreichen, ohne von unrealistischen Kosten abgeschreckt zu werden. Das Problem: Je mehr unterschiedliche Zertifikate entstehen, desto größter die Unübersichtlichkeit für den Konsumenten. Solange der Kunde nicht weiß, welches Zertifikat welchen Nachhaltigkeitsstandard bedeutet, ist auch der Produzent wenig motiviert, auf den nächst höheren Standard aufzuspringen.

 

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