Wegen Klimawandel: Peruanischer Bauer verklagt RWE

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Klimawandel - Gletscherschmelze
Klimawandel - Gletscherschmelze

Die peruanische Stadt Huaraz ist akut überschwemmungs-gefährdet. Der Wasserspiegel des ungefähr 1.500 Meter höher gelegenen Gletschersees steigt stetig. Saúl Luciano Lliuya ist Kleinbauer in Huaraz und macht RWE mitverantwortlich für das Abschmelzen der Gletscher in den Anden und die Gefährdung seiner Heimat. Kürzlich hat er deshalb Klage eingereicht. Auf der Weltklimakonferenz in Paris warb er um Aufmerksamkeit für sein Anliegen.

Auf dem Klimagipfel trafen sich nicht nur hochrangige Regierungsvertreter, um über die klimatische Zukunft unserer Erde zu beraten, es waren auch viele nicht offiziell geladene Gäste anwesend. So wie Saúl Luciano Lliuya, peruanischer Kleinbauer und Bergführer. Er war mit seinem 75-jährigen Vater Julio Luciano Shoan nach Paris gekommen, um sich über die seiner Meinung nach durch den deutschen Energiekonzern RWE mitverursachten Folgen des Klimawandels zu beschweren, die dazu geführt haben, dass der Andengletscher schmilzt.

Saúl kommt aus Huaraz in der Region Ancash, mitten in den Anden und auf über 3000 Metern Höhe, knapp 450 Kilometer nördlich von Lima. Die umliegenden Bergketten erstrecken sich auf einer Höhe bis zu fast 7000 Metern. Saúl ist dort regelmäßig als Bergführer unterwegs. Dort kann er die Gletscherschmelze mit seinen eigenen Augen beobachten, verriet er dem Spiegel.

Deshalb hat er nun eine Klage eingereicht – gegen den deutschen Energiekonzern RWE. Dieser ist für ihn einer der Hauptverantwortlichen der globalen Erwärmung und somit des Schmelzens der Gletscher in seiner Heimat. Das Problem ist nicht primär der Rückgang des Eises, sondern das daraus resultierende Schmelzwasser, das sich in den umliegenden Gletscherseen sammelt. Diese wachsen stetig. Geht das so weiter, wird es früher oder später zu Überschwemmungen kommen.

Einer dieser Seen ist der Palcacocha-See, gelegen auf 4566 Metern Höhe. Das schmelzende Eis lässt den Wasserspiegel immer weiter steigen. Wie verheerend eine Überschwemmung des Sees sein kann, weiß Julio, Saúls Vater, noch aus eigener Erfahrung. Am 13. Dezember 1941 stürzte ein riesiger Eisbrocken des anliegenden Gletschers in den See und verursachte eine Flutwelle, die so groß war, dass sie den Moränenwall, der den See talwärts begrenzt, einriss und talabwärts stürzte. Als die resultierende Schlammlawine schließlich Huaraz erreichte, hatten sich darin 400.000 Kubikmeter Schutt angesammelt. Mehr als 6.000 Menschen mussten sterben.

Seither wurden zwar Maßnahmen ergriffen, um auf das Flutrisiko zu reagieren, dennoch ist die Überschwemmungsgefahr weiterhin extrem hoch. Daher nun auch die Klage gegen RWE. Für den Energieriesen ist diese eher eine moralische als eine rechtliche Herausforderung, denn die Formulierung bezieht sich nicht auf eine Schadensersatzforderung, sondern auf Beihilfen zum Hochwasserschutz für das massiv gefährdete Huaraz. Die Summe hat symbolwert. 17.000 Euro, das entspricht ungefähr dem Anteil der erwarteten Kosten zur Flutprävention in der Palcacocha-Lagune, mit dem RWE am historischen erzeugten Maß der globalen CO2-Emissionen beteiligt ist, nämlich 0,5 Prozent.

Dass RWE tatsächlich juristisch gezwungen wird, den vergleichsweise kleinen Betrag zu zahlen, ist unwahrscheinlich. Der Konzern verweist auf eine Reihe von Präzedenzfällen und betont die mangelnde rechtliche Grundlage. Doch anders als zum Beispiel bei der Klage der Stadt Kivalina (Alaska) am US-Supreme Court gegen den Konzern ExxonMobil vor drei Jahren, als das US-Gericht die Forderung nach einer Entschädigungszahlung für durch Treibhausgasemissionen entstandene Klimaschäden schließlich abwies, liegt der finanzielle Aspekt hier nicht im Fokus. Weder ist das Katastrophenrisiko für Huaraz mit 17.000 Euro ausreichend zu reduzieren, noch würde der Betrag die RWE-Bilanzen auch nur annähernd tangieren.

Dennoch hat Saúl Luciano Lliyua bereits einiges erreicht. Die Bedrohung seiner Heimat Huaraz wird öffentlich diskutiert und bekommt damit mehr mediale Aufmerksamkeit als jemals zuvor. Mit der Klimakonferenz hat er eine Bühne entdeckt, auf der sein Anliegen ein Publikum findet. Der Symbolwert der Klage erzeugt beim Publikum zudem einen wichtigen zusätzlichen Effekt: Sie verbindet die Erzeugung von Treibhausgasen, hier personifiziert durch den Konzern RWE, mit den direkten und indirekten Folgen der globalen Erwärmung auf Einzelschicksale wie sein eigenes oder dem seiner Heimatstadt Huaraz. Er gibt dem Klimawandel ein Gesicht und schafft beim Empfänger eine bessere Wahrnehmung für die Proportionen im Zusammenhang zwischen Ursachen und Folgen der Treibhausgasemissionen.

 

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