Ölpest am Golf: Lösungsmittel war kontraproduktiv

,

Ölpest im Golf von Mexiko: Lösungsmittel war kontraproduktiv
Ölpest im Golf von Mexiko: Lösungsmittel war kontraproduktiv

Die Havarie der Bohrplattform Deepwater Horizon vor über fünf Jahren verseuchte die gesamte Meeres- und Küstenregion des Golfs von Mexiko mit giftigem Erdöl. Die Spuren der Katastrophe sind bis heute erkennbar. Wissenschaftler der Universität von Georgia wollen nun herausgefunden haben, warum das Öl bis heute nicht ganz verschwunden ist: Das chemische Lösungsmittel, das zur Unterstützung des Reinigungsprozesses verwendet wurde, scheint die Zersetzung des Öls nicht zu beschleunigen, sondern sogar entscheidend zu verlangsamen.

Über fünf Jahre ist es her, seit auf der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko durch einen Blowout über 750 Millionen Liter Öl sowie hunderttausende Tonnen Methangas ins Meer gelangten. Es war eine der größten maritimen Umweltkatastrophen der Menschheitsgeschichte.

Als im April, zum fünften Jahrestag des Unfalls, ein Fazit über die Folgen und die Bemühungen zur Wiederherstellung der betroffenen Küsten- und Meeresregionen gezogen wurde, fielen die Urteile unterschiedlich aus. Für den verantwortlichen Konzern BP, der durch die Katastrophe einen immensen Image- und Finanzschaden davon getragen hat, ist nach fünf Jahren „beinahe“ derselbe Zustand wiederhergestellt worden, wie zuvor. Eine Aussage, die für den Konzern vor allem deshalb relativ leicht zu treffen ist, weil fast keine zuverlässigen Daten vorhanden sind, mit denen sich der tatsächliche Zustand vor dem Unfall detailliert darstellen ließe. Somit fehlt ein adäquates Vergleichsmaß. Das macht es BP sehr leicht, sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Tatsächlich, an den Küsten ist wieder ein Gefühl der Normalität eingekehrt. Die weißen Strände von Louisiana werden wieder unbekümmert von Touristen bevölkert, Shrimps und Fische aus der Region werden wieder gefangen und gegessen. Forscher und Aktivisten zeichnen derweil jedoch ein deutlich negativeres Bild: Die Sterberate von an der Küste Louisianas heimischen Delfinen ist um das Vierfache gestiegen, ein Drittel des gesamten Aztekenmövenbestandes ist verschwunden und eine der seltensten Meeresschildkrötenarten kämpft um ihr Überleben. Die meist gefangenen Fischarten der Region, wie der Red Snapper oder Thunfisch, sterben zudem zuhauf oder sind zumindest schwer belastet.

Zwar ist es heute weitaus weniger sichtbar als noch vor einigen Jahren, doch noch immer sind auch die Strände und Küsten der Golfregion mit Ölresten verunreinigt. Es wird geschätzt, dass sich weiterhin ganze drei Viertel des ausgetretenen Erdöls im Meerwasser des Golfs befinden. Es wurde weder verbrannt noch abgeschöpft. Der Plan: Es sollte mit Hilfe chemischer Zusätze durch den natürlichen Reinigungsprozess des Meeres bakteriell zersetzt werden.

Um den Prozess zu so weit wie möglich zu beschleunigen, wurde das chemische Lösungsmittel Corexit verwendet, das große Ölflecken in sehr viel kleinere Tröpfchen zersetzen sollte, um die bakterielle Reinigung zu vereinfachen und den natürlichen Selbstreinigungsprozess des Meeres zu unterstützen. Knapp sieben Millionen Liter der Chemikalien wurden per Flugzeug über dem betroffenen Gebieten verteilt – zum Leidwesen der Tier- und Pflanzenwelt des Golfs, denn für viele Meeresbewohner wirkt das Mittel giftig.

Doch wie nun herausgefunden wurde, war der Einsatz des Lösungsmittels nicht nur rikant, sondern für den natürlichen Abbau des Öls sogar äußerst hinderlich. Wie die Wissenschaftler der Universität in Georgia durch eine Simulation des Deepwater-Szenarios mit Wasserproben vom Meeresgrund des Golfs von Mexiko herausfanden, hatte der benutze Dispergator nicht den kleinsten positiven Effekt auf den Bestand der ölfressenden Mikroben.

Die Forscher verglichen die entsprechenden Wasserbecken im Labor, in denen sich entweder nur die Wasserproben aus dem Golf sowie hinzugegebenes Erdöl befanden oder das chemische Mittel Corexit hinzugefügt wurde. Das überraschende Ergebnis: Die effektivsten ölfressenden Mikroben, insbesondere die Art der Marinobacter, vermehren sich unter natürlichen Bedingungen deutlich rascher, als in der chemisch veränderten Umgebung. Im Corexit-Becken wurde zudem erkennbar, dass im Wasser mit dem Lösungsmittel eine andere Bakterienart deutlich besser gedieh, die Colwellia-Mikrobe. Diese verdrängte nicht nur die Ölfresser, sie interessiert sich zudem gar nicht für das Öl, sondern ernährt sich stattdessen viel lieber von dem hinzugegebenen Lösungsmittel.

Somit ist nun klar: Das chemische Lösungsmittel ist nicht nur wirkungslos für den schnelleren Abbau des Erdöls im Wasser, es ist dafür sogar äußerst hinderlich. Die natürliche Selbstreinigung des Meeres im Golf von Mexiko könnte durch die chemische Manipulation daher stark geschwächt worden sein, was erklären würde, wieso an den Küsten der Golfregion bis heute Überreste von Öl, Teer und Lösungsmittel zu finden sind. Es bleibt zu hoffen, dass der nun bekannte negative Effekt des Mittels nicht allzu lange anhält und das verbleibende Öl sich in den nächsten Jahren schneller zersetzen wird, als bisher und den Menschen, Tieren und Pflanzen der Region erlaubt, sich endlich von der ständigen Belastung durch die Verseuchung zu erholen.

 

Leave a Reply