Riesiger Gletscher in der Ostantarktis schmilzt

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Letzte Jahr erreichte uns die Nachricht, der westantarktische Eisschild werde zunehmend instabiler und drohe nun endgültig zu zerfallen. Der Meeresspiegel werde infolgedessen deutlich ansteigen. Nun wurde die nächste Hiobsbotschaft bekannt: Ein riesiger Gletscher in der Ostantarktis schmilzt aufgrund der globalen Erwärmung ebenfalls besorgniserregend schnell. Zusammen mit dem Zerfall des westantarktischen Eisschilds könnte das zu einer Erhöhung des Meeresspiegels um mehr als sechs Meter führen. Damit werden große Teile der heutigen Landmassen für immer von der Landkarte verschwinden – Millionen Menschen und Tiere drohen heimatlos zu werden.

Vergangenes Jahr hatten Klimatologen bekanntgegeben, dass der westantarktische Eisschild seinen Kipppunkt überschritten habe. Das heißt, er sei in Folge immer wärmerer Temperaturen so instabil geworden, dass er langsam aber unaufhaltsam zerfalle. US-Medien nannten es einen „holy shit moment of global warming“. Der deutsche Klimatologe und Antarktisexperte Anders Levermann bezeichnete es vor kurzem gar als den Moment, in dem der Planet in eine neue Ära eingetreten sei. Denn klar ist: Durch das nicht aufzuhaltende Auftauen der gewaltigen Eis und Schneemassen in der Westantarktis wird sich der Meeresspiegel deutlich erhöhen und das Meer weite Teile der heutigen Landmassen einfordern.

Wissenschaftler gehen mittlerweile davon aus, dass allein die Eisschmelze in der Westantarktis dafür sorgen wird, dass sich der Meeresspiegel um etwa drei Meter erhöht. Das allein reicht bereits aus, um viele Küstenstädte innerhalb der nächsten Jahrhunderte von den Landkarten auszuradieren. Für Inselparadiese wie die Malediven würde das Ende jedoch wahrscheinlich bereits wesentlich früher kommen.

Das Verrückte ist: Die Nachricht, dass die menschengemachte globale Erwärmung die Eisschilde zerstören könnte, trifft uns keinesfalls unerwartet. Bereits 1978 warnte der US-Forscher John Mercer vor den Folgen der sorglosen Verbrennung fossiler Rohstoffe. In seinem Aufsatz „West Antarctic ice sheet and CO2 greenhouse effect: a threat of disaster“ in der Fachzeitschrift Nature schrieb er: „Der Verlust des westantarktischen Eisschildes wäre wahrscheinlich die erste desaströse Folge der weiteren Nutzung fossiler Brennstoffe“.

Eine Folge, die nun endgültig eingetreten ist und die leider nicht nur den westantarktischen Eisschild zu betreffen scheint. Denn Forscher haben in den letzten Jahren beobachtet, dass auch der Totten-Gletscher, einer der größten Gletscher der Ostantarktis beunruhigend schnell zu schmelzen scheint. Zuletzt lag die Ausdünnungsrate des Gletschers bei etwa 25 Zentimeter im Jahr, und dass, obwohl der Eisschild in der Ostantarktis zuvor eigentlich als stabil galt. Doch seit 2006 wissen wir: auch dort schmilzt das Eis. Bislang war jedoch nicht klar, warum gerade das Eis am Totten-Gletscher so rasch auftaut.

Forscher des Austin’s Institute for Geophysics (UTIG) der University of Texas haben sich nun mit dem Phänomen beschäftigt. Des Rätsels Lösung brachte eine Reihe von Forschungsflügen über dem riesigen Gletscher, bei denen Messungen mithilfe eines speziellen Radars durchgeführt wurden. Dabei fanden die Forscher zwei unterseeische „Einfallstraßen“, in denen wärmeres Meerwasser unter den Gletscher fließt. Der Hauptautor der im Fachjournal „Nature Geoscience“ veröffentlichten Studie, Geophysiker Jamin Greenbaum, sagte dazu: „Jetzt wissen wir, dass es Einfallstraßen für das wärmste Wasser der Ostantarktis hin zu den empfindlichsten Abschnitten des Totten-Gletschers gibt.“

Bis dahin war nicht bekannt gewesen, dass der Gletscher nicht auf einer Landmasse ruht, sondern eigentlich über Meerwasser liegt. Glaziologen bezeichnen dies als „Aufschwimmen“. Außerdem wurde dadurch nachgewiesen, dass – ähnlich wie beim westantarktischen Eisschild – die steigenden Meerestemperaturen für das rasch schmelzende Eis in der Ostantarktis verantwortlich sind. „Jetzt wissen wir, dass das Eis in einem Teil des Gletschers schmilzt, den wir zuvor als vom Meer abgeschnitten betrachtet hatten“, so Greenbaum. „Dieses Wissen wird uns dabei helfen, die Schmelzraten besser zu bestimmen und genauere Prognosen über den künftigen Gletscher-Rückgang zu treffen.“

Der Co-Autor der Studie, UTIG Forscher Donald Blankenship, sagte, damit sei grundsätzlich erwiesen worden, dass sich die unterseeischen Becken in Ost- und Westantarktis relativ ähnlich verhielten und dass das warme Meerwasser, was den westantarktischen Eisschild so sehr beeinflusse, auch in der die Ostantarktis eine Rolle spiele.

Sollte sich die Eisschmelze am Totten-Gletscher in diesem Tempo fortsetzen, wird der Eisverlust bald unumkehrbar sein und der Gletscher früher oder später völlig zerfallen, befürchten die Forscher. Der Gletscher enthält in etwa genauso viel Eis wie das westantarktische Eisschild. Demnach würde auch der völlig geschmolzene Totten-Gletscher den Meeresspiegel um etwas mehr als drei Meter ansteigen lassen. Addiert man das du der Prognose für den westantarktischen Eisschild, kommt man auf eine Erhöhung von mehr sechs Metern.

Für die meisten Küstenstädte und Länder wie Holland und Hawaii würde das früher oder später die völlige Überflutung bedeuten. Auch wenn das Tauen der gewaltigen Eismassen nach Ansicht von Experten noch Jahrhunderte dauern könnte, früher oder später würde die Menschheit, für die es heute schon immer weniger Platz auf dem Planeten gibt, vor einem gewaltigen Problem stehen. Für viele Lebewesen jedoch wird die rasche Eisschmelze wohl schon viel früher das Ende bedeuten.

 

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