NABU: Zu viel Schweröl, zu wenig Abgastechnik

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NABU - Kreuzfahrt-Ranking 2015
NABU - Kreuzfahrt-Ranking 2015

Wie schädlich sind Kreuzfahrtschiffe für die Umwelt, die menschliche Gesundheit und das Klima? Welche Maßnahmen zum Umweltschutz ergreifen die großen Reedereien? Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) hat wie jedes Jahr die europäischen Kreuzfahrschiffe hinsichtlich ihrer Umweltfreund-lichkeit untersucht und bewertet. Das Ergebnis: Auch wenn mittlerweile einige Anbieter Umwelt, Klima und Gesundheit höhere Priorität einräumen, gibt es noch immer große Defizite. Es müsse deutlich mehr getan werden, und das möglichst schnell, lautet deshalb das Urteil. Die Kreuzfahrt-Branche teilte mit, die Kritik des NABU sei überzogen, die Bewertungskriterien nicht immer angemessen.

Kreuzfahrten erfreuen sich unter den deutschen Urlaubern großer Beliebtheit. So leisteten sich allein im Jahr 2014 fast 2.2 Millionen deutsche Urlauber eine Fahrt auf einem der großen Luxusdampfer. Ob Wellness, Entspannung oder Action – für die meisten ist so eine Reise eine außergewöhnlich Erfahrung. Doch für das Vergnügen einer Kreuzfahrt zahlen nicht nur die Urlauber selbst einen hohen Preis – auch für die Umwelt sind die Schiffe eine extreme Belastung. Ein einziges modernes Kreuzfahrtschiff stößt täglich rund 450 Kilogramm Rußpartikel, 5.250 Kilogramm Stickoxide und 7.500 Kilogramm Schwefeldioxide aus. Zu diesem Ergebnis kam der Naturschutzbund Deutschland bei seiner alljährlichen Umwelt-Bewertung der großen europäischen Kreuzfahrtschiffe im Jahr 2013. Dabei untersuchte der NABU 20 der bis 2016 vom Stapel laufenden Kreuzfahrtschiffe hinsichtlich Abgastechnik und den Auswirkungen auf Klima, Umwelt und Gesundheit.

Die Luftschadstoffbelastung, die von den untersuchten 20 Kreuzfahrtschiffen ausgeht, entspreche insgesamt derjenigen von rund 120 Millionen modernen Pkw, so das Ergebnis damals. Neben der Belastung für die Umwelt und das Klima sei auch die Gesundheit der Menschen durch die Schiffe gefährdet, warnten Experten. Rußpartikel aus Dieselmotoren seien mit der Giftigkeit von Asbest gleichzusetzen. Zudem würden die Schiffe noch immer mit Schweröl betrieben, das eine ganze Reihe giftiger Substanzen enthalte. „Aus gesundheitlichen Gründen ist zurzeit auf keinem einzigen Kreuzfahrtschiff Urlaub ratsam“, so Axel Friedrich, ein Experte für Luftreinhaltung damals. Kein gutes Resultat für die Reedereien, trotz großer Werbekampagnen, in denen sie ankündigten, künftig mehr für den Umweltschutz und die Verringerung der Schadstoffemissionen unternehmen zu wollen.

Wie sieht es nun, zwei Jahre später aus? Haben die führenden Anbieter Hapag Lloyd, TUI, AIDA und Co. Worten Taten folgen lassen und die Umweltfreundlichkeit ihrer Schiffe verbessert? Das hat der NABU auch dieses Jahr analysiert und anhand der Daten das NABU Kreuzfahrt-Ranking 2015 erstellt. Dafür wurden die neu geplanten Schiffe bis 2020 untersucht. Das Ergebnis zeigt, dass sich zwar einiges getan hat in puncto Umweltschutz – allerdings bei weitem nicht genug, wie der NABU findet. So würden die Schiffe der führenden Anbieter zwar sauberer, doch noch immer seien zu wenig mit umweltfreundlicher Abgastechnik unterwegs.

Positive Worte fanden Vertreter des NABU für die Ankündigung der Anbieter Costa Cruises und AIDA, für ihre neuesten Schiffe erstmals komplett auf Schweröl verzichten zu wollen. Stattdessen sollen sie mit wesentlich umweltfreundlicherem Flüssiggas (LNG) betrieben werden. Diese Schiffe hätten „weltweiten Vorbildcharakter für die Seeschifffahrt“, schreibt der NABU. Scharf kritisierten die Umweltschützer hingegen die Anbieter Royal Caribbean und MSC, die sich nach wie vor gegen den Einsatz umweltfreundlicher Technologien sperren würden.

„Spätestens jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen“, sagt NABU Bundesgeschäftsführer Leif Miller. „Wer heute noch die Investitionen in Abgastechnik und höherwertigen Kraftstoff scheut, handelt absolut fahrlässig. Es kann nicht sein, dass weite Teile der Industrie ein gutes Geschäft auf Kosten von Umwelt, Klima und menschlicher Gesundheit machen und sich wegducken, wenn es um die Übernahme von Verantwortung geht.“

An der Spitze des Rankings liegt, wie im Vorjahr, der Anbieter AIDA. Noch vor zwei Jahren bildete der Reeder eines der Schlusslichter der Rangliste. AIDA reagierte und kündigte an, bis 2016 rund 100 Millionen Euro in Umwelttechnik investieren zu wollen. Das hat sich offenbar ausgezahlt. AIDA mache klare Fortschritte beim Umweltschutz und rüste auch seine älteren Schiffe nach. Auch TUI Cruises rüste seine Schiffe zunehmend mit Rußpartikelfiltern und Katalysatoren aus. Kritisiert wurde jedoch, dass alle Anbieter außer AIDA und Costa Cruises weiter auf Schweröl als Kraftstoff setzen und nur neue Abgastechnik einsetzen würden, wenn sie gesetzlich dazu gezwungen werden.

Aus Sicht des NABU muss die Schifffahrt insgesamt weg vom Schweröl, das nicht nur zum massiven Ausstoß von Luftschadstoffen führt, sondern im Falle von Havarien auch Umweltkatastrophen gewaltigen Ausmaßes verursachen kann. Zudem sei es wichtig, in Landstromkabel zu investieren, damit die Schiffe im Hafen mit Strom statt mit Diesel betrieben werden könnten. Diese Kabel seien bei allen Schiffen nach wie vor Mangelware.

Vor allem die Schlusslichter des diesjährigen Rankings kritisierte der NABU scharf. MSC Cruises, Royal Caribbean, Viking Ocean oder Norwegian Cruises sähen trotz massiver Umweltauswirkungen keinerlei Veranlassung, ihre Neubauten mit Systemen zur Abgasreinigung auszurüsten oder auf schwefelarmen Kraftstoff umzusteigen.

Die Anbieter selbst wollten sich bisher nicht zum NABU-Ranking äußern. Helge Grammersdorf, Deutschland-Chef des Kreuzfahrt-Branchenverband CLIA sagte zur NABU-Studie: Schiffe auf umweltfreundliche Abgastechnologien umzurüsten sei „eine Riesenaktion“. Es werde bereits viel für den Umweltschutz getan, doch das gehe nicht von heute auf morgen. Vom NABU fordert er „nach fairen Kriterien zu beurteilen und wissenschaftlich anerkannte Standards zu beachten.“

Quelle: Deutschlandfunk

 

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