Millionen-Schwindel beim Emissionshandel aufgedeckt

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Emissionsrechtehandel und Treibhausgasemissionen
Emissionsrechtehandel und Treibhausgasemissionen

Der internationale Emissionsrechtehandel wurde geschaffen, damit sich die Nationen gegenseitig bei der Verringerung klimaschädliche Gase und im Kampf gegen den Klimawandel unterstützen können. Doch das System ist offenbar von einigen osteuropäischen Staaten und Unternehmen massiv missbraucht worden. Indem sie die eigenen Emissionen bewusst erhöht und anschließend wieder verringert haben, erhielten die betreffenden Firmen mehr CO2-Zertifikate und machten mit dem anschließenden Verkauf ein Millionengeschäft auf Kosten des Klimaschutzes. Das berichtete gestern das Stockholm Environment Institute (SEI) im Wissenschaftsmagazin „Nature Climate Change“.

Es ist eine erschreckend simple und dreiste Masche, mit der der russische Kunststoffhersteller „Halo Polymer“ Millionen durch eine Schwachstelle beim internationalen Emissionsrechtehandel verdient haben soll: Durch ein Klimaschutzprojekt zur Verringerung der Klimakiller SF6 und HFC 23 – zwei Treibhausgase, die in der Kunststoffherstellung als Abfallprodukt anfallen – hat das Unternehmen russische CO2-Zertifikate erworben. Bis hierhin eigentlich nichts besonderes. Auffällig ist jedoch, dass Halo Polymer den Ausstoß der beiden Gase innerhalb eines Jahres um das siebenfache verringern konnte. Möglicherweise einfach ein Unternehmen, das sich um das Klima sorgt und deshalb in schonende Technologien investiert hat? Leider weit gefehlt. Die mutmaßliche Einsparung erreichte „Klimaheld“ Halo Polymer auf ganz andere Weise:

Zunächst steigerte der Kunststoffhersteller den Ausstoß der klimaschädlichen Gase massiv, wahrscheinlich, indem die Produktion bewusst ineffizient betrieben wurde. Das heißt, es wurde absichtlich deutlich mehr SF6 und HFC 23 emittiert als zuvor. Dann wurden die Emissionen wieder auf das vorherige Level reduziert. Für dieses „Klimaschutzprojekt“, also die vermeidliche „Einsparung“ von Treibhausgasen, wurde Halo Polymer, wie es der internationale Emissionsrechtehandel vorsieht, mit CO2-Zertifikaten belohnt. Diese verkaufte die Firma anschließend gewinnbringend nach Europa – und kassierte Millionen unter dem Deckmantel des Klimaschutzes. Viele der Verschmutzungsrechte sollen dabei auch an deutsche Firmen gegangen sein, die in dem Glauben handelten, ihren eigenen Emissionsausstoß durch den Kauf zu kompensieren.

Die Süddeutsche Zeitung schrieb, Halo Polymer habe den Gewinn ganz offiziell transparent gemacht: Die Umsätze seien zuletzt um 73 Prozent gestiegen, auch wegen „der Umsetzung von Vorgaben des Kyoto-Protokolls“, berichtete das Unternehmen im September 2012. 40 Prozent dieses Umsatzes – fast 200 Millionen Dollar – sind jedoch nicht durch einen erhöhten Kunststoff-Absatz, sondern durch den Zertifikate-Trick generiert worden.

Mit anderen Worten: Der Kunststoffhersteller hat durch die gezielte Freisetzung klimaschädlicher Gase Millionen verdient und sich gleichzeitig als Klimaschützer verkauft. Und Halo Polymer ist leider kein Einzelfall. Auch andere Firmen in Russland sollen sich durch die absichtliche Erhöhung und anschließende „Vermeidung“ von Emissionen bereichert haben. Besonders besorgniserregend ist dabei, dass der Zertifikate-Trick laut Recherchen des WDR und der SZ von hohen russischen Regierungskreisen gedeckt oder sogar erst möglich gemacht wurde.

So habe ein Dekret des russischen Präsidenten Wladimir Putin die Sberbank, Russlands größtes Bankinstitut, mit der Vorauswahl und der Abwicklung der Klimaschutzprojekte beauftragt. Die ausgewählten Projekte wurden dann ohne weiter Prüfung vom Ministerium durchgewunken, schreibt die SZ unter Berufung auf einen anonymen Informanten. Darunter auch das „Klimaschutzprojekt“ von Halo Polymer.

Aufgedeckt wurde das schmutzige Geschäftsmodell durch eine neue Studie des Stockholm Environment Institute (SEI), die gestern im Wissenschaftsmagazin „Nature Climate Change“ veröffentlicht wurde. Studienautor Lambert Schneider ist sich sicher, dass die dubiose Praktik in Osteuropa jahrelang betreiben wurde. Für die Unternehmen sei der Zertifikate-Trick im Grunde wie Gelddrucken. „Es ging darum, Profite zu machen, und das auf Kosten des Klimas“, zitiert die SZ Schneider. Erst 2013, mit dem Ausstieg Russlands aus dem Koyoto-Protokoll, war es vorbei mit der Lizenz zum Gelddrucken. Den Handel mit HFC-23-Zertifikaten hatte die EU jedoch bereits zuvor unterbunden.

Ausgenutzt haben die betreffenden Unternehmen den sogenannte Joint Implementation-Mechanismus (JI-Mechanismus) der UN-Rahmenkonvention. Dieser im Koyoto-Protokoll festgelegte Mechanismus erlaubt es zwei Industrienationen, sich im Rahmen des internationalen Emissionsrechtehandels beim Kampf gegen den Klimawandel gegenseitig zu unterstützen.

In der Theorie funktioniert das so: Wird in klimafreundliche Technologien oder andere Klimaschutzprojekte investiert und so Treibhausgase eingespart, bekommen die betreffenden Unternehmen CO2-Zertifikate, sogenannte Verschmutzungsrechte. Diese Zertifikate können dann gewinnbringend an andere Unternehmen weiterverkauft werden, beispielsweise, damit diese EU-Klimarichtlinien einhalten können. Dadurch sollte Klimaschutz effizienter, kostengünstiger und somit attraktiver werden, so zumindest erhofften es sich die Urheber des Kyoto-Protokolls.

Doch die Realität sieht anders aus: Vor allem Russland und die Ukraine haben einen hohen Zertifikatsüberschuss, viel mehr als sie jemals selbst an CO2 ausstoßen würden. Diese Staaten führten daher zahlreiche Projekte unter der Joint Implementation durch, die nicht oder nur sehr gering zur Reduktion von Treibhausgasemissionen beitrugen – oder durch die im schlimmsten Fall sogar Treibhausgase zusätzlich verursacht werden, wie im Fall Halo Polymer. Auch in der Ukraine existieren zahlreiche JI-Projekte, durch die nur theoretisch CO2 eingespart würde, die jedoch in der Praxis keinerlei Nutzen für den Klimaschutz haben. Da diese Zertifikate dennoch an andere Nationen verkauft werden, die damit vermeintlich Treibhausgase kompensieren können, verursachen die JI-Projekte tatsächlich mehr Emissionen als ohne den Mechanismus, so das Ergebnis der SEI-Studie.

Das SEI kommt zu dem Schluss, dass rund drei Viertel der im Rahmen des JI-Mechansimus aus-gegebenen Zertifikate letztendlich zu höheren Emissionen geführt haben. Insgesamt könnten dadurch rund 600 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich verursacht worden sein, glauben die Studienautoren. Und das sei nur eine vorsichtige Schätzung, sagt Schneider, da nur rund 10 Prozent aller JI-Projekte im Rahmen der Studie genauer untersucht worden seien. Anja Kollmuss, die ebenfalls an der Studie beteiligt war, fordert die EU dringend dazu auf, eine entsprechende Menge Emissionszertifikate im Europäischen Emissionshandel zu löschen.

Experten fordern, den Emissionsrechtehandel im Weltklimavertrag, der im Dezember in Paris beschlossen werden soll, strenger zu regeln. Die Staaten dürften nicht länger im Alleingang entscheiden, welche Klimaschutzprojekte durchgeführt werden. Die Projekte und deren Auswahl müssten künftig unter internationaler Kontrolle stehen. „Es ist extrem wichtig für ein neues Abkommen, dass man diese Fehler nicht wiederholt“, sagt auch Schneider.

Quelle: Süddeutsche Zeitung / Deutscher Naturschutzring

 

One Response

  1. Petr

    26. August 2015 16:26

    Ich finde diesen ganzen Emissionshandel genauso beschissen wie eine Börse 🙁
    Es reinster beschiss, Geld wird hin und her geschmissen.
    Die sollten das abschaffen und Konsequent sagen, jedes Land soll den CO2 Wert Jahr um Jahr verringern und wenn es ein Plus gibt, dann werden Sanktionen verhängt, ende.
    Man könnte alles so einfach schnell lösen, aber nein, es muss immer was mit Geld zu tun haben.

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