Milliarden-Flop: Shell stoppt umstrittene Arktis-Bohrungen

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Probebohrungen in der Tschuktschensee
Probebohrungen in der Tschuktschensee

Es war eine der umstrittensten Entscheidungen der Regierung Obama in der letzten Zeit: Erst vor gut einem Monat erteilte der US-Präsident dem Ölkonzern Shell die endgültige Erlaubnis, im arktischen Nordpolarmeer – einem der letzten weitgehend unberührten Ökosysteme der Erde – nach Öl- und Gasvorkommen suchen zu dürfen. Die Genehmigung löste weltweit heftige Proteste bei Klima- und Umweltschützern aus. Jetzt hat sich das Problem überraschend von selbst erledigt: Shell hat die Probebohrungen eingestellt, die Bohrlöcher versiegelt und verlässt die Region – offenbar, ohne die Absicht zurückzukehren. Umweltschützer feiern die Nachricht als einen großen Sieg.

Das Nordpolarmeer in der Arktis steht für Abgeschiedenheit, unberührte Natur, seltene und gefährdete Tierarten und eisige Kälte. Eines der letzten vom Menschen weitgehend unberührten, intakten Ökosysteme der Erde. Und es steht für gewaltige, bislang noch nicht erschlossene Öl- und Gasvorkommen. Das zumindest ließen Schätzungen erwarten. Experten vermuten dort bis zu einem Fünftel der noch vorhandenen, aber bisher nicht lokalisierten  Öl- und Gasreserven der Welt. Kein Wunder also, dass die fossile Energiebranche seit Jahren ein Auge auf die Region geworfen hat, versprach die Ausbeutung dieser Rohstoffe doch ein Milliardengeschäft.

Umweltschützer hingegen warnten immer wieder eindringlich, die Gefahr, dass es bei den Bohrungen in der Tschuktschensee zu einer verheerenden Katastrophe komme, sei einfach zu groß. Das Gebiet liegt fernab von den Routen anderer Schiffe und den nächsten größeren Siedlungen. Auch sei das Nordpolarmeer zu stürmisch, Unfälle seien dort vorprogrammiert. Auf austretendes Öl könne nicht schnell genaug reagiert werden, eine Ölpest würde das Ökosystem vielleicht irreparabel beschädigen, so die Befürchtung.

Doch die Erdöl-Lobby ließ sich von den Warnungen nicht beeindrucken, der lockende Gewinn war offenbar zu verführerisch. Daher legten die Gegner des Projekts ihre Hoffnungen in Barack Obama. Bereits mehrfach hatte der US-Präsident gegen potenziell umweltschädliche Projekte interveniert, beispielsweise beim geplanten Bau der Mega-Pipeline „Keystone XL“ quer durch die USA. Doch leider zeichnete sich schnell ab, dass Obama die Bohrungen in der Arktis – völlig entgegen seinem sonstigen umwelt- und klimapolitischen Kurs, erlauben würde. Der US-Präsident selbst verteidigte seine Haltung: Solange die USA noch auf fossile Energien angewiesen sei, sei es besser, diese Ressourcen mithilfe inländischer Quellen zu decken als durch teure Importe aus dem Ausland (CEP berichtete).

Im Auguste erteilte er dem Ölkonzern Shell schließlich die endgültige Genehmigung, in der Tschuktschensee Probebohrungen einzuleiten. Shell stand dazu bereits seit Monaten in den Startlöchern, man war mit einer ganzen Flotte inklusive Eisbrecher und mehrerer Helikopter in die Region gereist – lange bevor endgültig grünes Licht gegeben wurde. Ein klares Zeichen dafür, wie wichtig Shell das Projekt war und wie viel sich der Konzern davon versprach. Dann wurde es für gut einen Monat still um das Bohrprojekt – das Interesse der Medien nahm ab, und die Welt schien sich damit abgefunden zu haben, dass die fossile Energiebranche wieder einmal einen Sieg zu Lasten des Klimas und der Umwelt errungen hatte. Die umstrittene Ausbeutung des Nordpolarmeers und seiner mutmaßlich gewaltigen Vorräte fossiler Rohstoffe schien beschlossene Sache.

Doch die freudige Mitteilung Shells, man sei auf die vermuteten Vorkommen gestoßen, blieb aus – bis vergangenes Wochenende dann doch eine Nachricht kam. Doch die fiel ganz anders aus als erwartet: Völlig überraschend beendet Shell das umstrittene Bohrprojekt, versiegelt die Bohrlöcher und verlässt die Arktis – ohne die Absicht auf absehbare Zeit zurückzukehren. Die bisherigen Funde von Öl und Gas seien wieder Erwarten enttäuschend gewesen, teilte der Konzern in einer Pressemeldung mit. Zudem sei die Ausbeutung der Vorkommen angesichts des stark gesunkenen Ölpreises langfristig nicht rentabel.

Shell-Chef Ben van Beurden, der noch zu Beginn der Test-Bohrungen davon schwärmte, wie groß das Potenzial sei, dass sich dem Ölkonzern in der Region biete, muss nun die vermutlich schwerste Niederlage seiner Karriere einstecken: Shell teilte mit, dass allein der Stopp des vermeidlichen Milliardenprojekts voraussichtlich rund drei Milliarden US-Dollar verschlingen wird. Shell warnte die Anleger am Montag, dass darauf Abschreibungen vorgenommen werden müssten. Analysten der Deutschen Bank gehen davon aus, dass die Gesamtkosten des Arktis-Flops bei fast neun Milliarden US-Dollar liegen werden.

Indes feiern Umwelt- und Klimaschützer auf der ganzen Welt die Nachricht als einen großen Sieg. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace ju-belte: „Shell gibt auf“. Die Entscheidung zeige, die Ölbohrungen in der Arktis seien nicht nur klimapolitisch unverantwortlich, sondern auch wirtschaftlich untragbar. „Shells Rückzug ist gleichzeitig ein deutliches Signal an alle anderen Ölkonzerne, die Finger von der Arktis zu lassen“, sagt Larissa Bäumer, Greenpeace-Expertin für die Arktis.

„Der Shell-Konzern hat viel aufs Spiel gesetzt und viel verloren, finanziell, aber auch an Ansehen“, sagte Kumi Naidoo, Geschäftsführer von Greenpeace International. „Die Arktispläne wurden zum umstrittensten Ölprojekt der Welt, und trotz des riesigen Aufwands war Shell am Ende gezwungen, mit leeren Händen wieder abzuziehen.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine / Greenpeace

 

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