Mexiko: Privatisierung der Wasserversorgung

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Mexikos Wasserversorgung ist auf einem armseligen Niveau. Insbesondere die Bewohner Mexiko-Citys leiden unter der katastrophalen Lage. Das Wasser ist nicht trinkbar, wenn es überhaupt fließt. In einigen Teilen der Stadt ist die Versorgung ohnehin nur durch die Nutzung von Tanklastwagen möglich. Die Regierung ist seit Jahrzehnten nicht fähig, die Situation zu bessern. Die Privatisierung der Wasserversorgung soll’s nun richten, ist aber bisher am Protest der Bevölkerung gescheitert. Das könnte sich bald ändern.

Eine gute Wasserversorgung gehört zu den essentiellsten Grundlagen für eine moderne, urbane Gesellschaft. Befindet man sich in Yuguelito, einem armen Randbezirk des Stadtteils Iztapalapa in Mexiko-City, sieht man dies auf den ersten Blick ganz deutlich. Große, bunt gefärbte Fässer reihen sich entlang der engen Straßen. Sie gehören den Familien und Hausgemeinschaften. Sie sind die einzige Möglichkeit der Bevölkerung, regelmäßig an frisches Wasser zu gelangen. Das Wasser für den täglichen Gebrauch kommt hier nämlich nicht aus dem Hahn, sondern wird von routinemäßig verkehrenden Tanklastwagen antransportiert, die einmal täglich die bunten Fässer füllen. Man muss kein Experte sein, um verstehen zu können, dass diese Form der Versorgung nicht nur sehr ineffizient und teuer, sondern auch nicht ausreichend für die durchschnittlich am Tag benötigte Menge Wasser ist.

Yuguelito ist einer der Extremfälle, jedoch bei weitem keine Ausnahme. Greater Mexico City, das stark bewohnte Gebiet in und um Mexiko-City herum, ist die Heimat von über 19 Millionen Menschen, jeder einzelne mit Bedarf an ausreichend sauberem Wasser, doch die Regierung hat massive Probleme, die Versorgung der riesigen Zahl an Menschen sicherzustellen. Während in Vierteln wie Yuguelito oft gar keine funktionierende Wasserinfrastruktur vorhanden ist, können auch die meisten Bewohner der angeschlossenen Bereiche kein Wasser aus der Leitung trinken – entweder, weil es zu schmutzig ist, oder weil einfach keines aus dem Hahn kommt.

Kaum verwunderlich. Ungefähr ein Drittel des gesamten Wassers, das in den alten Rohren unter der Stadt herumfließt, geht verloren. Es sickert einfach durch die zahllosen Lecks der veralteten Leitungen. Das entspricht einer Menge von über 3000 Litern pro Sekunde. Das Wasser, das es schließlich bis zum Verbraucher schafft, ist meist bereits bakteriell kontaminiert und kann bei großen Mengen bisweilen sogar tödlich sein. Das ist nicht nur ein Problem für die Verbraucher, die unfassbare Menge an verschwendetem Wasser ist erschreckend. Dabei ist Mexiko-City die Stadt mit dem weltweit größten Wasserbedarf überhaupt. Ein wahrer Alptraum für jeden, der sich um die Nachhaltigkeit unserer globalen Wasserversorgung sorgt. Die Kombination aus der schlechten Versorgungslage und dem hohen Bedarf macht Mexiko-City zudem zum globalen Spitzenreiter im Verbrauch von Wasser in Plastikflaschen. Das verursacht zusätzlich riesige Berge von Plastikmüll. 

Nach dem „Mexican Miracle“, dem Wirtschaftsboom, der von den 1940ern bis zu den 1970ern reichte, hatte sich die mexikanische Bevölkerung bis zu den 1980ern mehr als verdoppelt. Die neuen Metropolen, in denen sich der Großteil des Bevölkerungswachstums konzentrierte, allen voran Mexiko-City, waren dem rapide steigenden Wasserbedarf mit ihrer zurückgebliebenen Infrastruktur nicht gewachsen. Nach Jahrzehnten des Stillstands der staatlichen Problemlösung wurde nun ein Gesetz zur Privatisierung der Wasserversorgung vorgeschlagen, um endlich eine Verbesserung in die Wege zu leiten. Die Hoffnung: Der private Sektor wäre besser in der Lage, eine sicherere, günstigere und vor allem eine sauberere Wasserversorgung zu garantieren. Das Gesetzt wurde jedoch schnell mit landesweiten Protesten empfangen und deshalb zunächst auf Eis gelegt. 

Dies gibt Kritikern Zeit, auf die potenziell weitreichenden Folgen hinzuweisen. Die Privatisierung hat einen markanten Schönheitsfehler, wenn es sich um ein Allmendegut handelt. Um ein Gut, das im Normalfall von allen frei benutzbar ist und von dem man nur mit erheblichem Aufwand von der Nutzung ausgeschlossen werden kann. Diese Definition ist im Fall des Wassers für die Bewohner von Mexiko-City jedoch bereits äußerst fraglich. Da im privaten Sektor immer der Profit im Vordergrund steht, könnte die Situation nach einer erfolgreichen Privatisierung sogar noch deutlich schlimmer werden, wenn Preise steigen, Investitionen in die Infrastruktur ausbleiben und die Verschmutzung aufgrund der Begünstigung der Industrie zunimmt. Ein weiteres Risiko ist der immens hohe Wasserbedarf des in Mexiko scheinbar populär werdenden Fracking. Wenn das bereits knappe mexikanische Wasser in privaten Händen ist und die Fracking-Industrie sich ausbreitet, könnte es für die privaten Akteure lukrativer sein, priorisiert die Fracking-Betreiber zu beliefern, anstatt vorrangig die Bevölkerung zu versorgen.

Die Protestbewegungen sind bisher erfolgreich, die Privatisierung für den Moment zu stoppen. Sie hoffen, das offen stehende Gesetz letzten Endes zum Kippen bringen zu können. Allerdings steht diese Hoffnung auf äußerst wackligen Beinen. Zwar wurde das Gesetz vorerst zur Prüfung zurückgestellt, dies könnte jedoch eine direkte Folge der Zwischenwahlen im Juni gewesen sein und sich nur als taktischer Aufschub entpuppen. Kontroverse politische Entscheidungen werden in Mexiko so gut wie nie knapp vor den nächsten Wahlen getroffen. Sind diese aber erst einmal gewonnen, wie jetzt von der rechts-konservativen Koalition, wird öffentlicher Protest häufig ignoriert. Erst, wenn die Privatisierungsdebatte in Kürze wieder aufgenommen wird, wird sich endgültig abzeichnen, wer die Zukunft des mexikanischen Wasser in Händen hält. 

 

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