Mehr Tierschutz muss auch der Verbraucher tragen

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Tierschutz
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Seit Monaten werden immer wieder Forderungen von Tierschützern und Verbrauchern nach höheren Standards in der Massentierhaltung laut. Kritisiert wurden vor allem die „unmenschlichen“ Methoden in der Fleischwirtschaft und Eierindustrie. Doch viele deutsche Bauern fühlen sich hier zu Unrecht an den Pranger gestellt. Verbesserte Bedingungen für die Tiere kosten auch mehr Geld. Diese Mehrkosten müssten dann auf die Endverbraucher umgewälzt werden, sagen die Landwirte. Doch bei weitem nicht alle Konsumenten sind bereit, deutlich mehr für ihre tierischen Lebensmittel auszugeben.

In den vergangenen Monaten wurden vor allem die Bedingungen, unter denen Tiere in der Fleischwirtschaft zu leiden haben und die Praktiken in der Legehennenproduktion aufs Schärfste kritisiert. Und das mit Sicherheit nicht immer zu Unrecht. So müssen beispielsweise allein in Deutschland jährlich rund 50 Millionen männliche Küken direkt nach dem Schlüpfen sterben, da sie für die Industrie keinen Wert haben. Nur die weiblichen und somit eierlegenden Küken haben einen Nutzen und ihre kleinen Brüder werden unter zum Teil schockierenden Bedingungen getötet, wie die Tierschutzorganisation PETA mit einem heimlich gefilmten Video aus einer Brüterei unter Beweis stellte. Tierschützer, Verbraucher und Politiker fordern daher eine Änderung im Tierschutzgesetz und ein baldiges Ende der Massentötung männlicher Küken.

Auch in der Fleischwirtschaft sieht es zum Teil nicht besser aus. Dort müssen viele Tiere unter katastrophalen Bedingungen leben und sterben. So zumindest das Bild, das bei immer mehr Verbrauchern entsteht. Und mit Sicherheit sind die Haltungsumstände in eigenen Fällen katastrophal, oft traurig und für viele Menschen unerträglich, doch sind sie auch ein Resultat der weltweit steigenden Nachfrage nach tierischen Erzeugnissen. Auf Fleisch verzichten wollen die wenigsten, aber Bio soll es sein, tiergerecht und dabei so günstig wie möglich. Ein Spagat, der die Branche vor ein Problem stellt. Das Bild von der idyllischen Tierhaltung auf großen Bauernhöfen mit frei laufenden Tieren ist allein aus wirtschaftlichen Gründen für die betreffenden Bauern und Tierzüchter weit entfernt von jeder Machbarkeit.

Dabei würden sich die meisten Landwirte deutlich bessere Bedingungen für ihre Tiere wünschen. Das zeigt auch die Initiative Tierwohl, die sich aus einem Verband von deutschen Einzelhandelsunternehmen wie unter anderem Aldi, Lidl, Rewe und Edeka zusammensetzt. Das Ziel der Initiative ist es, die Bedingungen, unter denen Nutztiere wie Schweine und Geflügel gehalten werden, zu verbessern. Dazu wurde – zunächst allerdings nur für die Schweinehaltung – ein Fonds gegründet, aus dem nun viele Landwirte Geld für die Verbesserung der Haltungsbedingungen ihrer Tiere ausbezahlt bekommen, beispielsweise für größere Ställe. In den Fonds zahlen die teilnehmenden Unternehmen seit Anfang 2015 für jedes verkaufte Kilo Fleisch oder Wurst vier Cent ein. (CEP berichtete)

Insgesamt hatten sich zum Ende der ersten Registrierungsphase fast 4700 deutsche Bauern für die „Initiative Tierwohl“ beworben. Zwar reicht der in diesem Jahr zur Verfügung stehende Fonds von 52 Millionen Euro zunächst nur für 2150 Züchter mit zusammen zwölf Millionen Schweinen, dennoch zeigt das große Interesse, dass viele Landwirte die Lebensbedingungen für ihre Tiere gerne anheben möchten. Das Problem dabei: Wer nicht in den Genuss finanzieller Unterstützung kommt, muss diese aus eigener Tasche bezahlen.

Tierschutz kostet Geld – das die Landwirte an anderer Stelle wieder rein holen müssen. Das Ergebnis ist, dass die Preise für die unter verbesserten Bedingungen gehaltenen Tiere bzw. deren Erzeugnisse deutlich ansteigen würden. Letztendlich müsste also der Verbraucher für die höheren Standards in der Nutztierhaltung bezahlen.

Sollten die Verbraucher bereit sein, diese Mehrkosten zu akzeptieren, könnten auch die Haltungsbedingungen weiter verbessert werden, sagt auch der deutsche Bauernverband. „Wir haben schon sehr, sehr hohe Standards“, versicherte Verbandspräsident Joachim Rukwied der Deutschen Presse-Agentur. „Aber das kostet natürlich alles Geld. Wenn darüber hinaus noch mehr gemacht werden soll, dann kann das nur umgesetzt werden, indem es auch einen höheren Preis für eine derartige Erzeugung gibt.“ Letzten Endes sei der Verbraucher in der Pflicht. „Mehr Tierwohl und noch mehr Tierwohl kann es nicht umsonst geben. Das ist schon wirtschaftlich nicht machbar.“

Vor dem Deutschen Bauerntag am 24. und 25. Juni in Erfurt beklagte Rukwied die zunehmende öffentliche Pauschalkritik an der Branche. „Das trifft die Landwirte ein Stück weit auch in ihrem Selbstverständnis, in ihrem Wertegefühl. Das belastet sie“, sagte er. Bei hohem Zeitaufwand und unternehmerischen Risiken hätten die Bauern aufgrund nationaler und EU-weiter Vorgaben in Sachen Umwelt- und Tierschutz bereits sehr hohe Standards einzuhalten. „Obwohl die Landwirte das umsetzen, obwohl sie viel arbeiten, engagiert sind, auch hervorragende Produkte herstellen, geraten wir immer stärker unter Druck“, kritisierte er.

Rukwied verwies darauf, dass sich längst vieles zum Besseren gewandelt habe. Moderne Kuh- und Schweineställe seien zum Beispiel gar kein Vergleich zu denen der 60er oder 70er Jahre – allein die Luft habe sich durch neue Filter und Umwälzungsanlagen deutlich verbessert. Aber alle Maßnahmen müssten immer auch ökonomisch Sinn machen. Sonst sähen sich Bauern gezwungen, ihre Betriebe aufzugeben, die Produktion wandere zu viel niedrigeren Standards ins Ausland ab.

Die neue „Initiative Tierwohl“ begrüßt der Verbandspräsident. In der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ forderte Rukwied Fastfood-Ketten wie McDonalds und Burger King auf, sich der Initiative anzuschließen. Derzeit fehlten im Jahr rund 60 Millionen Euro. McDonalds teilte mit: „Wir sind mit der Initiative Tierwohl bereits im Gespräch.“ Rukwied sagte den „Ruhr Nachrichten“, der Bauerntag stehe bewusst unter dem Motto „Veränderung gestalten“ und kündigte an: „Wir stellen uns der Debatte.“

Doch das Umdenken in der Tierhaltung und die Unterstützung für die Schaffung besserer Bedingungen für die Nutztiere muss auch vom Verbraucher ausgehen. Und gerade dort herrscht zum Teil eine uneinheitliche Haltung. So fordern zwar viele Menschen verbesserte Lebensbedingungen für die Tiere, würden allerdings dafür nur geringe Mehrkosten akzeptieren. Laut eines Gutachtens des wissenschaftlichen Beirats Agrarpolitik (WBA), würden zwar 70 Prozent der Verbraucher einen leichten Aufschlag auf die Preise akzeptieren, doch „einen Aufschlag von 100 Prozent, was heute für Biofleisch im Markt typisch ist, würde nur noch ein sehr geringer Anteil (6,2 %) der Verbraucher bezahlen,“ so heißt es im Gutachten. Für die Umsetzung eines deutlich besseren Tierschutzes, für den die Landwirte und Tierzüchter jährliche Mehrkosten in Höhe von drei bis fünf Milliarden Euro aufbringen müssten, wäre ein kleiner Aufschlag jedoch wahrscheinlich zu wenig. Die Anhebung der Verbraucherpreise müsste, abhängig vom Umfang der Tierschutzmaßnahmen, höher ausfallen, so das Fazit der Gutachter.

Quelle: dpa

 

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