Materialermüdung: Globales Problem der Atomkraftwerke

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Atomkraftwerke ein höheres Sicherheitsrisiko als angenommen?

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat gestern gewarnt, dass Atomkraftwerke auf der ganzen Welt möglicherweise ein höheres Sicherheitsrisiko darstellen als bislang angenommen. Denn in belgischen Atommeilern sind jetzt erneut tausende Risse an den einzelnen Reaktorblöcken festgestellt worden. Experten fürchten, es könnte sich dabei um ein bisher unbekanntes Phänomen der Materialermüdung handeln und warnen, die festgestellten Schäden könnten möglicherweise bedeuten, dass so etwas auch bei anderen Atomkraftwerken auftreten kann. Auch deutsche Atomkraftwerke könnten betroffen sein. Greenpeace fordert nun die genaue Überprüfung aller Atomreaktoren weltweit.

Bereits 2012 hatten Inspektoren bei der Überprüfung der beiden belgischen Atommeiler Doel 3 und Tihange 2 zum ersten Mal Risse in den Stahlkesseln in den Reaktorblöcken Eins und zwei entdeckt. Experten gingen damals davon aus, dass dies auf Fehler bei der Stahlherstellung zurückzuführen sein könnte. In den Stahldruckbehältern befindet sich das hochradioaktive Brennmaterial und der Reaktorkern. Deshalb dürfen diese Behälter auf keinen Fall brüchig oder gar undicht sein. Nach Entdeckung der Risse wurden die Atommeiler daher vorübergehend stillgelegt. Doch trotz der Risse und massiver Kritik wurden die Blöcke nach einem Jahr teilweise wieder hoch gefahren. Erst nach erneuten Zwischenfällen und Sicherheitsbedenken wurden die Atommeiler endgültig vom Netz genommen. Heute ist nur der Reaktorblock Doel 2 noch immer in Betrieb.

Nun wurden die beiden betroffenen Reaktorblöcke noch einmal inspiziert. Dabei fanden die Inspektoren erneut tausende neue Risse in dem Stahldruckbehältern. Das könnte ernsthafte Konsequenzen für hunderte Atommeiler auf der ganzen Welt zur Folge haben. Denn diese Risse könnten ein Indiz dafür sein, dass nicht wie zunächst angenommen ein Herstellungsfehler vorliegt, sondern der Stahl aufgrund von lang andauernder starker Bestrahlung brüchig geworden ist. Letztes Jahr wurde in einem Versuch baugleicher Stahl extremer nuklearer Bestrahlung ausgesetzt. Als Folge wurde eine deutliche Materialermüdung festgestellt.

Ob jedoch die dauerhafte starke Radioaktivität die wirkliche Ursache für die über 16.000 Risse an den beiden Reaktorblöcken ist, konnten Materialwissenschaftler bislang nicht bestätigen. Sie sagten lediglich, die Risse könnten auf ein bisher unbekanntes Phänomen der Materialermüdung zurückzuführen sein. Falls Materialermüdung tatsächlich der Grund ist, würde das ein hohes Sicherheitsrisiko auch für die anderen Atomkraftwerke der Erde darstellen, denn in vielen wird der gleiche Stahl verwendet, wie bei den beiden belgischen Atommeilern.

Greenpeace fordert daher dringend, das Problem ernst zu nehmen. Schon nach Bekanntwerden der ersten Risse vor zwei Jahren hätte es gründlichere Untersuchungen geben müssen. Heinz Smital, Kernphysiker und Atomexperte von Greenpeace sagte dazu, „Wie so oft bei Atomkraftwerken wurde die Tragweite des Problems offensichtlich verkannt. Es ist dringend notwendig, die Risse im Metall ernster zu nehmen als bisher und weltweit umfangreiche Untersuchungen durchzuführen.

Auch Jan Bens Direktor der „Federal Agency for Nuclear Control“ (FANC) zeigte sich besorgt über die Vermutung der Materialwissenschaftler. In einem Interview mit dem belgischen Fernsehen sagte er, das könne ein globales Problem der Atomkraftwerke sein. Die Lösung sei, weltweit umfangreiche Inspektionen in allen Atomkraftwerken durchzuführen.

Greenpeace fordert nun, sämtliche 439 Reaktoren in der ganzen Welt genau zu überprüfen, um festzustellen, ob wirklich Materialermüdung, die möglicherweise durch die extrem hohe, dauerhafte radioaktive Strahlung verursacht wird, die Ursache für die Risse in den Reaktorblöcken ist. Sollte sich dies bewahrheiten, steht die Atomindustrie vor einem großen Problem, denn dann müsste dringend eine Lösung gefunden werden, um die Sicherheit der Anlagen weiterhin zu gewährleisten. Andernfalls könnte vielen Atomkraftwerken möglicherweise die Zwangs – Abschaltung drohen.

 

One Response

  1. Martin Uffmann

    24. Februar 2015 19:38

    Die Wörter „Materialermüdung“ und „Atomkraftwerk“ in einem Satz machen mich merklich nervös. Manchmal birgt das Sprichwort: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ eine gewisse Wahrheit und Weisheit. In diesem Fall sollte man aber sehr genau hinsehen, denn sonst wird das Ganze vielleicht mal heißer als einem lieb ist.

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