Nach VW-Abgas-Betrug: Wer steckt noch mit drin?

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Luftverschmutzung - VW-Abgas-Skandal
Luftverschmutzung - VW-Abgas-Skandal

Der VW-Abgas-Skandal hat erschreckende Ausmaße angenommen. Elf Millionen Diesel-PKW sind mit der Ma-nipulations-Software ausgestattet, gibt VW zu. Den entscheidenden Tipp zur Entlarvung des Betrugs gab das International Council on Clean Transportation (ICCT). Die Or-ganisation befürchtet, dass auch andere Hersteller betroffen sein könnten. Bei einem einstündigen Abgastest unter Realbedingungen mit einem BMW X3 xDrive hat das ICCT sogar noch schlechtere Werte gemessen, als beim von der US-Umweltbehörde beanstandeten VW-Passat. Die Bundes-regierung macht jedoch keine Anstalten, außer den betreffenden Diesel-Modellen von VW/Audi auch andere Hersteller zu überprüfen. Dabei wusste sie offenbar von der Existenz der Manipulations-Software. 

VW hat erste personelle Konsequenzen aus dem millionenfachen Abgas-Betrug gezogen – Konzernchef Martin Winterkorn hat am Mittwoch seinen Rücktritt bekanntgegeben. Derzeit arbeitet der Autobauer mit Hochdruck daran, eine Liste mit allen betroffenen Fahrzeugen zu erstellen. Erst wenn diese vorliege, könne über eine mögliche Rückrufaktion entschieden werden, teilte VW mit.

Den Konzern erwarten wahrscheinlich Milliardenverluste in zweistelliger Höhe – auch private Personen in den USA und Kanada wollen VW auf Schadensersatz verklagen. Neusten Informationen des NDR und der Süddeutschen Zeitung zufolge sollen bereits 40 solcher Klagen eingereicht worden sein. Darin wird dem deutschen Autobauer Betrug, Vertragsbruch und weitere Gesetzesverstöße vorgeworfen.

Währenddessen wird weiter darüber spekuliert, wie viel die Bundesregierung von den Manipulationen mit den Abgaswerten gewusst hat. Der Grünen-Fraktionsvize Oliver Kirscher sagte am Mittwoch, er gehe davon aus, dass Verkehrsminister Dobrindt (CSU) über solche Vorgänge informiert war. Und tatsächlich scheint zumindest die Existenz einer Software, die erkennt, ob sich ein Fahrzeug auf dem Prüfstand befindet, und dann die Motorleistung drosselt, wohlbekannt gewesen zu sein. Auf eine Anfrage der Grünen vom 28. Juli zu diesem Thema antwortet die Bundesregierung, „das Konzept zur Verhinderung von Abschalteinrichtungen hat sich in der Praxis bislang nicht umfänglich bewährt“. Mit anderen Worten: Das Verkehrsministerium wusste, dass es solche Abschalteinrichtungen gibt, jedoch offenbar nicht, wie man deren Einsatz verhindern kann.

Dobrindt selbst versicherte jedoch, sein Haus habe nichts von der Manipulations-Software gewusst, er habe über den VW-Skandal wie jeder andere auch aus der Zeitung erfahren. Um den Skandal schnellstmöglich aufzuklären, soll das Kraftfahrt-Bundesamt in den nächsten Wochen alle beanstandeten VW/Audi-Dieselmodelle überprüfen – von den anderen VW/Audi-Modellen oder Diesel-PKW anderer Hersteller ist jedoch bislang keine Rede.

Die Bündnisgrünen fordern Dobrindt (CSU) jedoch dringend dazu auf, auch andere Autobauer zu überprüfen. „Er muss nicht nur gegen VW vorgehen. Im Interesse der Gesundheit der Bevölkerung muss er auch Modelle von anderen Herstellern prüfen lassen“, sagte die Vorsitzende des Umweltausschusses, Bärbel Höhn, gestern der „Saarbrücker Zeitung“. Auch sie wirft der Bundesregierung Mitwisserschaft bei der Manipulation der Autokonzerne in puncto Spritverbrauch und vor allem Abgaswerte vor. Doch die Regierung habe sich „vor die Autoindustrie gestellt und bewusst negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Bundesbürger in Kauf genommen“.

Tatsache ist, die Bundesregierung wusste von der Existenz einer Manipulations-Software, genauso wie von den in Deutschland stark überschrittenen Emissionshöchstgrenzen von Diesel-PKW. Die EU-Kommission hatte die Bundesregierung mehrfach per Mahnschreiben dazu aufgefordert, etwas gegen die hohe Belastung mit dem Dieselabgasgift Stickstoffdioxid in Deutschland zu unternehmen. Die Bundesregierung teilte der EU daraufhin mit, bereits seit Herbst 2014 belastbare Indizien zu haben, dass selbst moderne Euro-6-Diesel erheblich erhöhte reale Stickoxid-Emissionen aufwiesen. Messungen hätten Werte von mehr als dem sechsfachen des vorgeschriebenen Grenzwertes ergeben. Genauere Untersuchungen der in Deutschland zugelassenen Diesel-Fahrzeuge fanden jedoch nicht statt, trotz wiederholter Ermahnungen der EU.

Auch das ICCT, das den US-Behörden den entscheidenden Tipp gab, der den VW-Skandal ins Rollen brachte, befürchtet, dass der aufgedeckte Schwindel möglicherweise nur die Spitze des Eisberges sein könnte. Auffällig sei auch der Diesel-BMW X3 xDrive 20d. Das Fahrzeug habe bei einem einstündigen Straßentest des ICCT die europäische Abgasnorm (Euro-6-Grenzwert) um mehr als das 11-fache überschritten, wie das Magazin „Auto Bild“ heute mitteilte. Damit schneidet der Wagen sogar noch schlechter ab als der von der US-Umweltbehörde EPA beanstandete VW Passat. „Alle Messdaten deuten darauf hin, dass das kein VW-spezifisches Problem ist“, sagt Peter Mock vom ICCT.

„Ob auch andere Hersteller außer VW eine Schummel-Software nutzen, wird sich noch zeigen“, sagt Auto Bild-Mitarbeiter Benjamin Gehrs. Ein BMW-Sprecher versicherte jedoch auf Anfrage des Magazins: „Es gibt bei BMW keine Funktion zur Erkennung von Abgaszyklen. Alle Abgassysteme bleiben auch außerhalb des Abgaszyklus aktiv.“ Auch Auto Bild stellte noch einmal klar, es gebe bislang keine Indizien, dass BMW eine ähnliche Software einsetzen würde. Unklar ist jedoch, warum die EU-Abgasnorm beim getesteten X3 im Straßenverkehr dennoch derart überschritten wurde, offenbar ohne dass dies bei Abgastests auf dem Prüfstand erkannt bzw. beanstandet wurde. 

Quelle: Presseportal / WiWo Green / Die Welt / Heise Online 

Nachtrag der Redaktion vom 25.09.15:

In einer Stellungnahme vom 25.09.15 weist die Auto Bild noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass, so wörtlich: „aus dem kommunizierten Abgaswert für den BMW X3 xDrive 20d keinesfalls eine Manipulation oder das Vorhandensein einer Abschaltvorrichtung – wie bei VW – herauszulesen ist. Das bestätigt auch Peter Mock vom ICCT in einer erneuten Stellungnahme gegenüber AUTO BILD. Eine Manipulationsabsicht hatte AUTO BILD BMW auch nie unterstellt.“

 

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