Lebensmittelverschwendung: Der Wahnsinn in Zahlen

,

Lebensmittel
Lebensmittel

Von den weltweit produzierten Nahrungsmitteln könnten alle satt werden. Trotzdem hungern über 800 Millionen Menschen. Unter anderem, weil unglaubliche 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel jedes Jahr verschwendet werden. Der Gesamtschaden an der Gesellschaft, der durch diese unfassbare Vergeudung entsteht, beläuft sich Schätzungen zufolge auf etwa 2,6 Billionen US-Dollar – in etwa vier Prozent des globalen Bruttosozialprodukts.

Wir leben, ohne dass die meisten von uns sich dessen bewusst sind, in einer Wegwerfgesellschaft. Der tägliche Konsumwahn macht auch vor unseren Lebensmitteln nicht halt – im Gegenteil: Gerade dort zeigt sich besonders, in was für einer kranken Gesellschaft wir Menschen aus den reichen Industrienationen heute eigentlich leben. Wir kochen zu viel und schmeißen übriges Essen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, in den Abfall. Vor allem in Großküchen und Kantinen landen so jeden Tag tausende Kilo gutes Essen auf dem Müll.

Ist das Mindesthaltbarkeitsdatum eines Jogurt nur einen Tag überschritten, wandert es bei den meisten ohne einen weiteren Gedanken in den Mülleimer. So auch in Supermärkten. In Abfallcontainern in Hinterhöfen stapeln sich Tonnen von Lebensmitteln, die eigentlich noch völlig in Ordnung sind. Neben dem überschrittenen Mindesthaltbarkeitsdatum sind auch eine beschädigte Verpackung oder gar ein leicht lädiertes Äußeres schon Grund genug für die frühzeitige Entsorgung.

Beim Thema Optik zeigt sich der Wahnsinn besonders deutlich: So müssen viele Kartoffelbauern bereits auf dem Feld bis zu 50 Prozent ihrer Kartoffeln aussortieren, da sie nicht den von der Industrie und damit letztendlich auch von den Verbrauchern gewünschten Standards in Form oder Aussehen entsprechen. Dabei sind Kartoffeln nur ein Beispiel von vielen. Auch beim Mindesthaltbarkeitsdatum gibt es viele Irrtümer. Es gibt nicht an, wann ein Produkt verfällt sondern, wie der Name schon sagt, wie lange es mindestens haltbar ist. Und so könnten viele Lebensmittel, vorausgesetzt sie wurden ordnungsgemäß gelagert, noch Wochen nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums bedenkenlos konsumiert werden. Doch viele Verbraucher wissen das nicht, und gehen davon aus, dass es gefährlich ist, solche Lebensmittel noch zu verbrauchen. Nach Ansicht vieler Verbraucherschützer ist das ein Problem. Eine etwaige Lösung könne ein, bereits abgelaufene Waren noch einige Tage reduziert anzubieten, anstatt sie auf den Müll zu werfen, sagte Ernährungsexperte Frank Waskow von der Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen. Wie viele Menschen sich für abgelaufene Waren entscheiden würden, trotz einer Vergünstigung, ist allerdings fraglich.

Das Problem ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Nur einige wenige gibt es, die sich bewusst entscheiden, etwas dagegen zu tun. Viele davon werden jedoch nur allzu gerne stigmatisiert oder bestenfalls als Ökofreaks belächelt. Vor allem die sogenannten Mülltaucher, also Menschen, die versuchen, ausschließlich von weggeworfenen Lebensmitteln zu leben, und dazu mit Vorliebe Müllcontainer von Supermärkten plündern, werden in unserer Gesellschaft nicht selten mit Ablehnung betrachtet. Viele dieser Aktivisten kassieren sogar regelmäßig Anzeigen wegen Hausfriedensbruch oder Diebstahl. Denn auch wenn das Essen eigentlich nur noch Abfall ist: Es gehört noch immer dem Eigentümer und für den scheint es oft einfacher und billiger, die Lebensmittel zu entsorgen, als sie zu verschenken.

Der Wahnsinn in Zahlen:
Jedes Jahr werden weltweit rund 1,3 Milliarden Tonnen Nahrungsmittel weggeschmissen. Das sind ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmitteln. Auch Deutschland bildet das leider keine Ausnahme – ganz im Gegenteil. Jeder Deutsche wirft statistisch gesehen pro Jahr 81,6 Kilogramm Essen weg. Das sind rund 225 Gramm am Tag. Zwar gehen hier offenbar die Schätzungen auseinander, Experten gehen jedoch mindestens davon aus, dass in der Bundesrepublik pro Jahr 11 Millionen Tonnen Nahrung in den Müll geworfen werden. Andere Hochrechnungen gehen sogar von bis zu 20 Millionen Tonnen aus. Laut einer Studie des Bundesverbraucherministeriums beläuft sich der Wert dieser Lebensmittel auf geschätzte 235 Euro pro Kopf und Jahr. Der Wert der jährlich allein in Deutschland weggeworfenen Nahrungsmittel liegt damit bei rund 21 Milliarden Euro. Das Perverse dabei: Insgesamt ließen sich etwa 65 Prozent dieser Lebensmittelverluste vermeiden. Und so müsste eigentlich kein einziger Mensch auf der Erde Hunger leiden. Die weltweit produzierten Lebensmittel würden ausreichen, um alle Hungernden der Welt zweimal zu ernähren, heißt es in dem deutschen Dokumentarfilm „Taste the Waste“, der 2011 in den Kinos lief.

Auch für Umwelt und Klima sind die Schäden enorm. Die aufgewendete Energie für die Produktion von Nahrungsmitteln, die dann letztendlich weggeworfen werden, verursacht rund doppelt so viele Emissionen wie der gesamte Luftverkehr. Auch in Deutschland ließen sich tausende Tonnen Treibhausgase einsparen, würden weniger Lebensmittel weggeworfen. Anlässlich einer Veranstaltung des Umweltbundesamtes auf der EXPO 2015 in Mailand, sagte UBA-Präsidentin Maria Krautzberger: „Allein die Lebensmittelverluste Deutschlands sind für etwa vier Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Weltweit verursachen die Lebensmittelverluste mehr als drei Gigatonnen Treibhausgase. Wenn Lebensmittelverschwendung ein Land wäre, wäre es der drittgrößte Treibhausgasemittent, direkt nach den USA und China“.

Äcker werden umsonst mit Millionen Litern Wasser bewässert, mit Pestiziden und Düngern belastet, Landstriche verwüstet und Wälder umsonst gerodet. Insgesamt beläuft sich der Schaden für die Umwelt auf circa 600 Milliarden Euro pro Jahr. Auch die sozialen Schäden verursachen Kosten im Wert von rund 900 Milliarden US- Dollar im Jahr. Dazu zählen beispielsweise Krankheiten aufgrund von Mangelernährung. Außerdem fehlen den ärmsten Menschen des Planeten oft Äcker um ihre eigenen Nahrungsmittel anzubauen, da diese von den Industrienationen zur eigenen Versorgung genutzt werden. Insgesamt machen die direkten Kosten durch die verlorene Produktion Schätzungen zufolge etwa eine Billion US-Dollar aus. Zusammen mit den Umweltkosten und den sozialen Kosten beträgt der Gesamtschaden an der Gesellschaft, der durch die unfassbare Verschwendung entsteht, demnach circa. 2,6 Billionen US- Dollar. Damit könnten alle hungernden Menschen dieses Planeten im Überfluss versorgt werden.
 

Leave a Reply