Ein Tag wie jeder andere?

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Wie jeden morgen sind wir heute mal wieder fast zu spät zur Schule gekommen, nachdem meine Kinder mit der Zahnbürste im Mund sich Witze erzählen, statt sich die Zähne zu putzen, nachdem nur etwas vorangeht, wenn ich mal wieder ungeduldig werde. Wie jeden morgen gehen wir im Eilschritt los. Aber heute war etwas anders. Auf unserer Strasse, die eine Sackgasse ist auf der wir jeden kennen, wankte eine Frau entlang, anscheinend betrunken, ihre Hose weiss von Schnee, ihr Gesicht so blass wie der Schnee auf ihrer Hose. Ich kannte sie nicht, eine fremde verlorene Frau, die Hilfe braucht.

Natürlich, oberste Priorität ist, einander zu helfen, das Elend der Welt zu verringern. Was für eine gute Gelegenheit, denen Hilfe zu leisten, die es brauchen. Aber wir haben nur noch 10 Minuten bis die Schule anfängt, die Kinder sind schon bei der Strasse. Was tun?

Günstiger-weise ging gerade ein Nachbar mit seinem Hund spazieren. Ihn habe ich gebeten, sich um die Frau zu kümmern, und weg war ich, hinter den Kindern her, noch rechtzeitig bei der Schule.

Als ich zurückkam war mein Nachbar schon weit weg mit dem Hund spazieren, die Frau nirgends zu sehen. Na dann, war wohl alles doch nicht so schlimm wie es aussah. Wahrscheinlich. Hoffentlich. Die Verantwortung für diese Frau habe ich ja nicht, die habe ich meinem Nachbarn ganz praktisch und ohne viel Aufwand zugeschoben. Dabei sehe ich sogar noch gut aus, immerhin zeige ich Besorgnis und Interesse für das Wohlergehen dieser Frau. So habe ich also ganz nach meiner Priorität gehandelt, anderen zu helfen. Oder?

Wie einfach ist es, anderen die Verantwortung zuzuschieben! Wie einfach, so ein Verhalten auch noch mit guten Gründen zu erklären und zu verteidigen! In Zukunft werde ich versuchen, einen Moment inne zu halten, um zu überlegen, was meine Rolle als verantwortungsvolle Erdbewohnerin ist, statt in Hektik Entscheidungen zu fällen, die unakzeptabel sind.

Maiken Winter

 

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