Grüne Wirtschaft wird Zukunftsmodell der IT-Industrie

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Beim Berliner Smart Grid-Roundtable diskutierten Anwender, Berater, IT-Hersteller die Anforderungen der Stromerzeuger und Verbraucher. Ein Ergebnis war, dass dem Strommarkt ein Paradigmenwechsel bevor stehe – die umfassende, digitale Steuerung der Stromnetze eröffnet Erzeugern, Händlern und Verbrauchern neue Märkte, neue Geschäftschancen und auch neue Pflichten und Risiken. Ohne Investitionen in Informationstechnologie werden sie diese Herausforderungen nicht lösen. Viele IT-Anbieter sehen hier ein Geschäft mit Zukunft. Denn das Smart Grid – das „Internet der Energie“ – benötige ein Vielfaches der Investitionen des bislang aufgebauten Worldwidewebs. Zum Gespräch mit eingeladen hatten Microsoft und das Institut für Informationswirtschaft.

Am Anfang der meisten IT-Projekte in der Energieindustrie steht die Energieeffizienz. Und Experten sind überzeugt, dass Geld der Faktor ist, der die Energiewirtschaft in eine „grüne“ Industrie verwandeln wird. Erzeuger und Großverbraucher haben Energie als Ressource entdeckt bei deren Einkauf und Verbrauch sie Tag für Tag einige Milliarden Euro sparen können. Denn für ein Unternehmen, das in Terawatt denkt, bedeutet eine kleine, prozentuale Einsparung von Energie bereits eine Kostenersparnis im dreistelligen Millionenbetrag.

Zusätzlich bringt die vom Staat verordnete Begrenzung der CO2-Emissionen eine neue Betrachtung des Energieverbrauches mit sich – hier können die Unternehmen weitere Milliarden sparen, wenn sie nachweislich „grün“ und „nachhaltig“ wirtschaften.

Während sich Umweltschützer, Wissenschaftler und Blogger noch über Gletscher, Meeresspiegel und Polarkappen streiten, haben die Unternehmen die „grüne“ Wirtschaft als Zukunftsmodell entdeckt. „Carbon is Business“ ist das neue Schlagwort der Wirtschaftsprüfer, und begeistert schicken sie Prüfer zu den Mandanten. Dort messen sie Energieverbrauch, CO2-Emissionen, kontrollieren Dienstwagenregeln und prüfen Rechenzentren auf Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit.

„Energieeffizienz ist der ganz große Rahmen“, sagt Maik U. Lasarzik, Senior Manager für Sustainability Assurance & Advisory Services bei Ernst & Young. „Daraus ergeben sich neue Strategien, neue Produkte, neue Risiken und natürlich die Änderung von Prozessen. Als Grundlage benötigen die Unternehmen eine neue Systematik. Ein System, welches über das Bilanzieren von Energie hinausgeht und deren Management betrachtet.“

„Nachhaltigkeit gehört heute zu den Kernthemen eines Unternehmens. Sie ist in der DNA eines Unternehmens verankert“, ist Lasarzik überzeugt. Das hieße selbstverständlich, dass sämtliche Bestrebungen dokumentierbar, prüfbar und somit auditierbar sein müssten.

Allein in diesem Bereich vermuten Berater und Systemintegratoren einen riesigen Markt. Als Maßstab nennen sie die Sarbanes-Oxley-Gesetze oder die Basel-II-Bestimmungen. „Die Anforderungen an ein Environmental Control Governance Model sind grundsätzlich die gleichen, wie wir sie aus dem Umfeld von Complianceprojekten für Financial Control Prozesse kennen“, bekräftigt Jens Rassloff, Managing Partner von Corporate Counsellors. „Führende Anbieter arbeiten heute an einem internen Kontrollsystem mit dessen Unterstützung die Verantwortlichen die Investitionen in Green IT und Environmental Governance kontrollieren und steuern können.“

Unternehmen wissen heute sehr genau, was sie in ihrem Kerngeschäft investieren und wie nachhaltig diese Maßnahmen sind. „Aber wenn man die Verantwortlichen fragt, welche Effekte sie mit den Investitionen erzielen, die sie für grüne Technologien ausgeben, welchen Durchsetzungsgrad und welche Nachhaltigkeit sie haben, können häufig keine exakten Antworten gegeben werden. Schon oberhalb der reinen Projektbetrachtung können oft keine Aussagen mehr getroffen werden. Eine Konsolidierung der Investitionen sowie ein einheitliches Reporting und eine Prozessverantwortlichkeit fehlt oft ganz“, hat Corporate Counsellors in vielen Projekten beobachtet.

Die grundlegende Aufgabe sei es Messdaten einzusammeln, auszuwerten und über die verschiedenen Managementebenen zu verteilen. Die Digitalisierung der Messergebnisse aus den Produktionsmaschinen, die Weitergabe der Daten in die Speicher der Managementsysteme übernimmt beispielsweise die Software der PSI AG aus Berlin.

Karsten Pierschke, Investor Relations bei PSI, nennt sowohl die Stromanbieter wie auch die Großverbraucher als Kunden. „Wir sehen uns auf einer übergeordneten Ebene, wir entwickeln das Leitsystem etwa für ein ganzes Stahlwerk und optimieren die unterschiedlichen Anlagen, die in den Prozess eingebunden sind“, erklärt Pierschke. „Das Ziel ist natürlich, den Gesamtenergieverbrauch im Stahlwerk so zu steuern, dass unsere Kunden die besten Kosten erzielen.“

Die Aufgabe sei aus den Prozessdaten, einen optimierten Wertschöpfungsprozess aufzubauen. „Natürlich sind unsere Systeme über Schnittstellen mit SAP und der Anlagentechnik verbunden, mit denen sie Daten austauschen.“ So können diese Daten die Grundlage sein, auf der Geschäftsstrategien wie Nachhaltigkeit und Energieeffizienz aufbauen.

„Unsere Rolle ist es die unterschiedlichen Glieder der Informationskette zu verbinden und wir stellen die Frage, wie Unternehmen einen strategischen Wandel vollziehen und gleichzeitig neue Geschäftsoptionen für sich erschließen“, unterstreicht Professor Carl B. Welker, Direktor des IIW Instituts. „Diesen Wandel sehen wir über die gesamte Wertschöpfungskette von der Energieerzeugung über alle Fertigungsstufen bis zum Endprodukt auf die Wirtschaft zukommen.“ Grundlage sei die Informationstechnologie, die Welker als absolut unabdingbare Grundlage für jede Art von Verbesserung beschreibt. „Unsere Nachricht ist: Ich kann mit IT wichtige strategische Positionen besetzen. Diese strategische Rolle ist der Schlüssel zu einem neuen, sehr interessanten Markt, den Energiewirtschaft und IT-Industrie gemeinsam erschließen werden“, ist sich Welker sicher.

Doch wie können die Unternehmen den Markt öffnen und sich positionieren?

Martin Beckers, Account Manager HP Services, Hewlett Packard, nennt ein beispielhaftes Vorgehen. „Der erste Schritt für mehr Energieeffizienzist das Thema ´Infrastruktur´ – das fängt beim Gebäude an und liefert Antworten auf die Frage, wie kann der Kunde seine IT-Räume energieeffizient aufbauen und betreiben.“ Im zweiten Schritt könne ein Anbieter seine Services so schneidern, dass er den Green-Datacenter-Gedanken weiter verfolge und Nachhaltigkeitskonzepte an den Endkunden herantrage. „Dann können Sie die Themen Innovation, neue Produkte, Smart Metering, Smart Grid beraten und bei deren Umsetzung unterstützen.“

„Die Anbieter wollen ihren Markt schützen und darauf vorbereitet sein, wenn Mitbewerber in diesen Bereich hineindrängen“, so Beckers weiter. „Da sprechen wir über die Übertragungs- und Distributionsnetze, die zusammengehören und eine einheitliche Lieferkette darstellen müssen.“

„Auch wir bekommen von den Kunden natürlich Anfragen zu Nachhaltigkeitsanalysen. Und die Kunden wünschen sich Projekte, die möglichst energieeffizient und möglichst nachhaltig und grün sind“, sagt Edith Phillips, Business Development Executive, IBM. „Ein wichtiger Punkt ist immer auch die intelligente Ausnutzung der vorhandenen Rechenkapazitäten.“

Ein größeres Thema sei die Diskussion über Smart Metering oder Smart Grids. IBM geht über die Angebote vieler anderer IT-Hersteller hinaus und hat umfangreiche Projekte im Bereich Research gestartet. Etwa um Intelligenz in die Supply Chains der Energieanbieter einzubauen – „von der Erzeugung bis zum Verbrauch, das ist eine echte Herausforderung“, so Phillips. „Wir arbeiten an einem Forschungsprojekt zum Elektroauto, um den dazu benötigten Batterien eine Reichweite von 800 Kilometer zu ermöglichen.“

Werden diese Konzepte Realität, wird die Informationstechnologie nach der Strombranche auch die gesamte Ölindustrie umkrempeln.

Christian Raum

Weitere Veranstaltungen zum Thema Cleantech sind in Zusammenarbeit mit Christian Raum, dem Moderator des Roundtables, und dem CleanEnergy Project geplant.

 

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