Goldrausch in Südamerika

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Illegale Rodung des Regenwalds.
Illegale Rodung des Regenwalds.

Die Abholzung der Regelwälder ist ein gravierendes Problem, das uns alle betrifft. Nicht nur hinsichtlich der Zerstörung des Lebensraums zahlloser Arten, sondern auch in Bezug auf den Klimawandel. Im Amazonas-Becken Südamerikas hat sich in den letzten Jahren ein illegaler Industriezweig entwickelt, der die Rodung des Regenwaldes weiter antreibt: Gold. Der Raubbau des Goldes ist so lukrativ, dass ihn kriminelle Organisationen bereits als Alternative zum Drogenhandel entdeckt haben.

Nach der Finanzkrise stieg der Goldpreis 2011 auf ein zwischenzeitliches Rekordhoch von circa 1.900 US-Dollar pro Feinunze. Der steigende Preis des für seine Wertbeständigkeit bekannten Edelmetalls wirkt seither nicht nur anziehend auf Investoren und Anleger, scheinbar brachte es auch die organisierte Kriminalität Südamerikas auf neue Ideen.

Seit einigen Jahren herrscht im Amazonasgebiet des südamerikanischen Kontinents ein wahrer Goldrausch. In Französisch-Guyana zum Beispiel, an der nordöstlichen Grenze Brasiliens, sind die Zahlen der illegalen Goldschürfer seit 2010 rapide gestiegen. Es gab sie hier schon immer, die vereinzelten Abenteurer, die dem Traum von großem persönlichem Reichtum jenseits des Gesetzes nachjagten. Doch nun hat sich etwas verändert. Der südamerikanische Goldrausch ist zu mehr geworden als dem Ziel waghalsiger Schatzsucher oder Geheimtipp für abenteuerlustige Touristen. Der steigende Preis und die damit einhergehend wachsende Risikobereitschaft in den Reihen der Schürfer haben seither dazu geführt, dass diese immer besser organisiert sind. Das illegale Goldgeschäft wurde mit der Zeit immer lukrativer und bald strömten ganze Heerscharen über die Grenzen des benachbarten Surinam und Brasilien. Es entstand eine Schattenwirtschaft illegaler professioneller Goldgräber.

Auch in Kolumbien und Brasilien wird mittlerweile im großen Stil Gold gefördert – auch hier illegal. Was in Französisch-Guyana mit einzelnen Goldsuchern, in Bächen und Flüssen mit ein paar Waschschüsseln, simplen Waschkonstruktionen und ein bisschen Quecksilber begann, ist mittlerweile auf ein industrielles Niveau angewachsen, kontrolliert und massiv gefördert durch die organisierte Kriminalität.

Im Rahmen der Bekämpfung des illegalen Drogenhandels, auch im Kontext des Einflusses der US-Drogenpolitik, des „War on Drugs“, haben linksgerichtete Guerilla-Gruppen wie die FARC das Geschäft mit dem wertvollen Rohstoff als sehr lukrative Alternative zur Drogenproduktion entdeckt. Sie lassen große Waldflächen roden und baggern weiträumig den Boden um, dutzende Meter tief, bis sie auf goldführende Schichten stoßen. Ist eine Quelle gefunden, werden simple Minen errichtet, in denen das Gestein sortiert und das Rohgold herausgefiltert wird – meist in eher überschaubaren Mengen verglichen mit der angerichteten Zerstörung.

Bis zu 80 Prozent der Minen sind illegal. Dennoch gibt es kaum Widerstand in der Bevölkerung. Ganz im Gegenteil: Da der organisierte Raubbau die Einwohner miteinbezieht, sie in geringen Mengen sogar am Gewinn beteiligt und somit Arbeitsplätze schafft, sehen diese den Goldabbau als legitimen Industriezweig, ja sogar als fortschrittlich. Es gibt kaum staatliche Präsenz in den betroffenen Gebieten, de facto rechtsfreier Raum. Das macht es den organisierten Gruppen sehr leicht, ungeniert den Wald zu roden und die negativen Umwelteinflüsse der Förderung komplett zu ignorieren. Bei der Auswaschung des Gesteins wird meist hochgiftiges Quecksilber benutzt, welches aufgrund der extrem simplen Minenanlagen ungehindert in die jeweiligen Flüsse sowie ins Grundwasser gelangt. Die ausgebaggerten Erdlöcher bilden zudem oft stehende Gewässer, welche wiederum große Mückenschwärme anlocken. Eine verstärkte Ausbreitung von Malaria in dem umliegenden Gebieten ist die Folge. Ähnliches geschieht in Französisch-Guyana. Dort hat Frankreich den Einsatz von Quecksilber schon 2006 verboten – ohne nennenswerten Erfolg. Die Neugeborenen der Ureinwohner der umliegenden Dschungelregion sind die Leittragenden. Sie leiden regelmäßig unter Missbildungen und schweren Erkrankungen.

Eine weitere Konsequenz der Goldminen ist die illegale Abholzung weiter Teile des Amazonas-Regenwaldes. Allein in Kolumbien wurden 2014 circa 170 Quadratkilometer Primärregenwald als direkte Folge des Goldabbaus gerodet.

Der illegale Raubbau hat in Kolumbien mittlerweile Dimensionen erreicht, dass Präsident Juan Manuel Santos zum „Krieg gegen die Minen“ ausgerufen hat. Das erinnert nicht aus Zufall an einen in Kolumbien tief in der Gesellschaft verwurzelten Konflikt. Nach über vier Jahrzehnten Drogenkrieg ist es mittlerweile die illegale Goldwirtschaft, die im Schatten der Gesellschaft zur Hauptaktivität der organisierten Kriminalität und demzufolge zu einer wichtigen Finanzquelle des Terrorismus geworden ist.

Wie erfolgreich der Krieg gegen die Minen in Kolumbien sowie vergleichbare Bemühungen in Brasilien und Französisch-Guyana sein werden, wird kurzfristig nur schwer messbar sein. Die diesen Monat beschlossenen ambitionierten Klimaziele durch die internationalen Gemeinschaft sind jedenfalls in ihrer tatsächlichen Realisierbarkeit maßgeblich begrenzt, wenn es in Zukunft nicht gelingt, die illegale Rodung der Regenwälder unseres Planeten zu stoppen.

 

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